Stückwerk des Wunders

Kraftfeld Zum Tod des Lyrikers Gennadj Ajgi (1934-2006)

In seinem dichterischen Werk, das seit den fünfziger Jahren unter den Bedingungen der sowjetischen Öffentlichkeit und Zensur entstanden ist, hat Gennadij Ajgi niemals Konzessionen gemacht. In seinem Zentrum steht das Vertrauen in die Leser, und das verleiht ihm ein spezifisches Gewicht. Es handelt sich um ein Vertrauen in das Gleichgewicht von Schweigen und Sprache, von Schlaf und Poesie, von Naturlaut und Wort: ein Gleichgewicht, das Menschen und Dinge, Lebende und Tote benötigen.

Gennadij Ajgi, 1934 geboren, entstammte dem Schamanengeschlecht einer alten Volkskultur am mittleren Lauf der Wolga, aus der Tschuwaschkaja, die als autonome Republik ihre Traditionen in die Gegenwart zu retten suchte. Auf Anregung von Boris Pasternak begann der junge Literaturstudent in Moskau 1953 in russischer Sprache zu schreiben. Ohne jede Möglichkeit der Publikation in der ehemaligen Sowjetunion ist in 50 Jahren ein Werk entstanden, das Kennern der russischen Dichtung im Ausland nicht verborgen blieb: Beginn der Lichtung (die erste deutsche Übersetzung von Karl Dedecius) erschien 1971 und wurde 1993 wiederaufgelegt. In den neunziger Jahren erschien eine zweibändige von Felix Philipp Ingold übersetzte und herausgegebene Ausgabe seiner Ausgewählten Werke.

Ein Dichter und ein Maler, Charles Baudelaire und Kasimir Malewitzsch galten ihm als Fixsterne am Himmel seiner Poesie: Baudelaires "brand/vom papier in die welt/" und Malewitzschs "arbeit um wie vom himmel gesehen zu werden". Man könnte die Kräfte umschreiben, die sich zwischen diese Einflussgebiete spannen: Leidenschaft für die Schwerkraft des Diesseits und Verlangen nach der gegenstandslosen Leichtigkeit des Jenseits. Damit hätte man den fragilen Rahmen für das poetische Kraftfeld von Ajgi. Seine Gedichte sind Felder des zuinnerst Lebendigen im Flussbett der Gegenwart. "Lichtung", "Feld", "Rose", "Hügel", "Schnee", die immer wiederkehrenden Marken in den Textkörpern erscheinen als "die essenz der verstecke die menschen behüten".

Ajgis singender Gedichtvortrag bot für den, der ihm lauschte, ein seltenes Beispiel lebendiger Dichtung. Man nahm an ihm teil wie an dem Spiel von Kindern. Jedes Kind schafft sich einen unmittelbaren Raum seines Lebens im Vertrauen auf die Welt. Gleiches tun die Gedichte Ajgis: Sie öffnen den unverbrauchten Raum des Hier mit seinen Quellen und zeigen, dass er durch nichts zu ersetzen ist. In Widmungsgedichten für seine Freunde und Kinder, zum Beispiel in Veronikas Heft (1986/1993), einem Gedichtzyklus auf die ersten sechs Monate im Leben seiner Tochter Veronika, gewinnt etwas davon Gestalt, was man die Transzendenz der Kindheit nennen möchte.

"Diese Welt rührt uns bisweilen an durch das bloße Stückwerk des ›Wunders‹ selbst - durch ihr eigenstes Wesen, und geschehen tut dies auf ganz schlichte Weise, so als legte einem jemand die Hand auf die Schulter, doch diese Schlichtheit ist etwas vom Allerunerklärlichsten unter dem, was wir für existent halten", schrieb Ajgi in einem Gesprächs-Essay einmal. Seine Gedichte mit ihren Chiffren und Intonationen sind "Welten-Gaben", die bleiben werden. Am 21. Februar starb der Dichter Gennadij Ajgi mit 71 Jahren in Moskau.


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00:00 03.03.2006

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