Stuhl auf drei Rädern

Warum starb die Journalistin Atwar Bahjat Erinnerungen eines ehemaligen al Jazeera-Korrespondenten im Irak

So sieht das Schicksal der Journalisten im besetzten Zweistromland aus: Für alle Parteien dieses Bürgerkrieges sind sie zu einer Art Zielscheibe geworden: Für frustrierte Militärs, die versuchen, Tatsachen zu verbergen; für Kriminelle, die Lösegeld oder Aufmerksamkeit oder beides wollen; für schattenhafte Agenten des Chaos, deren einzige Mission darin besteht, das Feuer zu schüren und die Konfusion zu verschlimmern.

Reporter ohne Grenzen zufolge wurden seit Beginn des US-Krieges gegen den Irak im März 2003 86 Journalisten getötet. Sieben starben allein in diesem Jahr, darunter die al Arabiya-Korrespondentin Atwar Bahjat, eine junge irakische Journalistin und mit Sicherheit eine der besten. Ihr von Kugeln durchsiebter Körper wurde zusammen mit den Leichen zweier anderer irakischer Journalisten nahe Samarra gefunden. Alle drei waren entführt worden, kurz nachdem Atwar ihren letzten Live-Bericht beendet hatte, in dem sie einfing, was nach dem heimtückischen Bombenanschlag auf den verehrten al Askari-Schrein der Schiiten in Samarra am 22. Februar 2006 geschah.

Als Tochter eines sunnitischen Vaters und einer schiitischen Mutter besaß Atwar als Journalistin den Respekt vieler Menschen. Es gelang ihr, die Rolle einer arabischen Frau im Journalismus zu definieren; sie verkörperte eine neue Generation.

Meine letzte Erinnerung an Atwar bezieht sich allerdings auf einen fortwährenden Kampf um Stühle in der Nachrichtenredaktion von al Jazeera. Lassen Sie mich erklären.

Vor ihrem Wechsel zu al Arabiya arbeitete Atwar bei al Jazeera, erst als Reporterin im Irak, dann in der Nachrichtenredaktion am Hauptsitz des Senders in Doha, nachdem die pro-amerikanische irakische Regierung beschlossen hatte, die Büros des Senders in Bagdad zu schließen. Atwar fühlte sich davon persönlich getroffen. Ihre Stärke bestand darin, die so oft ignorierten und verleugneten Emotionen der einfachen Iraker einzufangen, wenn sie Angehörige im Leichenschauhaus identifizieren mussten, im Café saßen, auf der Straße oder an anderen Orten unterwegs waren. In Doha fehlte etwas in Atwars Leben.

Bevor ich mich im Juli vergangenen Jahres entschied, al Jazeera zu verlassen, verbrachte ich einige Monate in der Nachrichtenredaktion des Senders. Dort kreuzten sich unsere Wege. Als eine der wenigen al Jazeera-Frauen, die ein Kopftuch trugen, brach Atwars Präsenz die redundante Routine der Nachrichtenredaktion. Unermüdlich auf der Jagd nach exklusiven Interviews, erfüllte ihr lauter, doch warmer irakischer Akzent den Raum. "Ja, mein Lieber, meine Augen, bleib für eine Minute in der Leitung, alles für dich", war Atwars Markenzeichen: Ihre Freundlichkeit blieb unübertroffen.

Ich gab viele Pressebulletins, Namen und Kontaktadressen amerikanischer Anti-Kriegs-Aktivisten und Intellektueller an sie weiter, die ich im Programm des Senders für unterrepräsentiert hielt. Alles lief gut, bis in der alten Nachrichtenredaktion von al Jazeera eine Stuhl-Krise ausbrach, die dazu führte, dass Atwar und ich beinahe täglich um ein abgenutztes Sitzmöbel kämpften, dem eines seiner drei Räder fehlte. Sie bestand darauf, es gehöre ihr, und ich gab natürlich immer nach. Zum letzten Mal sah ich sie einige Tage, bevor ich das Land verließ. An einem jener raren verregneten Nachmittage in Doha stand sie auf dem al Jazeera-Parkplatz und wartete auf ein Taxi. Sie schaute in meinen Wagen und wechselte einige wenige zärtliche Worte mit meinen Kindern, die augenblicklich hypnotisiert waren von Atwars farbiger, chicer Kleidung.

"Ob Sie Sunnit oder Schiit, Araber oder Kurde sind, es gibt keine Differenzen zwischen Irakern, die vereint sind in der Angst um diese Nation", sagte sie in ihrem letzten Bericht - Stunden bevor sie ermordet wurde. Mit Sicherheit dachten jene, die dieses Gefühl permanenter Angst aufrechterhalten wollen, um die Einheit der Nation zu sprengen, dass ihre Stimme zum Schweigen gebracht werden müsse.

Ich weiß nicht, welche Lehre aus ihrem Tod zu ziehen wäre. Aber wie viel mehr Leben müssen noch verloren gehen, bevor wir eine kollektive moralische Anstrengung unternehmen und erklären: Herr Präsident, Herr Premierminister, genug ist genug.

Ramzy Baroud lehrt heute Massenkommunikation an der Curtin University of Technology in Australien. Er ist Chefredakteur des Palestine Chronicle.

Aus dem Englischen von Steffen Vogel


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00:00 07.04.2006

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