Stunde Null auf Ground Zero

Soap-Opera Auf New Yorks umkämpftestem Baugrund kommen sich divenhafte Architekten, gewiefte Investoren und ein Gouverneur, der von der amerikanischen Präsidentschaft träumt, in die Quere

Viereinhalb Jahre nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center türmen sich in amerikanischen Weblogs die abenteuerlichsten Konspirationstheorien über den 11. September. In den Kinos läuft das Hollywoodepos United 93 von Paul Greengrass zum gleichen Thema, zwei weitere Blockbuster sind für den Sommer angekündigt, und in den Buchläden türmen sich Romanbearbeitungen der Ereignisse von Autoren wie Jay McInerney oder Jonathan Safran Foer. Doch auf der bekanntesten Baustelle der Welt und New Yorks größter unfreiwilliger Touristenattraktion türmt sich nichts. Der Streit um den Freedom Tower, das symbolische Prestigeobjekt für die amerikanische Identität, ist zu einem mediokren Debakel mutiert, dessen Fertigstellung in Frage steht.

Anfang letzter Woche ging ein Ruck durch dieses Feld des Stillstands. Die Hafenbehörde New Yorks, die Besitzer des WTC-Areals, und der republikanische Gouverneur des Staates New York, George Pataki, stellten dem Investor Larry Silverstein offiziell ein Ultimatum. Es ist seit langem ein offenes Geheimnis, das Silverstein nicht genug Geld hat, um den Freedom Tower, geschweige denn alle Gebäude auf dem Areal zu bauen. Das Ultimatum bot ihm einen großzügig abgefundenen Rückzug aus Teilen des Großprojekts an. Dieses könnte ohne Silversteins Widerstand zügig fortgeführt werden.

Wer Schuld am derzeitigen Status quo trägt, ist strittig. Doch als Favorit der Schuld-Spekulation gilt für viele tatsächlich Immobilienmogul Silverstein, der nicht an Zeitgeist-Architektur, sondern an Mietraum interessiert ist. Eine wachsende Anzahl von politischen Insidern ist aber auch von dem nachlässigen Führungsstil Patakis genervt und von seiner unverblümten Instrumentalisierung des Freedom Towers für seine voraussichtliche Präsidentschaftskandidatur in zwei Jahren.

Die Hafenbehörde wird als Institution eingeschätzt, die mit einem Projekt dieser Ausmaße schlichtweg überfordert ist. Daniel Libeskind, der als Masterplaner für die Bebauung des gesamten Gebiets verantwortlich ist, gibt - der Form halber hinter vorgehaltener Hand - dem Rivalen David Childs die Schuld. David Childs, der von Silverstein angeheuerte pragmatische Hochhausarchitekt, hält - hinter ebenso halbherzig vorgehaltener Hand - herzlich wenig von der hochfliegenden Architektur des Studios Libeskind.

Dass die Bebauung Ground Zeros in dieser explosiven Konstellation von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, ist schon in Breaking Ground ersichtlich, der schwachen Autobiografie von Daniel Libeskind, die Ende 2004 erschienen ist. Libeskind schildert dort detailfreudig, wie die gegenläufigen Interessen von Silverstein und Pataki zur Zwangsehe zwischen ihm selbst und Childs resultierten, die von tiefer Respektlosigkeit gekennzeichnet ist und sich bis in ein gegenseitiges Hausverbot hochschaukelte.

Libeskind stellt sich dabei gern als missverstandener Künstler und Opfer willfähriger Kapitalinteressen hin. Schließlich hatte er wie kein anderer die symbolische Sogkraft des Ortes verstanden und diese in den kongenialen Entwurf des Freedom Towers mit seinem optimistischem Pathos übersetzt. Dass die Symbolkraft seines Plans Stück für Stück von Childs und Silverstein verworfen wurde, schien dem divenhaften Architekten unverzeihlich. Was aber zwischen den Zeilen ebenfalls ans Tageslicht tritt, ist seine eigene grenzenlose Selbstverliebtheit und sein wenig praktischer Architektur-Mystizismus. Für keinen seiner Kollegen hat er auch nur ein Fünkchen Anerkennung übrig und immer, wenn er von seinem ersten Besuch auf Ground Zero erzählt, wirkt es, als sähe er sich als Geistermedium für die 3.000 Opfer des Terroranschlags.

Breaking Ground dokumentiert minutiös die absolut persönliche Interessenlage aller Beteiligten. Offensichtlich konnte sich niemand, Libeskind eingeschlossen, dazu bringen, private Eitelkeiten und Präferenzen im Namen des Prestigeprojekts beizulegen. Dass das Ganze im uninspirierten Entwurf eines Hochsicherheits-Wolkenkratzers endete, der auf einem 46 m hohen Sockel aus Titaniumstahl steht und obskurer Weise einem römischen Obelisken ähnelt, überrascht da wenig.

Die sonstigen Master-Planungen für Ground Zero sind hingegen durchaus respektabel. Das parallelogrammförmige, glanzverspiegelte Bürohaus WTC 7 von David Childs ist als einziges Gebäude auf dem Areal schon fertiggestellt und überraschend ansehnlich. Santiago Calatrava hat einen sensationellen Bahnhof entworfen, dessen Überbau an ein vornehm gebleichtes Dinosaurierskelett aus einem naturhistorischen Museum erinnert. Die zukünftige Gedächtnisstätte von Michael Arad bleibt nahe an Libeskinds schönem "Void"-Entwurf, der die Fundamente der alten Zwillingstürme bloßlegt. Norman Foster wurde kürzlich für den Bau des Hochhauses WTC 2 engagiert. Frank Gehry entwirft ein Zentrum für die Performing Arts und die norwegische Design-Firma Snøhetta ein Kulturzentrum. Von den Entwürfen, soweit sie vorliegen, gilt allerdings nur die Durchführung von Calatravas Bahnhof als sicher. Die anderen könnten den gleichen Weg wie Libeskinds Freedom Tower oder Snøhettas Kulturzentrum gehen. Letzteres wurde nach massiven konservativen Protesten gegen zwei vorgeblich unpatriotische Kunstinstitutionen, die dort beherbergt werden sollten, kurzerhand in ein Besucherzentrum umgewandelt.

Unterdessen klafft die Baustelle des Freedom Towers weiter als eine Wunde im amerikanischen Bewusstsein. So lange das Gebäude nicht errichtet ist, scheint in Amerika die Zeit nach dem 11. September trotz aller Filme, Konspirationstheorien und Romane still zu stehen. Ja die andauernde Absenz des Gebäudes scheint gar eine Bedingung für die zwanghaft florierenden 9/11-Erzählungen. Auch nach viereinhalb Jahren ist man noch mit jener gähnenden Leere im Herzen Manhattans konfrontiert, die es gilt, mit Bedeutung zu füllen. Vielleicht wird sich diese Situation jetzt ändern. Ende letzter Woche sind die ersten Bulldozer auf Ground Zero eingefahren. Silverstein hat Patakis Ultimatum angenommen. Es bleibt zu hoffen, dass es sich dabei tatsächlich um den seit langem versprochenen Baubeginn handelt, und nicht um eine weitere Episode jener endlosen Soap-Opera zwischen den Bauherren von Ground Zero.


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00:00 03.05.2006

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