Sture Verlogenheit

ITALIEN IST SCHOCKIERT Was verschwieg die Armee?

Scheinbar einfach war es 1999 für die italienische Regierung, an der Bombardierung Serbiens und des Kosovo teilzunehmen und die eigenen Luftwaffenbasen großzügig dem NATO-Kommando zur Verfügung zu stellen. Rom bewies weltpolitische Reife und empfahl sich als verantwortungsvoller Bündnispartner. Der damalige Premier Massimo D'Alema durfte sich zudem über die Gelegenheit freuen, mit dem Ja zu den Bomben auf Milos?evic´ die eigene kommunistische Vergangenheit entsorgt zu haben. Nun kehrt dieser vermeintlich aseptische Krieg, den die NATO ohne Verluste führen konnte, dahin zurück, woher er gekommen ist - und bringt den Tod.

Italiens Bevölkerung ist alarmiert und erwartet rückhaltlose Aufklärung - allen voran die Familienangehörigen der Soldaten, die im Kosovo oder in Bosnien eingesetzt waren und sind. Der Balkan - nur durch die schmale Wasserscheide der Adria getrennt - gilt faktisch als unmittelbare Nachbarschaft. In den vergangenen Jahren fungierte die Apenninen-Halbinsel immer dann als gigantischer Flugzeugträger, wenn die Luftflotte der NATO tödliche Lasten über Ex-Jugoslawien ausklinken wollte. Transatlantische Bündnispflicht ließ die Regierung in Rom eine logistische Schlüsselrolle einnehmen, die für den Krieg in Bosnien und Serbien unabdingbar war - dieses geostrategische Spiel sollte nicht zuletzt international zu mehr Statur verhelfen. Den Preis für solcherlei Hoffart zahlen nun indirekt jene jungen Italiener, die sich freiwillig für einen Einsatz in Bosnien meldeten und mit Blutkrebs in die Heimat zurückkehrten, mit großer Wahrscheinlichkeit wegen des Kontakts mit abgereichertem Uran - Italien hatte sich eben erstaunlich weit aus dem Fenster gelehnt. Die Bündnisräson verlangte Opfer, dem wollte man sich nicht entziehen.

Die Regierung gerät nun unter schweren Rechtfertigungszwang gegenüber der eigenen Bevölkerung. Stimmt es, wie der Verteidigungsminister sagt, dass auf dem sardischen Truppenübungsplatz bei Capo Teulada, wo der Soldat Giuseppe Pintus erkrankte und schließlich verstarb, nicht mit Uran-Munition geschossen wird, wie einige Medien vermuten? In Rom ermittelt Militärstaatsanwalt Antonio Intelisano und prüft, ob die zuständigen Offiziere der Missionen in Ex-Jugoslawien ihrer Verantwortung gegenüber den Soldaten wirklich nachgekommen sind. General Andrea Fornasiero (63) - heute Generalstabschef der Luftstreitkräfte - leitete von Juni 1994 bis Oktober 1996 die 5. Taktischen Alliierten Luftstreitkräfte (ATAF) der NATO im norditalienischen Vincenza und zeichnete somit verantwortlich für die Bombenangriffe bei der Operation Deliberate Force gegen die bosnischen Serben. Offiziellen NATO-Angaben zufolge sind dabei 10.800 urangehärtete Projektile auf Bosnien niedergegangen. Wusste General Fornasiero nichts von der damals eingesetzten Munition oder tanzte er - einer Marionette gleich - an den langen Fäden der NATO und führte willfährig aus, was in Brüssel entschieden wurde? Fornasiero schweigt bisher.

Die Vorstellung, die Militärs könnten der Politik Informationen bewusst vorenthalten haben, sorgt für mehr als nur Beunruhigung. Am 16. September 1999 hatte sich Gianni Rivera - der Staatssekretär im Verteidigungsministerium - klar vor dem Verteidigungsausschuss der Abgeordnetenkammer geäußert. "Keinerlei Bewaffnung und Munition mit abgereichertem Uran sind in Bosnien zum Einsatz gekommen." Knapp ein Jahr später ließ Verteidigungsminister Sergio Mattarella eine ähnliche Aussage - wieder vor der Abgeordnetenkammer - folgen: "In Bosnien sind niemals Waffen mit Uran verwendet worden." Erst kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember, musste er einräumen: Doch, Uran-Munition kam in Bosnien zum Einsatz - "aber Italien wusste von nichts!"

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