Sturm im Weinglas

Eine Frage des Geschmacks Die französische Weinkultur ist in freiem Fall - jetzt ziehen die Winzer die Reißleine

Die französische Weinwelt ist wieder einmal in Bewegung. Noch werden im Languedoc keine Autos abgefackelt und auch der Marsch auf Paris ist noch nicht unterwegs. Doch die Zeichen stehen auf Sturm. Kein laues Lüftchen, vielmehr ein Mistral, der nicht nur durch die Weingärten der Rhône fegt. Absurdes geschieht, nicht zum ersten Mal. So hat vor kurzem ein Pariser Gericht die Zeitung Le Parisien verurteilt, weil sie in einem Artikel darüber schrieb, wie gut Champagner sei. In seinem Urteil befand das Gericht, dass die Zeitung "beabsichtige, den Verkauf alkoholischer Getränke zu fördern, indem sie einen psychologischen Einfluss auf den Leser ausübe, der ihn dazu anstifte, Alkohol zu kaufen". Ein Aufschrei ging durch die ohnehin lädierte Weinindustrie, war es doch die Association Nationale de Prévention en Alcoologie et Addictologie, eine staatliche Organisation, die klagte. Die machte schon davor Schwierigkeiten, indem sie Vertrieb und Werbung von Wein über das Internet einschränkte oder zur Gänze unterband. Schwierigkeiten, die die französische Weinszene zur Zeit nicht braucht. Sie hat genug davon.

Trinkverhalten und Preisverfall

Ein gutes Jahrtausend schon trinken sich die Franzosen durch ihre Weinbauregionen. Auf kargen Böden, in oft unwirtlichen Gegenden, manchmal extremer Hitze, zuweilen auch Frost, Hagel und Rebläusen ausgesetzt, bildeten Millionen von Weinstöcken nahezu überall ein solides Fundament französischer Kultur und Klischees. Doch während das Baguette weiterhin unterm Arm klemmt, scheint die Flasche Wein auf dem Weg durch die Jahrzehnte verlorengegangen zu sein. Auf 50 Liter pro Mann und roter Nase im Jahr 2008 werde der Konsum schrumpfen, klagt man. Immer noch stattlich, könnte man hierzulande, bei lediglich 25 Liter pro Kopf Konsum im Jahr, vermutet. Doch lag die Durchschnittstrinkfestigkeit der Franzosen in den frühen Fünfzigern bei 140 Litern. Und was noch viel schlimmer ist: Trotz des gemäßigteren Trinkverhaltens ist ein Ansteigen der Importzahlen zu verzeichnen. Auch die Franzosen sind nicht vor den Marketingstrategien amerikanischer und australischer Weinkonglomerate gefeit. So stieg der Import von Weinen aus der Neuen Welt in den letzten zehn Jahren von 400 auf fast 500 Millionen Liter.

Die Unlust der französischen Weintrinker und die globale Wirtschaftsentwicklung haben weitreichende Konsequenzen. So muss nun zunehmend am internationalen Markt um neue Käuferschichten gekämpft werden. Die Erfolge sind dabei sowohl zwischen wie auch innerhalb der einzelnen Regionen unterschiedlich.

So haben zum Beispiel die cru classés der einzelnen Appellationen des Bordeaux keinerlei Absatzschwierigkeiten zu beklagen. Im Gegenteil, die Preise der großen Châteaux werden immer höher und die Käuferschichten immer größer. Händler aus Hongkong, Taiwan, Malaysia, China und Indien stehen Schlange. Anders sieht es freilich bei den Weine der generischen Appellation Bordeaux aus. Die Peripherie des Bordeaux, jenseits des für die Gegend so wesentlichen Terroir, hat mit zuweilen sehr durchschnittlichen Weinen die Reputation der Region bis zum äußersten strapaziert. Die Rechnung dafür blieb nicht aus. Viele Konsumenten sprangen bereitwillig in den Schoß der Zuverlässigkeit und kauften für das gleiche Geld gefällige australische Brands, fruchtige chilenische oder würzige südafrikanische Weine. Die banale Folge waren ein Verfall der Preise, Krisendestillation, Konkurse und zuletzt das Roden bepflanzter Weinberge.

Dramatische Exportrückgänge verzeichnen vor allem auch der Süden und das Beaujolais. So schwanden die Exporte aus dem Languedoc in den für Frankreich so wichtigen Exportmarkt England in den letzten Jahren um 30 Prozent, nach Deutschland und Holland um fast 50 Prozent. Einzig die erst in den letzten Jahren erschlossenen Märkte geben Hoffnung. Sogar das angegraute Image des ewig jungen Beaujolais konnte in den USA und Japan eine Umsatzsteigerung nicht verhindern.

Warum aber gehen im Languedoc die Winzer auf die Straße? Warum werden im Bordeaux Weine zwangsdestilliert und Weinbauern subventioniert, die ihre Rebstöcke ausreißen? Wo sind die Gründe dafür zu suchen, dass die Engländer erstmals mehr australischen als französischen Wein kaufen? Liegen sie im globalen Rahmen, in der Abwertung des Dollars, also außerhalb der Einflusssphäre der Winzer? Sind sie in den wenig dynamischen Strukturen einer seit Generationen kaum veränderten Weinbautradition zu orten oder in dem Glauben, dass leichte, tanninreiche Weine, die ein jahrelanges Kellerdasein zur Entfaltung ihrer optimalen Qualität erfordern, noch immer das Maß der Dinge darstellen? Frankreich offeriert ein wahres Panoptikum an möglichen Ursachen.

Der gute Tropfen im Weinsee

Klimatische Instabilität, sagen die einen, zu hohe Erträge oder der Unwille beziehungsweise die Weigerung der Winzer, sich auf neue Marktbedingungen einzustellen, andere. Während sich der Geschmack und damit die Anforderung an das Produkt Wein im Laufe der letzten Jahre verändert haben, scheinen zahlreiche Winzer beharrlich den von Generationen vorgegebenen Weg weiter zu gehen. Sympathisch und letztlich auch kaum verwerflich, produzieren sie Weine, die kompromisslos ihrem Verständnis von Qualität und regionaler Identität entsprechen. Im globalen Weinmarkt, geprägt von Überproduktion und Unüberschaubarkeit, bleiben sie auf der Strecke, Tropfen im immer größer werdenden Weinsee.

Ein Grunddilemma scheint dabei ein dem modernen Konsumenten kaum zugänglicher Herkunftsgedanke. Beharrlich setzt man in Frankreich auf das Schlüsselwort Terroir, ein Konzept, das die äußeren zusammenwirkenden Einflüsse des Klimas, der Böden und Hangausrichtungen über die Rebsorte stellt. Renommierte Regionen profitieren - fast jeder hat schon einen Chablis im Glas gehabt, und zur Not trinkt man eben Sancerre. Doch wie steht es um Faugères, Fitou oder Corbières? Und wer erkennt überhaupt die Region im Zeichenwald französischer Weinetiketten, deren Komplexität zuweilen an konkrete Poesie erinnert?

Die Konkurrenz aus der Neuen Welt ist simpler gestrickt und hat Erfolg damit. Ein einfaches Etikett betont Rebsorte und Winzer - banal, aber effektiv. Zudem wird den Ansprüchen der Konsumenten Rechnung getragen: Während in der Neuen Welt zuerst die zu erschließende Konsumentenschicht genau analysiert und danach entsprechend der Wein konzipiert wird, wird in Frankreich weiterhin erst Wein produziert und danach überlegt, welche Konsumentenschicht man damit erreichen könnte.

Anpassung an Konsumentenwünsche

Im freien Fall wird nun schnell die Reißleine gezogen. Vor wenigen Tagen hat Frankreich wesentliche Innovationen zur Umgestaltung des französischen Weinmarkts verabschiedet. In einen Fünfjahres-Modernisierungsplan gepackt, beginnt man nun das Terroirkonzept im Niedrigpreissektor aufzuweichen. Weine von der Loire dürfen künftig mit denen aus der Provence oder dem Roussillon verschnitten werden. Die Cuvées kommen dann unter dem Namen Vignoble de France, Rebsorte und Jahr werden auf das Label gedruckt. Puristen werden zurecht protestieren, geht doch damit ein fundamentales Prinzip französischer Weinkultur verloren. Richtig nervös jedoch sollten sie werden, wenn laut über den zukünftigen Einsatz technischer Hilfsmittel nachgedacht wird. Eichenchips und künstliche Tannine sollen ein billigeres Produzieren ermöglichen.

Der vermutete Protest sollte sich freilich eher gegen den Konsumenten richten. Weine für über drei oder vier Euro die Flasche haben eben ihren Preis. Über den klassischen Tafelweinbereich hinaus freilich gelten weiterhin strikte Regelungen und Kontrollen. Ziel ist es, "Traditionen zu bewahren und gleichzeitig den Sektor in Richtung Massenproduktion zu lenken", so Georges Malpel vom französischen Agrarbüro VINIFLHOR. Einer Anpassung an die Konsumentenwünsche der Exportmärkte steht nun nichts mehr im Weg. Ob dieser Schritt zu weit geht, wird sich weisen. Eine Balance spezifischer Charakteristika französischer Weine mit denen der Neuen Welt wäre wünschenswert.

Bei einer im Frühjahr in London veranstalteten Konferenz zum Thema war man ähnlicher Meinung. So erhoffte man sich vor allem eine Stärkung der französischen Brands, ein strukturierteres Marketing und durch die Möglichkeiten überregionaler Verschnitte bessere Basisweine im Billigpreissektor. Mittelmäßig sollte man dennoch nicht werden. Denn, so das allgemeine Urteil, französischer Wein ist durch seine Vielfalt, sein kulturelles Erbe und seine Persönlichkeit, Eleganz und Klasse der beste der Welt. Chapeau.

Bleibt lediglich zu hoffen, dass das auch von der französischen Anti-Alkohol-Lobby ähnlich gesehen wird. Die plant jedoch schon ihren nächsten Coup: So wird laut darüber nachgedacht, ob die 0,5-Promille-Grenze nicht ein wenig zu hoch angesetzt ist.

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00:00 13.06.2008

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