Sturmgewehr und Kuscheltier

Libyen Die Intervention der NATO schrumpft zum "Bilderkrieg". Der nunmehr über 100 Tage andauernde militärische Konflikt wird dadurch verharmlost und trivialisiert

Seit über drei Monaten täglich die gleichen Szenen. Wild gestikulierende junge Libyer mit umgehängten Maschinenpistolen winken – die Finger zum Victory-Zeichen spreizend – in eine Kamera oder fahren in Toyota Pick-ups mit darauf montierten Maschinengewehren in der Gegend herum. Zuweilen sieht man Aufnahmen von Menschenmengen, durch die ein Sarg getragen wird. Es sind in beiden Fällen Bilder von Aufständischen, die gezeigt werden. Damit kompiliert wird Material der NATO, die Bilder vom Start ihrer Kampfjets verbreitet oder Kriegssimulationen auf Computerschirmen anbietet, um den Abschuss von Panzern oder Bombentreffer von Gebäuden anzuzeigen. Adäquates von der Gegenseite existiert nicht, da sich dort offenbar kaum westliche Journalisten aufhalten oder medial nicht zum Zuge kommen.

Wir erleben eine Selbstheroisierung des Anti-Gaddafi-Lagers, verschränkt mit professioneller Maßarbeit der NATO-Piloten, die einen Krieg scheinbar fast ohne Blutvergießen führen. Ferngesteuerte Kampfdrohnen, die 2010 in Afghanistan bei 124 Angriffen 1.184 Personen töteten, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung gerade berichtet, heißen im Libyen-Krieg zwar Raubtier und verschießen Raketen mit dem Namen Höllenfeuer, richten aber offenkundig keine „Hölle“ an. Die Bilderfolgen meiden den Krieg – sie beruhigen den deutschen Fernsehkonsumenten und legitimieren die NATO-Intervention, die begonnen wurde, weil – so Hillary Clinton – ein zweites Srebrenica in Benghazi drohte.

Ganz anders in Frankreich, wo Präsident Sarkozy eine Mehrheit hinter sich hat, die den Krieg befürwortet, und die Medien offener Kriegspropaganda verfallen. In der seriösen Le Monde läuft eine Reportage unter dem Titel: Frauen in Benghazi verlangen Waffen für den Aufstand, dazu ein starkes Foto. Es zeigt zwei junge Frauen, fast noch Mädchen, die lächelnd ein Sturm­gewehr in die Kamera halten und es mit ihren kleinen Händen zärtlich streicheln wie ein Kuscheltier. Zur Vollendung des gemeingefährlichen Polit-Kitschs fehlt nur noch der Fernsehphilosoph Bernard-Henri Lévy, der den beiden Mädchen väterlich die Hände auf die Schulter legte und den Satz wiederholt, mit dem er im Text zitiert wird: „Das ist die philosophische Lektion!“

Postmodernes Gerede

In der heutigen Kriegsberichterstattung findet sich Zensur zusehends von einem Trend zur „Desinformation durch Überthematisierung“ flankiert, wie der Flensburger Historiker Gerhard Paul schreibt. So ließ das Pentagon für den Irak-Krieg 2003 ein „Bild-Management“ (perception management) entwerfen, da man sich wegen konkurrierender Medien wie des arabischen Senders al-Jazeera auf eine neue Lage einstellen musste. Dabei bewirkte der Bedeutungszuwachs von Kriegsbildern bei vielen Kommentatoren und Wissenschaftlern einen fatalen Denkfehler. Sie erfanden das Wort „Bilderkrieg“, das völlig in die Irre führt. Denn hinter dem Propaganda-Krieg um Bilder und mit Bildern tobt ungerührt ein Krieg der Waffen und realen Opfer. Die These, „der postmoderne Krieg“ sei im Unterschied zum herkömmlichen „vor allem ein Anschlag auf die Wahrnehmung“, so Gerhard Paul, oder: „der Kampf mit Waffen“ werde durch „den Kampf mit Bildern konterkariert“, wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler noch zuspitzt, stammt aus der Perspektive von Fernsehzuschauern, die ans postmoderne Gerede vom „virtuellen Krieg“ der französischen Philosophen Paul Virilio und Jean Baudrillard glauben.

Zivilisten und Soldaten dagegen ist der Unterschied zwischen dem, was Bilder und dem, was Waffen bewirken können, so klar wie der Unterschied zwischen Leben und Tod. An der Kriegsrealität ändern instrumentalisierte Bilder absolut nichts. Neu ist freilich, wie sich das Verhältnis von Kriegs- und Medienrealität verschiebt. Je unsichtbarer Soldaten wie zivile Opfer werden, desto mehr drängen Politiker auf die Bühne. Man denke an großformatige Fernsehauftritte von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg als Warlord im Kampfanzug und mit Stahlhelm in Afghanistan.

Bilder können einen Krieg durch die – Kriegsopfer verhöhnende – Genrebildchen trivialisieren, aber sie machen aus ihm keinen „Bilderkrieg“. Das Wort ist so leer wie die nach 9/11 gern kolportierte Phrase vom asymmetrischen Krieg. Asymmetrien gehören zu jeder Konfrontation und existieren seit genau 100 Tagen im Libyen-Konflikt gleich in dreifacher Ausführung: zwischen Gaddafis Truppen und der NATO, zwischen den Aufständischen und Gaddafis Restarmee sowie zwischen der NATO und den Aufständischen, die es offenbar nicht schaffen, die westliche Allianz als „ihre“ Luftwaffe zu instrumentalisieren.

Rudolf Walther schreibt für den Freitag in der Regel über Frankreich und die Schweiz

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10:50 05.07.2011

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