Sturz aus dem vierten Stock

Frankreich und der Attentäter von Nanterre Massaker, Selbstmord, Angst - warum die öffentliche Sicherheit zum Thema Nummer 1 im französischen Wahlkampf avanciert ist

Im Pariser Vorort Nanterre hat ein Mann von der Zuschauerbank aus während einer Stadtratssitzung acht Kommunalpolitiker ermordet. Mit zwei Waffen wild feuernd, konnte er erst von einigen mutigen Anwesenden überwältigt werden, als schon acht Tote am Boden lagen. Ein Massaker mitten im Präsidentschaftswahlkampf! Schon mit den Frühstücksnachrichten am Morgen danach kam der Ruf, das tragische Ereignis aus den Wahlkampfdebatten herauszulassen und es nur noch als Sache der Justiz zu betrachten.
Dabei blieb es aber nicht lange. Der Täter, der arbeitslose Richard Durn, hatte während seiner mörderischen Tat geschrieen: "Tötet mich!" Zwei Tage später war er tot. Während der richterlichen Vernehmung im legendären Haus Nr. 36 am Quai des Orfèvres, wo der Schriftsteller Georges Simenon seinen Kommissar Maigret ein- und ausgehen ließ, stürzte er sich aus einem Fenster im 4. Stock in die Tiefe. Der folgende Aufschrei der Empörung ist wohl am besten mit den Worten der Bürgermeisterin von Nanterre wiederzugeben: "Als der Mann bewaffnet war, schafften es unbewaffnete Zivilisten, ihn zu überwältigen. Und nun haben es bewaffnete Polizisten nicht geschafft, auf ihn aufzupassen."
Damit ist aus der Tat eines möglicherweise Geistesgestörten ein Politikum geworden. Präsident Chirac von der im Parlament oppositionellen konservativen RPR wirft dem Innenminister und damit indirekt auch seinem härtesten Rivalen, dem sozialistischen Premier Jospin, Versagen vor. Dass diverse andere Wahlkämpfer wie der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen, sein Rivale aus dem gleichen Lager, Bruno Mégret, und der weiter nach rechtsaußen gedriftete einstige RPR-Innenminister Charles Pasqua diesen Sermon anstimmen, war zu erwarten. Zumal man damit beim Wahlkampfthema Nummer 1 ist: der Sicherheit - noch vor Arbeitslosigkeit die Hauptsorge der Franzosen. Deshalb steht die "öffentliche Unsicherheit" ganz oben in allen Wahlprogrammen der inzwischen 18 Präsidentschaftsbewerber. Da wird ein gesondertes Ministerium ebenso ins Gespräch gebracht wie eine verschärfte Arretierung straffälliger Jugendlicher. Von Le Pen kommt die Idee, jugendliche Straftäter mit doppelter Staatsbürgerschaft - sprich: die Kinder nordafrikanischer Einwanderer - abzuschieben.
Besonders die Gewalt an den Schulen wird immer sichtbarer und brutaler, sie reicht von Vergewaltigungen auf dem Schulgelände bis zu Messerattacken gegen Lehrer. Ein Vater, der seinen Sohn schützen wollte, wurde von dessen Erpressern erschlagen. In den Cités, den Sozialwohnungsvierteln, die Lionel Jospin auflösen möchte, toben Bandenkriege mit Verletzen und Toten. Hier gilt das Anzünden von Autos der Nachbarn als Einstiegsübung für 10-Jährige. Sogar Notarztwagen werden so attackiert. Nur um zu zeigen, wer in der Banlieue die Macht hat.
Angesichts fehlender sozialer Aufstiegschancen avanciert der caîd, der Bandenchef, zum bewunderten Idol, das den ansonsten von der Gesellschaft verweigerten Respekt verspricht. Zu den Riten gehört la tournante - ins Deutsche am treffendsten mit dem Jargonwort "Wanderpokal" übersetzt, heißt das, junge Mädchen werden oft monatelang von der ganzen Gang vergewaltigt.
Soviel zu den Fakten, die ganz Frankreich aufbringen - niemals jedoch wird die Frage gestellt, welchem Raster die Erwachsenen in Sachen Konfliktkultur folgen. Die Antwort müsste desillusionierend ausfallen, denn eine Kultur des friedfertigen Ausgleichs kennt man in Frankreich kaum, schon gar nicht im Umgang der Sozialpartner miteinander. Da gilt als selbstverständlich, dass - wer seine Gruppeninteressen durchsetzen will - notfalls andere als Geiseln nehmen darf. So sitzen ein paar Hundert Osterurlauber auf der Ile d´Yeu im Atlantik fest, denn Fischer blockieren Hafen und Hubschrauberlandeplatz. Um die 1.000 Streiktage pro Jahr zählt man etwa bei der Eisenbahngesellschaft SNCF. Wenn die Bauern in Wut sind, was häufig vorkommt, dann blockieren sie mit Vorliebe Autobahn und Schienen oder demolieren Sicherheitsanlagen. Wütende Jäger haben gerade das Büro der Umweltministerin verwüstet. In die Schlagzeilen brachte es der alternative Bauernführer José Bové. Für seine "Protestaktion" - das Verwüsten einer McDonalds-Baustelle - ist er zwar zu drei Monaten Haft verurteilt worden. Aber die Fernsehzuschauer sehen ihn weiterhin ungehindert in aller Welt agieren, so dass der Eindruck entsteht, auch hier würde sich das Verfahren totlaufen.
All das gehört zur "Normalität" der französischen Gesellschaft, mit deren Auswüchsen nun Politik gemacht wird. "Pour l´ordre", steht auf den Plakaten von Le Pen. "Chirac sécurité - Jospin le désordre" (Chirac gleich Sicherheit - Jospin gleich Unordnung) plakatieren die Anhänger des Staatschefs. Und Le Pens Ex-Kronprinz Bruno Mégret will unter der Losung, "Frankreichs Ordnung wieder herstellen", in den Elysée-Palast. Da klingt es schon fast hilflos, wenn Lionel Jospin erklärt, er sei entsetzt, dass sich der Wahlkampf "nur noch um die Ängste der Franzosen" drehe.
Denn Frankreich hat nicht nur diese so erschreckend sichtbare Jugendkriminalität, das Land hält auch den Europarekord bei Selbstmorden Jugendlicher. Oftmals Leute mit einer Lebensgeschichte, die der des 33jährigen Todesschützen von Nanterre nicht unähnlich ist. Abitur - Studium - Erwerbslosigkeit. Und da nur Arbeitslosengeld erhält, wer schon einmal einen Job hatte, leben diese jungen Leute, die häufig erleben, dass ihre Bewerbungen an "Überqualifizierungen" scheitern, von RMI, der staatlichen Sozialhilfe. Abhilfe schafft das aus Steuergeldern finanzierte Regierungsprogramm emplois jeunes, das den Betroffenen zum gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn Beschäftigungen wie Sicherheitsdienst auf Bahnhöfen und in Zügen, Arbeiten in Naturparks und im Postservice offeriert. Eine seiner Qualifikation angemessene Stelle, die auch entsprechend bezahlt wird, findet einer, der wie Richard Durn Hochschuldiplome in Politologie und Geschichte vorzuweisen hat, danach trotzdem nicht. Ein Leserbriefschreiber der Libération fasste unter der Überschrift "génération sacrifiée" (Geopferte Generation) seine Verzweiflung in dem Satz zusammen: "Notre avenir est de ne pas en avoir" (Unsere Zukunft besteht darin, keine zu haben).

00:00 05.04.2002

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