Subjekt-konzept

Hans-Jürgen Krahl Rückbesinnung auf die Neue Linke

Ohne Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl wäre die antiautoritäre Neue Linke in Deutschland undenkbar. Dass beide nicht eingreifen konnten, als die Bewegung nach 1968 in einer Phase der Sektiererei versank, ist eine Tragik der Geschichte. Schließlich litt Dutschke noch an den Folgen des Attentats, Krahl hingegen starb, gerade einmal 27 Jahre alt, bei einem Autounfall. Dutschke erhob in den siebzigerer Jahren wieder das Wort - unter anderem mit seiner Analyse der "asiatischen Produktionsweise" als Wurzel des Sowjetmarxismus.

Das ebenso bedeutsame Werk Krahls dagegen geriet in Vergessenheit, auch wenn einige seiner Notizen, Entwürfe und Fragmente nach seinem Tod zugänglich gemacht wurden und, wie sein Leben, heute Grundlage vieler Mythen geworden sind. 37 Jahre nach seinem Tod nimmt sich nun das Hans-Jürgen Krahl Archiv in Frankfurt der Aufgabe an, Licht ins Dunkel zu bringen, indem es das unveröffentlichte Schrifttum Krahls publiziert und Zeitgenossen und Weggefährten befragt. Auf diese Weise soll Krahl und das Erbe der antiautoritären Neuen Linken wieder in die Diskussion gebracht werden.

Aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen der niedersächsischen Provinz, vollzog Krahl seinen, wie er selbst sagte, "politischen Bildungsprozess" von der CDU über die Kritische Theorie Theodor W. Adornos hin zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Auf dessen Delegiertenkonferenz im September 1967 hielt er gemeinsam mit Rudi Dutschke das heute noch diskutierte "Organisationsreferat", das der entstehenden Neuen Linken ein theoretisches Fundament gab.

Krahl und Dutschke sahen im Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 eine neue Qualität der außerökonomischen Zwangsgewalt in der Bundesrepublik. Die sich in der Folge spontan vergrößernde Protestbewegung dürfe sich durch diese Spontaneität aber nicht selbst lähmen, sondern müsse auf Grundlage der veränderten Verhältnisse organisiert werden. Durch die institutionellen Vermittlungen habe der Staat ein System der Manipulation geschaffen, das verhindere, dass sich die Massen organisierten. Vielmehr sei die äußerliche Gewalt so verinnerlicht, dass die Organisation neue Wege gehen müsse. Es komme deshalb darauf an, den paralysierten Massen "durch sichtbar irreguläre Aktionen die abstrakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewissheit werden" zu lassen. Krahl und Dutschke setzten der bis dahin bestehenden Organisation des SDS, der sich mittels Zustimmung der Mitglieder zu abstrakten Zielen äußerte, die "Organisation als Problem der revolutionären Existenz" entgegen. Später stellte Krahl klar, dass die Organisation ihr Ziel bereits in sich selbst antizipieren müsse. In ihr müsse also der Keim des "Reichs der Freiheit" enthalten sein.

Krahls Theorie war, angelehnt an den westlichen Marxismus von Georg Lukàcs und Karl Korsch sowie an die Kritische Theorie, ein Praxiskonzept, das die Subjektivität des Einzelnen in den Mittelpunkt stellte. Durch die marxistische Adaption der Psychoanalyse in der Tradition von Siegmund Freud und Wilhelm Reich kam Krahl zu einer neuen Bestimmung des Klassenbewusstseins, das sich zum einen durch die Erfahrung der Unterdrückung und zum anderen durch die Erkenntnis bildet, selbst Träger des falschen Bewusstseins zu sein.

Im Laufe seiner politischen und theoretischen Arbeit wandte sich Krahl von seinem Doktorvater Adorno ab, der in seiner Resignation jegliche politische Aktion im Faschismus enden sah. Konsequenterweise trat Adorno Krahl dann auch unversöhnlich gegenüber, als dieser 1968 mit anderen Studenten die Räume des Frankfurter Instituts für Sozialforschung besetzte. Nach dem Höhepunkt der Studentenbewegung versuchte Krahl, der von ihm beobachteten "Liquidation der antiautoritären Phase" nach 1968 entgegen zu wirken. Durch seinen frühen Tod brach diese Arbeit ab.

Am 27. Juni wurde auf dem Friedhof Hannover-Ricklingen in Erinnerung an Hans-Jürgen Krahl ein Gedenkstein enthüllt und aus diesem Anlass der Archiv-Verein gegründet.

Helge Buttkereit ist Mitarbeiter des Hans-Jürgen-Krahl-Instituts e.V. und freier Journalist.

Weitere Infos über Hans-Jürgen Krahl und das gleichnamige Institut und Archiv: www.krahl-seiten.de, www.hjki.de, www.krahl-archiv.de, www.krahlstudien.de


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00:00 29.06.2007

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