Substitut

linksbündig Olympische Muskelspiele in Krieg und Frieden

"Man muss seinen Reichtum unaufhörlich steigern", sagte der Abkömmling aus ältestem französischem Adel. Diese "Welt des Kampfes ums Überleben" hielt er allerdings nicht für rosig, denn "zwischen den Nationen herrscht ein Wettbewerb in Handel und Industrie", gelegentlich auch Krieg.

Der Adlige selbst rechnete sich im republikanischen Frankreich ausgangs des 19. Jahrhunderts der Aristokratie des Geistes zu und nicht den Industriellen oder Großgrundbesitzern. Er wollte den aristokratisch geprägten Eliteschulen, Clubs, Akademien, Salons und Orden etwas volksnah Republikanisches entgegenstellen. Der Baron Pierre de Coubertin empfahl deshalb den unteren Ständen eine "Republik der Muskeln" und verstand den "neuzeitlichen Olympismus" ausdrücklich als "Religion." Der Sport galt ihm als "eine Religion mit Kirche, Dogmen, Kult", die Wettkämpfer als eine Elite. "Diese Elite muss eine Ritterschaft sein. Ritter sind in erster Linie Waffenbrüder, mutige, energiegeladene Menschen, die nicht nur durch Kameraderie verbunden sind ..., sondern auf ihr liegt beim Ritter noch der Wettkampfgedanke ... des ritterlichen und doch mit Gewalt geführten Kampfes."

Die Idee fand Anklang und wurde 1896 unter dem Namen "Olympische Spiele" verwirklicht. Die Spiele sollten dazu beitragen, die wirtschaftliche Konkurrenz unter den Nationen und den Krieg auf den Schlachtfeldern durch den Kampf in den Sportstadien zu ersetzen. Das Symbol der Spiele - die olympischen Ringe - wurde zwar erst nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt, aber an die völkerverbindende Mission des Sports glaubte Coubertin schon vorher. Dass in Spielen nach Coubertins Vorstellungen Frauen keinen Platz haben sollten, liegt auf der Hand. Zuschauer dagegen waren vorgesehen, sollten sich aber "von nationalen Präferenzen" lösen und "Burgfrieden halten". So weit die Theorie.

Coubertin war jedoch nicht nur Geistesaristokrat mit Sinn fürs Volk, sondern auch Nationalist und nach eigenem Bekenntnis "begeisterter Kolonialmann". Lange vor dem Ersten Weltkrieg wollte er "die Rache" für die französische Niederlage im Krieg gegen Preußen-Deutschland von 1870/71 vorbereiten helfen, "indem wir gute Soldaten ausbilden". Dazu sollte der Sport und insbesondere der Schulsport beitragen, denn "Frankreich retten (ist) ein höchst sportliches Unterfangen", wie der Geistesaristokrat sich ausdrückte.

Im Ersten Weltkrieg wurde diese Behauptung in den Praxistest geschickt. Die von Baron de Coubertin mitten im Krieg formulierten "zehn Gebote von 1915" funktionieren nach der schlichten Devise "vom Spiel zum Heroismus." Aus dem "höchst sportlichen Unterfangen", Frankreich zu retten, wurde innerhalb weniger Wochen eine unerbittliche Schlächterei und aus ganz Europa ein Schlachthaus. Auch Coubertins Wort vom "Burgfrieden" bekam während des Krieges in Deutschland und anderswo eine ganz andere Bedeutung: über alle Parteigrenzen hinweg stellten sich Bürgerinnen und Bürger vorbehaltlos hinter die vermeintliche Notwendigkeit, Krieg zu führen - angeblich im Namen und im Interesse der gesamten Nation.

Der "große Krieg", wie er in Frankreich und England genannt wird, geriet in historischer Perspektive zur "Urkatastrophe des Jahrhunderts" - so der amerikanische Diplomat und Historiker George Kennan. So viel zur Praxis.

Heute ist aus der "Messe der Muskelreligion" (Coubertin) längst ein kapitales Geschäft und - im Glücksfall - packende Unterhaltung geworden. Es herrschen jene "großen Jahrmärkte", die Coubertin schon 1900 kritisierte und ebenso vergeblich verhindern wollte wie die Teilnahme von Frauen. Das hehre Ziel jedoch, den Krieg auf den Schlachtfeldern durch den Kampf in den Sportstadien zu ersetzen, haben die "Spiele" mit Sicherheit verfehlt. Doch für einige wenige stimmt jetzt die Kasse. Die "Spiele" sind "das größte aufblasbare Ereignis der Welt" (NZZ). Und die peinlichen Pirouetten von Sportberichterstattern wie deren lärmigen "Kritikern" traten an die Stelle der "Religion der Athleten" ("religio athletae"), von der Pierre de Coubertin träumte. Das Medienspektakel mutierte zum Götzendienst an nationalen Altären. Die Liturgie dieser Ersatzreligion wird man nun wieder rund um die Uhr hören, sofern man mag. Sportberichterstattung ist der einzige große publizistische Sektor, an dem Aufklärung und Kritik, die ihren Namen verdienen, bislang vorbeigegangen sind. Das mythische Labern und Wabern geht weiter.

00:00 06.08.2004

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