Subventionierung des Klimawandels? Hört auf

Forst und Wüste Der Klimawandel ist bitterer Ernst. Zu ernst, um immer noch über Grenzwerte und Ausstiegsdaten zu diskutieren
Ausgabe 43/2018
Hat aktuell größere Probleme als die Zahnpflege: das Walross
Hat aktuell größere Probleme als die Zahnpflege: das Walross

Foto: Matt Cardy/Getty Images

Der Weltklimarat neigt nicht zum Alarmismus. Er ist ein internationaler Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die sich über jedes Komma mühsam mit Experten und Regierungen abstimmen müssen. Die so errungenen Aussagen versehen sie in ihren Berichten noch mit Hinweisen in Klammern, wie vertrauenswürdig diese sind – sehr gering bis sehr hoch. Wenn dieser Weltklimarat nun warnt, es seien „beispiellose“ Veränderungen nötig, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, ansonsten drohten der Welt „beispiellose“ Veränderungen, dann sollte uns das beispiellose Sorgen machen. Damit wir uns das besser vorstellen können, reichten die Forscher zu ihrem 1,5-Grad-Sonderbericht anschauliche Beispiele: Wir laufen Gefahr, 99 Prozent der Korallenriffe zu verlieren (übersetzt: alle), der Meeresspiegel wird stark steigen (übersetzt: Tschüss, Fidschi) und die Arktis wird immer häufiger vollkommen auftauen (übersetzt: Tschüss, Walross, tschüss, Eisbär).

Der zwingend beispiellose Wandel etwa im Energie- und Verkehrssektor aber versackt in Kompromissen um Grenzwerte und Ausstiegsdaten, der Grund: Wirtschaftlichkeit. Das ist genauso beispiellos kurzsichtig wie falsch, denn fossile Energieträger sind nur wirtschaftlich, weil sie massiv subventioniert werden. Laut einer von Greenpeace beauftragten Studie tut Deutschland das mit 46 Milliarden Euro pro Jahr, der Internationale Währungsfonds spricht sogar von 55 Milliarden. Dazu gehören auch finanzielle Vorteile wie die Steuervergünstigung für Diesel oder das steuerfreie Kerosin für Fluggesellschaften, Erleichterungen, die nicht nur im offiziellen Subventionsbericht fehlen, sondern auch den erwünschten umweltpolitischen Effekt ebenjener Steuern zunichtemachen.

Dass solche Subventionen klimaschädliche Systeme künstlich am Leben halten, räumten die G20-Staaten schon 2009 ein und gelobten, sie abzubauen. Das ist jetzt neun Jahre her. Man könnte sagen, es hat nicht ganz geklappt. Einzig die deutschen Absatzbeihilfen für Steinkohle laufen dieses Jahr aus. Die hat der Bund bis zuletzt in Milliardenhöhe gefördert, denn wirtschaftlich war es schon lange nicht mehr, das Gestein in mehr als 1.000 Meter Tiefe aus dem Boden zu brechen. Würden die G20-Staaten endlich auch die anderen ineffizienten Subventionen des fossilen Zeitalters abbauen, hätten Walross und Fidschi eine ungleich größere Chance, der Welt noch eine Weile erhalten zu bleiben (sehr hohes Vertrauen).

Svenja Beller ist freie Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch Einfach loslaufen. Eine Reise in fremde Leben

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