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Rechtsextreme Nationale Zeitungen kokettieren mit dem Thema Frieden

Das musste ja so kommen, nach der überwältigenden Resonanz auf den Aufruf zur Berliner Friedensdemonstration: Antiamerikanismus- und Antisemitismus-Vorwürfe wurden laut. Mit dürftigen Belegen versehen, lancierte das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus (Berlin) einen "Offenen Brief an die Friedensbewegung". Sogleich machten prominente Unterzeichner in den Medien die übliche Runde. Darunter einige besondere Experten für das, was da angeprangert wurde, nämlich "Elemente eines Diskurses, der ohne große Mühe anschlussfähig an rechtsextreme und antisemitische Denkmuster ist". Lea Rosh weiß sehr genau wovon sie spricht: Sie war es, der der Einzug des Krawallstils in die Debatte um das Holocaust-Gedenken zu verdanken ist. Ihre Kampagne mit dem Slogan "Den Holocaust hat es nie gegeben" wurde von der NPD und anderen Nazis dankbar aufgegriffen. Im Glashaus sitzt auch Professor Michael Wolffsohn, der einen Beitrag zum neonationalistischen Kult um den "Anschwellenden Bocksgesang" von Botho Strauß verfasste, neben krass antisemitischen Bekenntnissen zur "selbstbewussten Nation". Jeweils "Elemente eines Diskurses, der ohne große Mühe anschlussfähig an rechtsextreme und antisemitische Denkmuster" war.

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass es seit der Beginn der Debatte um den geplanten Krieg gegen den Irak zu kruden Allianzen und problematischen Crossovers gekommen ist. Und das beschränkt sich nicht auf - zumeist klägliche - Versuche von Neonazis, sich an Friedensdemonstrationen zu beteiligen. Pünktlich zum großen Demonstrations-Wochenende wartete die National-Zeitung (NaZe) des DVU-Anführers Gerhard Frey mit einem Text von Franz Alt auf, der häufig als christliches und wertkonservatives Aushängeschild auf Listen von Erstunterzeichnern einschlägiger Aufrufe firmiert.

"Europa ist nicht gespalten. Die europäischen Zivilgesellschaften wollen Frieden", verkündete der Titel einer Leserschaft, der man zivile Werte wahrlich nicht unterstellen kann - das Blatt kommt deren "Rübe ab!"-Mentalität immer wieder entgegen. "Mit der klassischen Spaltung von linken Friedensfreunden und rechten Kriegstreibern hat die neue pazifistische Grundströmung in ganz Europa nichts mehr zu tun", verkündet Alt am äußersten rechten Rand der deutschen Publizistik. Da nimmt es die NaZe gar in Kauf, an jüdische Grundlagen Europas erinnert zu werden - freilich in signifikanter Drehung: "Es wächst ein europäisch-ethischer Urinstinkt aus dem Humus des alten christlich-jüdischen Gebots: ›Du sollst nicht töten.‹"

Die NaZe wie auch die rechtsextreme Wochenzeitung Junge Freiheit haben es seit Beginn der zweiten Intifada und verstärkt seit dem Terrorkrieg gegen Afghanistan verstanden, Gastautoren und Interview-Partner zu finden, deren kriegskritische Positionen nicht auf völkisch-nationalistischem Humus gediehen sind. So erschien in der NaZe ein Interview mit Noam Chomsky, dessen Authentizität der Bostoner Linguist allerdings bestreitet, sowie mit dem israelischen Schriftsteller Abraham B. Jehoshua. Als eine der Unterzeichnerinnen des Aufrufs israelischer Intellektueller, der vor einer möglicherweise geplanten Vertreibungsaktion gegen Palästinenser im Zuge des Irak-Krieges warnte, wurde die Tel Aviver Linguistin Rachel Giora von Gerhard Frey jr. interviewt. Die Junge Freiheit präsentierte Arundhati Roy und Immanuel Wallerstein.

Von Giora ist bekannt, dass sie nicht wusste, mit wem sie es zu tun hatte. Franz Alt hingegen wusste, was er tat, hatte allerdings zuvor schon seine niedrige Hemmschwelle bewiesen. Die Junge Freiheit versorgt er seit Jahren mit Artikeln. Bei einer Lesung in Aachen auf den NaZe-Text angesprochen, äußerte Alt, die Aufregung um die Veröffentlichung nicht verstehen zu können. Er habe schriftlich übermittelte Fragen Freys beantwortet. Mit Frey persönlich treffen würde er sich nicht. Er sei aber "gegen Feindbilder. Das sind doch Menschen. Und auch wenn ich politisch etwas gegen sie habe, so muss ich sie doch gerade dann von wichtigen Dingen überzeugen". Von der Ablehnung eines Krieges der USA muss man freilich die deutsche extreme Rechte in ihrer Mehrheit nicht erst überzeugen. Die Ablehnung "angloamerikanischen Bombenterrors" ist dort Standard. Und was Kriege angeht, propagiert man "eigene", nicht die fremder Mächte wie der USA - getreu der Vorstellung nationaler bzw. europäischer Souveränität. Mit Friedensbewegung hat das nichts zu tun.

00:00 28.02.2003

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