Suche nach einem Platz in der Welt

Bildung effektiv Schulen und Universitäten werden immer schneller durchlaufen - dabei ist Muße so wichtig im Lernprozess

An drei Tagen in der Woche kommt der elfjährige Johannes um drei Uhr nachmittags nach Hause. Er besucht das sechste Schuljahr in einem Kölner Gymnasium. Er hat dann sieben oder manchmal sogar acht Stunden Unterricht hinter sich. Die letzte große Pause ist gegen halb zwölf, danach hat er vier Stunden am Stück, nur von fünfminütigen Umbaupausen unterbrochen. Mittags legen andere aus guten Gründen eine Siesta ein, doch von Schulkindern erwartet man, dass sie voll durcharbeiten.

Johannes ist kein schlechter Schüler, aber in den letzten Monaten habe er schon zwei Mal eine Art Zusammenbruch gehabt - er hat geheult, seine Sachen hingeschmissen und erklärt, er könne nicht mehr, berichtet seine Mutter. Er gehört zum ersten Jahrgang, der das Gymnasium in acht statt in neun Jahren durchläuft. Der Stundenplan sieht für ihn schon im sechsten Schuljahr 33 Stunden pro Woche vor. Die Basketball-AG hat er gestrichen - keine Zeit. Im neunten und zehnten Schuljahr werden es 36 Stunden sein - das heißt also täglich sieben oder acht Stunden Unterricht. Und die Hausaufgaben sind auch mehr geworden, denn entgegen allen Beteuerungen der Kultusminister gehen die Lehrer davon aus, dass sie den gleichen Stoff in kürzerer Zeit bewältigen müssen. Da müssen halt die Kinder zu Hause nacharbeiten, was man während der Unterrichtszeit nicht geschafft hat.

Schneller durch, schneller fertig

Die Verkürzung der Schulzeit sei nun mal der allgemeine Trend, dem könne und wolle man sich nicht entziehen, heißt es dazu im nordrheinwestfälischen Schulministerium. Auf Nachfrage macht man sich nicht einmal mehr die Mühe, die Schulzeitverkürzung inhaltlich zu begründen. Stattdessen sagt die Schulministerin Barbara Sommer (CDU): Andere Länder, andere Schüler können es doch auch. Nur: in anderen Ländern ist der Schulbetrieb ganztägig organisiert, mit einer anderthalb- bis zweistündigen Mittagspause, mit Freizeit-, Sport- und Spielphasen. In Frankreich zum Beispiel hatten die Schüler schon bisher in zwölf Schuljahren erheblich mehr Unterrichtszeit als bei uns in 13. Und abgesehen davon stimmt das Argument nicht, dass anderswo die Schulzeit kürzer ist. In Frankreich etwa oder den Niederlanden wird von fast allen Kindern die Vorschule besucht, dann sind es auch wieder 13 Jahre bis zum Abitur. Anderswo gibt es fachgebundene Abschlüsse, keine allgemeine Studienberechtigung wie bei uns. Um studieren zu können, muss man dort noch eine Aufnahmeprüfung an der Hochschule ablegen oder einen Vorbereitungskurs besuchen wie in Frankreich.

Johannes Eltern begannen an ihrer Schule eine Debatte, ob man denn nicht Ganztagsschulen bräuchte oder zumindest erst einmal eine große Mittagspause mit einem Essensangebot in der Schule. Sie stießen auf Skepsis bei Eltern und Lehrern und auf Ablehnung bei vielen Schülern: Nur weil einige wenige etwas essen wollen, sollen jetzt alle noch länger in der Schule bleiben? Die Reaktionen sind aufschlussreich: Schule wird von allen Beteiligten als Ort empfunden, den man am besten meidet, den man folglich nicht länger als unbedingt nötig besuchen möchte. Ein Haus des Lernens, wie es in Nordrhein-Westfalen seit mehr als einem Jahrzehnt propagiert wird, sieht anders aus.

Schon jetzt zeigen sich die unbeabsichtigten Folgewirkungen der beschleunigten Gymnasialzeit, die ja in Wirklichkeit eine Verdichtung von Unterrichtszeit ist: Sportvereine, Musikschulen und Jugendgruppen klagen darüber, dass immer weniger Kinder zu ihnen kommen. Die haben einfach keine Zeit mehr. Und, besonderes pikant für die CDU-FDP-Regierung: Die Gesamtschulen erleben einen Nachfrageboom wie schon lange nicht mehr, denn dort hat man immer noch neun Jahre Zeit bis zum Abitur. Und sie sind richtige Ganztagsschulen, mit einem anders rhythmisierten Schultag, in dem Phasen der Muße und Entspannung, Arbeitsgemeinschaften, Musik und Sport einen wichtigen Platz haben. Weitere Probleme werden erst in einigen Jahren virulent: Durch die Schulzeitverkürzung wird der Übergang von anderen Schulformen aufs Gymnasium noch schwerer. Zudem werden im Jahr 2011/2012 zwei Absolventenjahrgänge gleichzeitig die Schulen verlassen. Die ohnehin schon überfüllten Hochschulen werden den Ansturm nicht bewältigen können. Die Folge: Studierwillige müssen länger auf frei werdende Plätze warten.

Warum also haben mittlerweile alle Bundesländer die gymnasiale Schulzeit verkürzt? Natürlich, um Zeit zu sparen. Schneller durch, schneller fertig, das gilt als Wert an sich, den man nicht weiter rechtfertigen muss. Deutsche Hochschulabsolventen sind im Durchschnitt 27 Jahre alt, in Großbritannien kommen sie mit 23 Jahren auf den Arbeitsmarkt. Das sei ein Nachteil Deutschlands im internationalen Wettbewerb. Sie zahlen weniger in die Rentenkasse ein, weil sie bis zum Rentenalter kürzer arbeiten. Lange Ausbildungszeiten sind volkswirtschaftlich teuer. Durch kürzere Verweildauer im Bildungssystem könne der Staat im Jahr 2020 rund 10,5 Milliarden Euro einsparen, hat das unternehmereigene Institut der deutschen Wirtschaft errechnet.

Zeit gewinnen kann man auch durch frühere Einschulung. In den nächsten Jahren wird das Einschulungsalter für alle Kinder auf fünf Jahre gesenkt. Dafür gibt es gute pädagogische Argumente - die Lernfähigkeit der Kinder, die bessere Integration von Migrantenkindern. Aber was erst einmal zählt, ist die höhere Durchlaufgeschwindigkeit der Kinder durch die Schule.

Ende der Feierlaune

Den größten Zeitgewinn und damit auch Einspareffekt hat man sich von der Studienreform versprochen: der erste akademische Grad, der Bachelor, nach sechs Semestern, und zwar konsequent. Die neuen Studienordnungen führen die jungen Leute durch den Tag, die Woche, das Studium. Da bleibt kaum noch Zeit zum Jobben, geschweige denn mit anderen Studenten irgend etwas anzustellen, seien es nun Parties, Demonstrationen oder alternative Arbeitsgruppen, die Bildungserlebnisse also, die einen oft mehr geprägt haben als ein Seminar.

In den Vorlesungen herrscht Anwesenheitszwang. Es finden permanente Leistungskontrollen statt. Die eingeschriebenen Studierenden sind auf einmal tatsächlich da - doch dafür sind die Hörsäle zu klein, und die Dozenten sind auf den Betreuungsaufwand und die vielen Prüfungen nicht vorbereitet. Alle Hochschulen nehmen nur noch begrenzt Studierende auf. Die Studierendenzahlen sinken derzeit, anstatt, wie eigentlich prognostiziert, zu steigen. Viele Abiturienten müssen erst einmal Warteschleifen drehen, von einer Verkürzung der Bildungszeit kann daher keine Rede sein.

Jenseits aller rationalen Überlegungen, wie sinnvoll frühe Einschulung, eine verkürzte Schulzeit und ein Schmalspurstudium wirklich sind, bricht sich das ideologische Prinzip der Zeitökonomie Bahn. Zu dieser Unterwerfung unter die Zeitökonomie gehört auch die neue Output-Orientierung. Wie viele Abschlüsse werden in welcher Zeit produziert? Wie lässt sich die Ausschussproduktion, also die Zahl der Abbrecher und Versager, verringern? Wie kann man den Durchsatz durch die Bildungsinstitution beschleunigen? Wie lassen sich methodische und soziale Kompetenzen möglichst effektiv generieren? All das messen und bewerten die PISA-Konsortien, die Evaluatoren, die Akkreditierer und Bildungsinspektoren, die durch die Schulen und Hochschulen ziehen. Bildungszeit zählt nur noch in Relation zum Output: das ist Effizienz.

Hinter der Output-Steuerung, der konsequenten Durchsetzung der Zeitökonomie kommt das alte Motiv der Philantropen des 18. Jahrhunderts zum Vorschein, die damals Pioniere einer breiten Volksbildung waren: Ziel der Schule ist die Erziehung zur Brauchbarkeit. Nützliche, anwendbare Kenntnisse sollen vermittelt werden, und zwar so, wie sie dem jeweiligen Stand angemessen sind. Der Gegenentwurf kam von Wilhelm von Humboldt - Bildung als Persönlichkeitsentwicklung, in einem Raum, der Freiheit von unmittelbarer Verwertbarkeit und Distanz zum Gegenstand ermöglicht, mit dem Ziel, später im Beruf autonom und zweckmäßig handeln zu können.

Hungrig nach Bildungserlebnissen

Es sei gar nicht die lange Schulzeit, die deutsche Absolventen so alt aussehen lässt, wendet der deutsche Philologenverband mit Recht ein. Es sind vielmehr das lange Studium und die Aus-Zeiten, die sich immer mehr Jugendliche nach dem Abitur gönnen. Sie gehen für ein paar Monate oder ein ganzes Jahr nach Australien oder Neuseeland, möglichst weit weg von hier, sie tingeln um die Welt, nehmen an einem Entwicklungshilfeprojekt teil, machen ein Praktikum. Junge Menschen organisieren sich die Bildungserlebnisse, die sie in der Schulzeit nicht hatten und immer weniger haben werden, je dichter ihr Curriculum wird. In den Augen der Bildungsökonomen ist das vergeudete Zeit, in der man kein Geld verdient, Zeit die später für die Rente im Versicherungsverlauf fehlt. Diese Zeit ist Luxus, aber offenbar ein notwendiger. Junge Leute versuchen dann, das nachzuholen, was sie in der Schule nicht geschafft haben - einen Platz in dieser Welt zu suchen. Diese Suche ist aufwändiger geworden. Es gibt mehr Wahlmöglichkeiten für den Einzelnen, und zugleich sind die Risiken einer Berufsentscheidung, einer Studienwahl schwer kalkulierbar.

Diese Art der Bildung ist kein messbarer Output, sondern ein Prozess der Entwicklung und Aneignung, und zwar ein ganz individueller. Dafür braucht jeder seine eigene Zeit. Sie lässt sich nicht genau abmessen. Je straffer die Schulzeit durchorganisiert wird, desto weniger Zeit bleibt, um die eigenen Neigungen und Interessen zu entwickeln, sei es im Sportverein, bei den Pfadfindern oder in der Theatergruppe der Schule.

In der Lehr-Lern-Forschung ist längst bekannt, wie wichtig es ist, dass Schülerinnen und Schüler auch Umwege gehen können, wenn sie ein Problem lösen. Gerade daran kranken deutsche Unterrichtsstunden, dass Lehrer das nicht zulassen, wie wir aus internationalen Vergleichsuntersuchungen wissen.

Der Freiraum für Umwege, für das überraschende Erlebnis, an das man sich noch zwanzig Jahre nach der Schulzeit erinnert, schwindet mit der Schulzeitverkürzung. Der Mathelehrer wird nervös, wenn er am Ende der Stunde nicht das richtige Ergebnis an der Tafel stehen hat. Nächste Stunde muss er weitermachen, sonst hat er den Stoff für das Zentralabitur nicht abgearbeitet. Schon in der Grundschule wird es eng: Kann es sich die Lehrerin noch leisten, einen ganzen Tag den Unterricht ausfallen zu lassen, um mit den Kindern ins Theater zu gehen oder in den Zoo? Klassenfahrten werden gekürzt oder ganz gestrichen, im Gymnasium überlegt man, ob man noch ein Betriebspraktikum braucht, stehen doch demnächst die zentralen Abschlussarbeiten an, und dafür zählen die ja nicht. Zeit wird also überall dort eingespart, wo bisher noch Raum für Bildung blieb, außerhalb des Paukens von Wissen.

Bildung braucht ungeplante Zeit, braucht Muße. Dieser Luxus, sich mit einer Sache nur um ihrer selbst willen zu beschäftigen, bleibt weiter nur einer Elite vorbehalten. Während jeder Betriebswirtschaftsstudent auf die neuesten Markterfordernisse ausgerichtet wird, beschäftigen sich die Ökonomen an der als Eliteschmiede geltenden Universität in Sankt Gallen zu einem Viertel ihres Studiums mit Philosophie. Wer sich den Luxus leisten kann, der steht eben nicht mit 23 Jahren auf dem Arbeitsmarkt, sondern macht Praktika in der Kongressbibliothek in Washington oder in einer Bank in Tokio. Er nimmt an einem Entwicklungshilfeprojekt teil oder organisiert ehrenamtlich einen Kongress. Da sammelt er oder sie die Erfahrungen, die ihn für eine Führungsposition qualifizieren, da bilden sich Eliten, und nicht in einem sechssemestrigen Studium, mit 30 Creditpoints in jedem Semester.

Muße heißt, eine Sache aus der Distanz zu betrachten, ihr nicht aufzusitzen und hinterher zu rennen, also die kritische Haltung einzunehmen, die das Ziel von Bildung ist. Was machen Jugendliche, wenn sie Zeit haben? Sie lesen nicht Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre oder Aus dem Leben eines Taugenichts, obwohl das ja die passenden Geschichten zu Muße und Bildung wären. Sie chatten am Computer oder sehen sich eine Nachmittagsserie im Privatfernsehen an. Latenzphasen gibt es in jeder Bildungsbiografie - auch sie müssen sein. Aber die Art des Müßiggangs hängt davon ab, unter welchem Stress man seiner Arbeit nachgehen muss, also wie der Lernalltag verläuft. Warum also nicht mehr Entspannung in der Schule, mehr Freiräume für das erzieherisch nicht Gestaltete, das Unplanbare, die eigene Initiative und Kommunikation?

Die oberste Regel aller Erziehung, meinte Rousseau, heißt nicht: Zeit gewinnen, sondern: Zeit verlieren!


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00:00 27.04.2007

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