Sucht ist keine Willensschwäche

Erfahrung Der Ex-Junkie Jörg Böckem sagt: Verbote schrecken niemanden ab. Im Gegenteil, sie haben ihn zu den Drogen getrieben
Jörg Böckem | Ausgabe 15/2016 36

Vor dem Rausch, dem ersten Joint, dem ersten LSD-Trip und dem ersten Druck. Vor dem Exzess, dem Kontrollverlust und der Sucht, vor Entgiftung, Substitution und Therapie waren das Verbot und die Strafandrohung. Genutzt haben sie nichts. Mir nicht und niemandem, den ich kenne. Im Gegenteil, den Drogennutzern, die ich während der Jahrzehnte kennenlernte, in denen mein Leben von Rausch, Sucht und dem Kampf dagegen bestimmt waren, haben das Abdrängen der Szene in die Illegalität und die Strafverfolgung geschadet, oft massiv. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil des Elends, das wir durchleben mussten, war der Kriminalisierung geschuldet. Der eine oder andere frühere Bekannte könnte vielleicht noch leben, wäre der politische Umgang mit Drogennutzern ein anderer gewesen.

Ich bin 1966 geboren. Zum ersten Mal illegale oder besser: illegalisierte Drogen habe ich mit 14 genommen. Zuerst Cannabis, dann nach einer zweijährigen Pause LSD, Amphetamine, psilocybinhaltige Pilze, Kokain, Heroin, Opium, Schlaf- und Beruhigungsmittel. Eine ernstzunehmende Form der Aufklärung gab es damals nicht. Was es gab, waren Verbote, Strafandrohung, Abschreckung. Drogen, hieß es, sind grundsätzlich böse und gefährlich. Diese undifferenzierte Dämonisierung hat meine Freunde und mich genauso wenig abgehalten wie Strafverfolgung und Haftandrohung. Spätestens nach den ersten Rauscherfahrungen war uns klar, dass die Dämonisierung mit unserer Realität und der besonderen Realität des Drogenrausches sehr wenig zu tun hatte.

Ohne Anleitung in die Wand

Ich wollte Drogen nehmen. Es gab keine falschen Freunde, die mich verführt haben. Ich war jung und getrieben von Neugier und Erlebnishunger, ich wollte an meine Grenzen gehen und darüber hinaus. Ich sehnte mich nach intensiven Momenten, nach Verschmelzung und Auflösung. Und ich wollte, nicht zuletzt, eine eigene Identität finden, jenseits der geordneten Kleinstadtwelt meiner Eltern und ihrer Leistungsideale. Dass Drogen tabuisiert und verboten waren, hat den Reiz für mich sogar erhöht. Was gab es Radikaleres, um sich vom Lebensentwurf meiner Eltern und Lehrer abzusetzen, als Drogen zu nehmen? Heroin zu spritzen war Welten entfernt von dem Leben, das von mir erwartet wurde. Drogen waren ein Brennstoff für meine Rebellion. Dass ich später süchtig wurde, hatte viele Gründe. Sie lagen zum größten Teil in meiner Persönlichkeit und Lebensgeschichte. Keine Droge führt auf direktem Weg in die Abhängigkeit.

Jörg Böckem, geboren 1966, hat zahlreiche illegale Drogen konsumiert und Strafverfolgung erlebt. Seit 15 Jahren ist er suchtfrei. Er hat fünf Bücher zu Drogen geschrieben, darunter seine Autobiografie Lass mich die Nacht überleben – Mein Leben als Journalist und Junkie und mit dem Wissenschaftler Henrik Jungaberle High sein – Ein Aufklärungsbuch

In den ersten Jahren waren meine Rauscherfahrungen großartig, überwältigend, die Sinne erschütternd. Das bestärkte mich in meiner Haltung: Warum sollte ich mir etwas so Faszinierendes madig machen lassen? Zumal von Menschen, die offensichtlich nicht mal wussten, wovon sie redeten?

Es dauerte aber nicht lange, bis ich die Konsequenzen der Kriminalisierung spürte: Meine Freunde und ich wurden schikaniert, vertrieben, verhaftet. Polizisten waren eine ständige Bedrohung unserer Freiheit. Polizei bedeutete Knast und für uns Junkies Entzugsschmerzen. Schmerzen, die uns ohne Not aufgebürdet wurden.

Das Abdrängen bestimmter Drogen in die Illegalität bedeutet auch, dass es sehr schwierig ist, weniger riskante Konsumformen zu lernen oder verantwortliche Entscheidungen in Sachen Substanzkonsum zu treffen. Ein Konsument illegaler Drogen gleicht einem Bergsteiger, der seine Ausrüstung ohne TÜV-Siegel auf dem Schwarzmarkt kauft und ohne fachliche Anleitung in die Wand steigt, nachdem er ein paar Freunden beim Kraxeln zugesehen hat.

Illegalisierung befördert auch den sozialen Abstieg: Zur Arbeit gehen, Miete zahlen, Beziehungen pflegen außerhalb des kriminellen Milieus, in dem man sich zwangsweise bewegen muss – all das wird durch die Kombination von Abhängigkeit, Strafverfolgung und Stigmatisierung zu einem Kraftakt, der viele überfordert.

Abhängige von illegalen Substanzen werden dafür bestraft, dass sie krank sind. Sucht ist aber nicht Willensschwäche oder moralische Verfehlung. Die meisten Süchtigen betreiben eine Form von Selbstmedikation, die sie kriminell macht, da ihr „Medikament“ nicht legal zu bekommen ist.

Ich erinnere mich, wie ich am Hamburger Flughafen einmal nur durch Glück einer Verhaftung entging. Ich sollte für ein großes Magazin mit einem Kollegen ein Interview mit Janet Jackson in Paris führen. Da ich heroinabhängig war und weder Interview noch Übernachtung in Paris ohne die Droge durchstehen würde, hatte ich ein Heroinbriefchen dabei. Versteckt in meiner linken Socke. Dass Flugreisende oft am Securitycheck abgetastet wurden, hatte ich vergessen. Der Beamte klopfte meine Beine ab, stoppte kurz über meinen Socken. Zwei Zentimeter weiter, und er hätte das Drogenpäckchen gefunden. Ich wäre in eine Zelle gewandert, der Interviewtermin wäre geplatzt – meine berufliche Zukunft ebenso. Ohne dass irgendjemand davon profitiert hätte. Im Gegenteil, statt Geld zu verdienen und Steuern zu zahlen, hätte ich im Gefängnis den Staat Geld gekostet.

Sucht speist sich aus verschiedenen Faktoren, individuellen, aber auch sozialen und politischen. Sicher, es ist gut möglich, dass ich in einem anderen, liberaleren gesellschaftlichen Klima ebenfalls abhängig geworden wäre. Aber die Prohibition hat einen Beitrag zu meiner Suchtentwicklung geleistet. Wie Kriminalisierung und Strafverfolgung einem Drogenkonsumenten oder der Gesellschaft in irgendeiner Weise nützen sollen, konnte mir bis heute niemand überzeugend erklären. Dabei, dass ich heute ein eher bürgerliches Leben ohne Sucht, mit Job und Familie führen kann, haben mir weder polizeiliche Ermittlungen gegen mich noch meine Vorstrafen oder Hafterfahrungen geholfen.

Statt Strafverfolgung brauchen wir Aufklärung über Wirkungen und Nebenwirkungen, Gefahren und Risiken. Damit wir verantwortliche Entscheidungen treffen können – für Abstinenz, oder gegen bestimmte Drogen und für andere, weniger gefährliche. Und damit wir diejenigen, die sich nicht abhalten lassen, in die Lage versetzen, risikoarme Konsummuster zu entwickeln. Die meisten von uns würden nicht auf die Idee kommen, Fahrradfahren oder Reiten zu verbieten, weil dabei Unfälle oder vereinzelt Todesfälle möglich sind. Warum gehen wir dann mit Drogen anders um? Vernünftige Gründe gibt es dafür nicht.

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06:00 11.05.2016

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