Sucht nach Nähe und Erkenntnis

Schleef, Pollesch, Castorf Ein winterlicher Rundgang über Berliner Theaterbühnen auf der Suche nach der Droge des Neuen

"Übertreten Sie nicht die Absperrung, Lebensgefahr!", so lautete es zur Begrüßung für die Zuschauer und Kulturreporter, die sich am 17. Januar im ausgeschlachteten Palast der Republik versammelten, anlässlich des 60. Geburtstags von Einar Schleef, der 2001 gestorben ist.

Schleef hat oft die Absperrung übertreten.

Natürlich übertrat ich nicht die Absperrung. Ich fügte mich diszipliniert in die Gemeinde ein, die bei aller Hingabe kalte Füße kriegte, im wörtlichen und im übertragenem Sinne. Der Künstler ist nicht verpflichtet, sich in Gefahr zu begeben, auch der Kulturreporter nicht, wie Robin Detje neulich in der Süddeutschen Zeitung meinte, als er die alternative Szene des politischen Theaters in New York suchte und bei aller Konspiration nur liebe, ehrgeizige, unpolitische Spieler fand. Der Künstler müsse sie uns vorführen, die Gefahr, und uns zugleich "Halt, Erleichterung und Wegweisung geben, wie es weitergehen soll mit unser aller Weltmacht", so Robin Detje.

Ich kann nicht danach in New York suchen, ich muss das hier in Berlin um die Ecke finden, die künstlerische Antwort auf die großen Fragen, in der Volksbühne, im Kino Babylon, im Prater oder im kaputten Palast der Republik oder auch in meinem Fernseher. Ich erfuhr, dass Kresnik die Zehn Gebote in einer Kirche inszeniert, dass für Castorf "die Religiosität ein Anker" ist, dass Peter Handke die Größe des Jesus von Nazareth weit über andere Religionsstifter stellt und dass in der Volksbühne demnächst nach dem Regelsystem des Glaubens an einen Gott gesucht wird, in der Inszenierung Vater unser von Ulrich Seidl. Was ist los? Wird es ernst?

Was ich erlebte im Palast der Republik, das war ernst, es hatte etwas von einem Kult, einem Totenkult. Es war ein feuchtes, kaltes Dunkel, nur wenige Scheinwerfer durchschnitten das stählerne Skelett. Ich stand oberhalb der Treppe für die Zuschauer, nackter Beton, rissig, grau, ab und zu ausgegossen mit rotzgelbem Fugenschaum. Gegenüber der Treppe der schwarze Durchblick auf die nasse Stadt, darin unablässig das Huschen roter Rücklichter draußen.

Der Chor. Sie kamen in langen Mänteln, hingegebene blasse Gesichter. Der Gesang erklang sehr schön; das war beeindruckend von "Die Revolution marschiert ..." bis zu "Und aus den Wiesen steiget". Aber der Chor war ein wenig somnambul, vor Jahren von Einar Schleef so einstudiert, tauchte er nun wie ein Erinnyen-Chor aus dem Dunkel, drohend, klagend zog er weiter auf der einmal eingenommen klassischen Höhe dahin. Die Gefahr eines Abstürzens, eines Versinkens in einsamer Kälte war greifbar. Still standen die Zuhörer und erlitten es, den Ausruf: "Golgatha der Arbeiterklasse!" Die Schauspielerin Jutta Hoffmann las aus dem Roman Gertrud, die die Mutter Schleefs war, die mit den Herzschmerzen und der Verstopfung, eine von den verratenen Müttern mit den Qualen des einsamen Altwerdens, in der der Autor sich auch selber beschreibt, seinen Kopf und sein Herz.

Ich blickte in das tiefe schwarze Loch, aus dem ein Eisenpfeiler heraufkam. Und ich dachte, mein Gott, wie haben es die Toten kalt, und wie froren im Januar 1919 die wieder aus dem besetzten Schloss vertriebenen revolutionären Matrosen. Hatte ich wirklich 1976 gesehen, wie Gefangene und Soldaten tief unten am Fundament arbeiteten? Oben an der Glaswand hing jetzt der leere Ring des einstigen Staats-Emblems. Hammer und Zirkel waren weg, aber der Chor rief eindringlich: "Arbeit! Arbeit!" Mit den Resten der Inszenierung Verratenes Volk in den Resten des zerstörten Staats-Baus wurde Tragödie zelebriert: die Niederlage der Revolution 1918, der Untergang der DDR, der Tod des Künstlers.

Dann lief ich (Verrat?) zwei Tage später zu Pollesch in den Prater. Dort war es ganz hell und ganz warm und weich und lustig in der Telefavela unter dem roten Zeltdach und auf den Kelimkissen. Zu weich und zu leicht? Sozusagen immer wieder nur Damen-Stiefel, die nicht wirklich gegen etwas treten, sondern nur in Seidenbetten versinken? Es gibt eine idiotensichere Handlungserklärung, wie im Kasperle-Theater, ja, ja, Soap, mit fünf festen Figuren: da sind der Herr, dessen Contessa, deren Diener, dessen Geliebte und eine gierige Tante. In der soziologischen Pollesch-Fuge erklingen vertraute Motive: "Du willst mir doch nicht erzählen, dass, wenn du mir Geld oder meine Kreditkarten klaust, dich das Zeug an mich erinnert."

Neuere Motive waren: "Die Sicherheitskräfte! Sie kannten alle Sicherheitscodes, sie haben mich zusammengeschlagen und sich geweigert, mich vor sich zu sichern". und "Von manchen werden vielleicht zwei Sätze bleiben in einer Polizeinotiz" und "Die Dienstmädchen leben inzwischen unter einer Zeltplane und die Herren in ihren Hubschraubern können gar nicht mehr landen".

Es wurde weniger gebrüllt, und es wurde auch nicht so viel intim geflüstert wie in den vergangenen Stücken. Video-Einspielungen fielen weg, die Musik trat zurück, dafür wurden manche Sentenzen von Christine Gross langsam und deutlich losgeschickt, sie hat das genossen. Sophie Rois führte vor, wie man selber ein innovativer Scheiß geworden ist, der vergeblich etwas zu begreifen versucht, was ihr wieder wunderbar gelang: "Kannst du nicht mal in mein Gehirn rein sehn?" Aber nichts von Gott oder Kult oder Glauben, sondern die nackte Sucht nach Nähe und Erkenntnis, die uns bei aller Anstrengung durch die "innovativen Technologien" versperrt bleiben. Liebevoll nüchtern, boshaft aufklärend und neurotisch im Widerstand, wie Pollesch eben. Neu war und leichthin vereinfachend der komische Reihentod aller Figuren mit den letzten Worten: "Dragée, Dragée! Der Hohn auf die Droge. Süße Droge, Dragées sind süß."

Schleef, der immer wieder zu Betrauernde? Ich kann ja Droge Faust Parzival lesen, da habe ich ihn ganz. Oder Pollesch, die immer wiederkehrende Pokemon-Energie-Auftank-Station? Wo ist Neues? Im Theater muss sich was finden, womit ich geistig überleben kann, das bin ich so gewöhnt, das ist meine Droge.

Kokain, so lautet der Titel der neuesten Castorf-Produktion nach einem Roman von Pitigrilli. "Kokain, die kapitalitische Droge schlechthin, forciert den antiökonomischen Exzess und das ökonomische Kalkül" (Presse Volksbühne). Kokain als eine Metapher für "süßen freiwilligen Tod, den wir alle herbeirufen, ... ein Symbol für die Vergiftung, der wir alle erliegen." (Pitigrilli)

Nein! Keine Unterwerfung! Dann lieber mit Schleef zu den Müttern zurück, in die kaputte Klassik und zurück in das wirkliche, stinkende und schwitzende, sich quälende deutsche Kleinbürger-Proletariat und zu den aus ihm gekommenen Künstlern. Das ist, wo wir herkommen, die Lieder, die Sprache, die Liebe, die Poesie! Aber Castorf, der wird schon daran arbeiten, dass die Sehnsucht nach dem süßen Tod, nach der Droge als Befreiung vom Widerspruch sich nicht erfüllt, sondern ein "von den Beteiligten diszipliniert und anstrengend erarbeitetes Konstrukt" wird (Presse Volkbühne).

Das Bühnenbild gestaltet Jonathan Meese. Was heißt Jonathan Meese für die Volksbühne? Der Künstler hat sich in der vergangenen Woche öffentlich vorgestellt mit seinem Kult-Film Zardoz, Großbritannien 1974. Aus der Vorrede Meeses auf Video sammelte ich Sätze wie: "Ich suche das Schlupfloch, wo es weiter gehen kann"; sehr schöner Widerspruch. Zuletzt kam eine Hommage an die Kunst: "Sie will nichts von uns, und sie nimmt nichts von uns, und was gibt es sonst noch, was nichts von uns will."

Ich sah gespannt und erschrocken zu, soviel unverschämte Zitate von verabsolutierter Schönheit aus der Kunstgeschichte, soviel antike Schlächter und so viel Sehnsucht nach dem süßen Tod als Motiv, und der Held, der immer mit der Pistole alles regeln muss, sogar das Eindringen in die virtuelle Welt damit frei schießt, die Erlösung! Virtuell, das heißt, kein wirkliches Bild, sondern Spiegel, Spiegel und Kristalle, Zeichen des Erweiterungswahns. Wenn man hinein will, stößt man sich den Kopf!

Ein Sciencefiction-Film, den ich oft als Bild denke, ist Die Geschichte der Dienerin von Volker Schlöndorff. Im Vergleich zu Zardoz ist der völlig real. Von Zardoz, dem Kultfilm Meeses, war ich etwas vor den Kopf gestoßen und warte nun auf Kokain und auf Vater unser. Eklektizismus aller Ideen und Ideologien? Wir übertreten die Absperrung. Lebensgefahr!


00:00 30.01.2004

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