Sucht nach Sinn

Thriller Dan Browns Roman „Das Verlorene Symbol“ spinnt das Verschwörungsdenken des 18. Jahrhunderts weiter – und zeigt, wie sehr wir immer noch danach verlangen

Als am 15. September 2009 der Roman The Lost Symbol von Dan Brown erschien, brach er schon am ersten Verkaufstag mit einer Million umgesetzter Exemplare einen Rekord. Der Thriller, der in Deutschland zum Start der Frankfurter Buchmesse erscheint, kreist um die geheimnisumwitterte Rolle der Freimaurerei in Geschichte und Gegenwart der USA. Wie in den Vorgängern Illuminati und Sakrileg ist auch diesmal der Kunsthistoriker und Symbolforscher Robert Langdon unterwegs, um mit Hilfe von Kryptographie und Semiotik ein Wissen aufzudecken, das die Welt in ihren Grundfesten erschüttern soll. Und wieder folgt er nicht nur dem Imperativ zur Enthüllung einer verborgenen Wahrheit, sondern auch den Maximen eines Verschwörungsdenkens, das seine Ursprünge in der europäischen Aufklärung hat.

Bereits der 2003 erschienene und bis heute weltweit 80 Millionen Mal verkaufte Roman Sakrileg hat seinen kommerziellen Erfolg weniger besonderen ästhetischen oder intellektuellen Qualitäten zu verdanken. Der Absatz des Werkes, das in einer Vorbemerkung unter dem Titel Fakten und Tatsachen den authentischen Status zentraler Elemente reklamiert, ist eher Resultat des vollmundigen Versprechens, die laut Klappentext „größte Verschwörung der letzten 2000 Jahre“ aufzuklären. Dazu zieht Brown alle konspirationistischen Register. Gegen den Harvard-Professor Robert Langdon und die Kryptologin Sophie Neveu agieren scheinbar omnipotente Drahtzieher; mysteriöse Zeichen und chiffrierte Botschaften sind zu entziffern. Und ein Geheimnis ist aufzudecken, das keine geringeren Konsequenzen haben soll als eine Umkehr des bisherigen Weltbildes.

Am Reißbrett des Erfolgs konstruiert

Der Roman wurde ein Bestseller; auch die flaue Verfilmung spielte 758 Millionen Dollar ein. Selbst ein Plagiatsprozess mit kryptographisch informiertem Richter und Boykottaufrufen durch Amtsträger der katholischen Kirche halfen eher als zu schaden. Es war wohl dieser kommerzielle Erfolg, der den in Neuengland lebenden Autor zu einer Wiederholung des eingeführten Musters motivierte. Das verlorene Symbol, Produkt fünfjähriger Recherchen, kopiert den Plot des Vorgängers nahezu vollständig; auch wenn die auf zwölf Stunden verkürzte Handlungszeit die Ereignisse zusammendrängt. Wieder wird Langdon in einen mysteriösen Fall verwickelt, der sich als raffiniertes Komplott zur Erlangung geheimen Herrschaftswissens erweist: Sein väterlicher Freund Peter Solomon, wie schon George Washington und andere Gründerväter der USA Freimaurer und in vermeintlich uralte Kenntnisse eingeweiht, wurde entführt; um dessen Leben zu retten, muss Langdon in die unterirdischen Gänge von Washington D.C. eintauchen und dieses Geheimnis zu Tage fördern.

Wie schon der Vorgängerroman entfaltet Das verlorene Symbol nun die scheinbar verwirrende, doch schließlich ohne größere Überraschungen aufgelöste Suche nach diesem verborgenen Wissen, das unendliche Macht verspricht. Wie zuvor wird der Symbologe misstrauisch observiert von Organen der staatlichen Sicherheit. Und wie vorher agiert ein scheinbar omnipotenter Gegenspieler, der in seiner Gier nach dem Geheimnis vor keiner Brutalität zurückschreckt. Dieser Finsterling präsentiert Langdon im Kuppelsaal des Capitols in Washington auch Peter Solomons abgetrennte Hand, die mit tätowierten Symbolen auf Fingerspitzen und dem kryptischen Kürzel SBB XIII auf der Handfläche eine drastische Einladung zur Aufklärung ausspricht.

Im Kampf gegen den gleichfalls von der CIA verfolgten Kidnapper findet Langdon wiederum typische Verbündete. Katharine Solomon, die Schwester seines Mentors, laboriert in ihrem Institut für Noetische Wissenschaften an Prozeduren zur mentalen Steuerung physischer Prozesse. Dass die vermeintlich uralte Weisheit der Freimaurerei und moderne Noetik – die nicht weniger anstrebt als eine Beherrschung der subatomaren Welt durch die Kraft gebündelter Gedanken – im Verlauf der zwölfstündigen Jagd zusammenfinden, kann den Leser kaum verwundern. Der Plot ist eindeutig konstruiert; Figuren und Kon­stellationen bleiben flach. Sobald Emotionen jenseits obligaten Erschreckens aufkommen, taucht garantiert ein Bösewicht auf. Wenn Gespräche oder Reflexionen die Grenze der Falllösung überschreiten, erzwingen plötzliche Gewalteinbrüche ihren Abbruch. Selbst die unterirdischen Gänge, Kammern und Tempel der US-amerikanischen Hauptstadt vermitteln nur selten den Eindruck eines geheimnisvollen Untergrunds; sie bleiben konstruierte Elemente einer gleichsam am Reißbrett des Erfolgs konstruierten Romanwelt.

Das muss doch was bedeuten

Damit könnte eine Besprechung schließen, wenn der Roman und sein Erfolg nicht noch einiges mehr verrieten. Denn ohne Zweifel verweist dieser Text auf tiefer liegende Bedürfnisse. Er ist Produkt und zugleich Katalysator einer Populärkultur, die angesichts fortschreitender Banalisierung des Alltags bei zunehmender Undurchschaubarkeit politischer und ökonomischer Systeme nach (inszenierten) Geheimnissen und ihrer wortreichen Enthüllung verlangt. Die symbolüberfluteten Untergrund-Geschichten aus dem Rechner Dan Browns erfüllen diese Wünsche. Und sie schreiben ein Verschwörungsdenken fort, das im Land der fast schon paranoiden Furcht vor der eigenen Regierung bizarre Blüten treibt. Die dabei verwerteten Wissensbestände und Vorstellungskomplexe sind vielfältig. Die Recherchen in den unterirdischen Gängen der US-Hauptstadt – dessen Capitol Hill ursprünglich „Rom“ genannt wurde – verweisen auf die esoterischen Aspekte einer Aufklärung, die eben nicht nur das Zeitalter der reinen Vernunft war, sondern auch eine Zeit vielfältiger Suche nach verborgenem Wissen.

Diese Bewegungen – von deren Intensität wir uns heute kaum mehr eine Vorstellung machen – kulminieren im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Während Adam Weishaupt an der Universität Ingolstadt am 1. Mai 1776 den Bund der Perfektibilisten gründet und die Repräsentanten der neuenglischen Kolonien in Philadelphia am 4. Juli die Unabhängigkeitserklärung verabschieden, laborieren europaweit vernetzte Freimaurerlogen an Projekten zur Regeneration angeblich verschütteter Weisheiten vorchristlicher Herkunft. „Nie hat sich der Sektengeist tätiger gezeigt, als in unsern Tagen, welche man die aufgeklärten nennt“, fasst die Berlinische Monatsschrift 1785 zusammen: „Unsere Großen suchen den Stein der Weisen, um unsterblich zu werden und durch die Geheimnisse der Alchemie Mittel, ihre Neigungen zu befriedigen. Unzufrieden stürzen wir uns in den tiefsten Grund des Aberglaubens und suchen neue Entdeckungen zu machen“. Wie stark die Suche nach hermetischem Wissen in der Kultur der Aufklärung verwurzelt ist, zeigen die Bemühungen der Naturforscher Georg Forster und Samuel Thomas Sömmering, die durch die Geheimgesellschaften ihrer Zeit streifen und den Stein der Weisen herstellen wollen.

Esoterisches Wissen aber macht verdächtig; Geheimhaltung setzt Verschwörungstheorien frei. Auch diese am Ende des 18. Jahrhunderts kulminierenden Vorstellungen führt Dan Browns Roman weiter, indem sein Plot im Innern der US-amerikanischen Demokratie wirkende Netzwerke aufdeckt, die untergründig und zugleich omnipotent, unsichtbar und doch omnipräsent alle Geschicke steuern. Seine Vorgänger kommen aus disparaten Lagern. Nach verborgenen Machinationen fahndeten schon die deutschen Illuminaten Adolph Freiherr Knigge und Johann Joachim Christoph Bode, der französische Ex-Jesuit Augustin Barruel und der schottische Akademiker John Robison. Protestantische Propagandisten der Vernunft ermittelten in den 1780er Jahren gegen konspirative Krypto-Katholiken, die sich der aufklärerischen Geheimgesellschaften bemächtigt und Potentaten wie den preußischen König Friedrich Wilhelm II. manipuliert haben sollen. Gegenaufklärer observierten den Orden von Adam Weishaupt, der mit jesuitischen Praktiken der Selbst- und Fremderforschung regiert wird und als „Staat im Staate“ Misstrauen weckt. Von „unterirdischen Gängen, Kellern und Cloaken“, die die gesamte politische Welt unterminierten, schreibt Goethe 1781 an Lavater; in unmittelbarer Nachbarschaft verfasst Ernst August von Göchhausen 1786 seine Enthüllung des Systems der Weltbürgerrepublik und will nicht weniger als das „geheime Laboratorium“ für „Römischjesuitisch cosmopolitische Zaubertränke“ entlarven.

Nichts ist, wie es scheint, lautet das Motto des modernen Verschwörungsdenkens, das genaue Beobachtungen einer undurchschaubaren Welt mit ungebremster Kombinatorik verbindet und einen Verfolgungswahn entwickelt, den Immanuel Kant 1798 als „besondere Art mit Vernunft zu rasen“ bestimmt. Die Folgen dieser dunklen Seite der Aufklärung sind nicht zu unterschätzen. Sie reichen von Geschichtsschreibung und politischer Theoriebildung, und sie beeinflussen nachhaltig noch die heutige Populärkultur.

Das verlorene Symbol kombiniert alle diese Vorgaben. Und ergänzt sie durch weitere Zutaten der modernen Wissensgesellschaft. Der Autor vermengt Wissenschaft und Fiktion; zugleich bedient er das Interesse an Geheimbotschaften, das schon durch Sachbücher wie The Bible Code von Michael Drosnin (1997) und Simon Singhs Code Book (1999) befördert wurde. Für die Figuren in Browns Textwelten erweist sich nahezu jedes Detail als bedeutungsvolles Zeichen, das als Indiz für unsichtbare Zusammenhänge wahrgenommen und mit universalem Misstrauem ausgewertet werden muss. Ergebnis dieser Kombinatorik sind dichte Verweisungszusammenhänge, die eine besondere Aufmerksamkeit voraussetzen und erzeugen – zumindest für die Zeit der Lektüre.

Wie schon seine Vorgängerproduktion besitzt auch dieser Roman einen Vorspruch, der die authentische Existenz von zentralen Handlungselementen reklamiert: Es gebe im Safe des CIA-Direktors ein verschlüsseltes Dokument über einen unbekannten Untergrund ebenso wie die im Roman beschriebenen Institutionen der Freimaurerei und das Invisible College, den Sicherheitsdienst der CIA; auch die dargestellten Kunstwerke und Baudenkmäler seien zu finden. Mit diesem Changieren zwischen Authentizität und Fiktion erweist sich Dan Browns Buch ein weiteres Mal als Erbe der Konspirationskultur des 18. Jahrhunderts: Er weckt Erwartungen nach Einweihung in die verborgenen Grundlagen der modernen Kultur – was geboten wird, ist jedoch eine Melange von Klischees zum Transport einer politischen Theologie.

Der Literaturwissenschaftler Ralf Klausnitzer lehrt an der Humboldt-Universität Berlin und forscht zum Thema "Poesie und Konspiration".

Entschlüsseln Sie das im Text enthaltene Codewort und geben Sie 0942-codewort im Suchfeld der Online-Suche ein. So gelangen Sie zu geheimen Zusatzkapiteln über die Bedeutung des Kürzels SBB XIII und der politischen Theologie von Dan Browns Roman Der Literaturwissenschaftler Ralf Klausnitzer lehrt an der Humboldt-Universtität Berlin und forscht zum Thema Poesie und Konspiration

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05:00 15.10.2009

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