„Sucht, nicht Gier“

TV Die Autoren der Erfolgsserie „Bad Banks“ stießen bei der Darstellung der Krise an ihre Grenzen
„Sucht, nicht Gier“
Aus dem Vorbeiziehen von Zahlen die Zukunft zu lesen, ist, was die Bankerin tut

Foto: Sammy Hart/ZDF

Stellen Sie sich vor, Sie erfahren aus dem Fernsehen, dass der größten deutschen Bank die Pleite droht. Sie gehen zum Bankautomaten, aber der spuckt kein Geld mehr aus. Mit diesem Szenario beginnt die Serie Bad Banks um die junge Investmentbankerin Jana Liekam, die maßgeblich zum Ausbruch dieser Krise beiträgt. Im März lief die Serie bei Arte und im ZDF, inzwischen ist sie in 35 Länder verkauft. Soeben hat Oliver Kienle die Drehbücher für die zweite Staffel abgeschlossen, die in die Welt der Finanz-Start-ups führt. Wolf-Alexis Puttfarken, der in der Fintech-Branche arbeitet, berät das Team seit der ersten Staffel. Jana Burbach war als Autorin an dieser beteiligt.

der Freitag: Es gibt eine Frage, die der Hauptfigur in der Serie immer wieder gestellt wird: Wofür machst du das, Jana? Sie gibt darauf nie eine Antwort. Haben Sie eine?

Oliver Kienle: Nein. Ich glaube, die wenigsten Menschen haben genau reflektiert, warum sie ihren Beruf machen – besonders, wenn sie ihn wirklich leidenschaftlich machen. Bei Bad Banks hat sich die Frage so sehr in den Mittelpunkt gestellt, weil es ja eine Branche ist, die in der Außenwahrnehmung furchtbar unsympathisch ist. Schon die Erscheinung dieser Leute ist unsympathisch, sie vertreten scheinbar keine Werte, und wir verstehen nicht, welchen Nutzen sie haben.Deshalb lassen sich die meisten Leute auf den einfachen Rückschluss ein: Die machen das aus Gier.

„Gier ist gut“, heißt es in Oliver Stones Film „Wall Street“. In „The Wolf of Wall Street“ wächst sich das zur Materialschlacht aus: die größte Yacht, die größte Villa. Jana Liekam scheint dieser Aspekt nicht wirklich etwas zu bedeuten. Selbst als sie zwei Millionen auf ein Konto auf den Jungferninseln überwiesen bekommt, freut sie sich nur mäßig.

Jana Burbach: Am Ende sagt sie zu Christelle Leblanc: „Ich brauch’s einfach.“ Ich denke, das ist eine gute Antwort: Sie braucht persönlich den Erfolg, die Anerkennung, das Adrenalin.

Kienle: Wir alle fangen mit einer Null auf der Stirn an und wollen über den Beruf unseren Selbstwert steigern. In unserer Branche ist es ja auch so. Manche Leute drehen eine Serie für RTL und merken, Wohlstand ist doch ganz geil, mach’ ich halt nur noch RTL-Serien. Und es gibt Leute, die machen gern Arthouse-Filme und finden es toll, mit zehn alten Menschen im Publikum darüber zu diskutieren. Andere wollen die große Komödie, den vollen Kinosaal. Auch da gibt es unterschiedliche Motive: das Geld, den Applaus, die gute Kritik, den Feuilletonscheiß. Jeder hat seinen eigenen Selbstwertmechanismus, den er bedienen will. Wer sich fürs Investmentbanking entscheidet, will das sehr schnell und objektiv haben. Ein Geschäft in Millionenhöhe ist ein klar definierter Erfolg. Und du kannst das in der Finanzbranche jeden Tag erreichen. Deshalb wurde uns bei der Recherche auch klar: Es geht eigentlich nicht um Banker, es geht um Süchtige.

Zur Person

Oliver Kienle ist Regisseur und Drehbuchautor von Kino- und Fernsehfilmen ( Die Vierhändige , Tatort ). Seit 2014 arbeitet er als Creator und Head-Autor an Bad Banks.

Wolf-Alexis Puttfarken arbeitete 2008 für die Investmentbank Dresdner Kleinwort in London. Heute ist er für das Finanztechnologieunternehmen Raisin in Berlin tätig und berät die Autoren von Bad Banks.

Jana Burbach arbeitet seit 2015 als Drehbuchautorin. Sie war Teil des Writers Room von Bad Banks, Head-Autorin von Die Heiland und ist Co-Creator der englischsprachigen Webserie Just Push Abuba.

Die IWF-Chefin Christine Lagarde ist überzeugt, dass die Finanzwelt mit Lehman Sisters eine bessere wäre. Ihre Serie erzählt etwas anderes: Hier bestimmen zwei Frauen die Intrige, Jana Liekam und Christelle Leblanc, die Investment-Chefin einer Großbank in Luxemburg.

Burbach: Bei Christelle Leblanc ist das ambivalent. Sie ist destruktiv, aber sie lässt durchblicken, dass sie so werden musste, um nicht unterzugehen. Bei ihr gibt es immer wieder Andeutungen, dass sie gern anders arbeiten würde.

Kienle: Am Ende der Serie wird man das Gefühl haben, dass es nicht besser wird, wenn die Frauen nach oben kommen, die gelernt haben, besonders aggressiv und manipulativ ans Ziel zu gelangen. Dafür ist es die falsche Branche und auch die falsche Serie.

Wie offen war die Branche für Ihre Recherchen?

Wolf-Alexis Puttfarken: Eine Erfahrung war, dass die Banken selber die Finanzkrise noch nicht verarbeitet haben. Wir waren auch mit Leuten aus großen Banken unterwegs und haben uns intensiv ausgetauscht. Aber wenn sie zur Pressestelle liefen und fragten, können wir das offiziell machen, bekamen sie sofort auf den Deckel. Ihnen wurde gesagt, wenn ihr überhaupt Kontakte macht, dann nur zu tagesaktuellen Themen. Da ist die Vergangenheitsbewältigung noch Lichtjahre weg.

Kienle: Das Schöne ist, dass nach dem Erfolg der ersten Staffel alle mit uns reden wollen. Bei der ersten Staffel hat jede Bank, die wir offiziell angeschrieben haben, gemauert. Das musste alles hintenrum über Kontakte laufen. Jetzt bekomme ich Bewerbungen von Leuten aus der Branche, einer hat sogar seinen Lebenslauf geschickt.

Wenn Sie sich in der zweiten Staffel den Finanz-Start-ups zuwenden, könnte man dahinter ein fast dokumentarisches Interesse daran vermuten, was gerade im Finanzsektor passiert. Oder entscheiden Sie das danach, wo Sie den spannendsten Plot erzählen können?

Kienle: Ich finde, im Idealfall schafft es eine Serie, die Figuren und ihre Konflikte fortzusetzen, sich gleichzeitig aber neu zu erfinden. Wir haben uns da natürlich was eingebrockt, indem wir in der ersten Staffel durch eine Figur eine Krise losgetreten haben. Das lässt sich dramaturgisch betrachtet schwer toppen. Nachdem wir in der ersten Staffel eher das klassische Investmentbanking erzählt haben, fand ich es total reizvoll, in der zweiten Staffel einen Blick in die Zukunft der Banken und der Finanzbranche zu werfen. So können wir einerseits die Kämpfe der Figuren direkt weiterführen, andererseits aber neue spannende Bereiche der Branche beleuchten.Nach der Lehman-Pleite haben viele Menschen sich erstmals gefragt, was Investmentbanker konkret machen. Vieles davon bleibt auch in der Serie unklar.

Kienle: Ursprünglich wollten die Produzentin Lisa Blumenberg und ich, dass es in der ganzen ersten Staffel um Derivate und ähnliche hochkomplexe Finanzprodukte gehen soll. Wir wollten zeigen, wie solche Produkte aufgebaut werden und was diese Massenvernichtungswaffen in der Krise angerichtet haben. Aber wir haben gemerkt, dass wir an Grenzen stoßen, von dem, was wir erzählen können, aber auch was die Leute verstehen oder was sie interessiert.

Puttfarken: Wenn man zu sehr ins Detail geht, muss man sich auf einmal über Verlustverteilungen von Anleihen in Portfolios unterhalten. Das kannst du mit einem Serienpublikum nicht machen.

Burbach: Es gibt die Tendenz, zu viel in eine Geschichte reinzulegen, wenn man sich freut, dass man alles verstanden hat. In den frühen Exposés und Staffelbögen haben wir noch zu ausführlich erklärt, wie Jana Liekam die Produkte strukturiert und welche Tranche wo hinwandert. Wir haben uns dann entschieden, mehr die emotionalen Fallhöhen zu erzählen: Was muss sie erreichen, um weiterzukommen? Man soll eher intuitiv begreifen, was für die Figuren eine Rolle spielt, zum Beispiel dass es für ihren Katastrophenbond gut ist, wenn das Erdbeben auf der Richterskala eine hohe Zahl hat.

Gabriel Fenger, der Investment-Chef Ihrer fiktiven Bank Deutsche Global Invest, sagt an einer Stelle: Eigentlich wissen wir selber nicht, was wir machen.

Kienle: Das kam auch aus den Recherchen. Banker können sich wahnsinnig klar artikulieren, alles beantworten und immer die Zukunft vorhersagen. Aber wenn man zugibt, dass man etwas nicht versteht, und sie gezwungen sind, zu erklären, was wirklich dahintersteckt, kommt irgendwann der Punkt, wo sie nicht weiter wissen. Es ist also einerseits ein Beruf, in dem man lernt, wahnsinnig selbstbewusst egal was zu verkaufen, aber andererseits ist man Teil eines eigenständigen, weltweiten Organismus, der so groß und komplex ist, dass man ihn nicht mehr verstehen kann.

Puttfarken: Jede Preisfindung in dieser Branche ist ja nichts anderes als der Austausch von Meinungen über die Zukunft. Wenn das zigtausendfach am Tag passiert, plus die Vermengung mit politischen Interessen – da verliert man das große Ganze aus den Augen.

Kienle: Was ich ziemlich schnell kapiert habe, ist, dass alle Investmentbanker kleine Nostradamusse sind. Nouriel Roubini, der einer von denen war, die zufällig mal recht hatten, und die Finanzkrise 2008 vorhergesehen hat, schrieb gerade im Guardian, der nächste Crash wird 2020 kommen.

Puttfarken: Roubini ist natürlich der ewige Doomsday-Prophet. Die Kurzfassung: Wir werden alle sterben und können uns nicht wehren.

Werden Sie es vorher schaffen, die zweite Staffel auszustrahlen?

Kienle: Als ich das las, habe ich schon gedacht: Okay, da kommen wir dann gerade mit der zweiten Staffel raus und erzählen, dass die Krise vorbei ist.

Burbach: Es kann einem immer passieren, dass man der Realität hinterherhinkt, wenn man sehr zeitgemäß erzählt. Die Wahl von Donald Trump zum Beispiel hat dann House of Cards im Vergleich fast harmlos aussehen lassen. Eigentlich hatten wir für die zweite Staffel von Bad Banks, in der die Figuren in die Fintech-Welt aufbrechen, London als neuen Schauplatz vorgesehen.

Kienle: Dann kam der Brexit und ich habe zu Alexis gesagt: Erzähl mal, was passiert denn jetzt?

Puttfarken: Im Writers Room kam kurz die Idee auf, wir machen jetzt eben was mit Brexit. Aber es war sehr schnell klar, dass man sich da viel zu wenig festlegen kann.

Burbach: Ich hatte tatsächlich zwei Jahre vor dem Brexit angefangen, eine andere Serie in der deutschen Botschaft in London zu entwickeln, und dachte: Wäre es nicht krass, wenn die aus der EU austreten wollen? Dann wurde das so schnell real, dass ich die Geschichte so nicht mehr erzählen konnte. Oft ist die Realität verblüffender, als man denkt.

06:00 08.10.2018

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