Sucht und Rausch

Erinnerung Zum Todestag von Dora Benjamin: Bruder Walter, Psychoanalyse und die Bezirke des Haschisch
Bernd Lange | Ausgabe 22/2015

Uwe-Karsten Heyes Benjamin-Studie (Freitag 14/2014) brachte neben Walters Bruder Georg auch dessen jüngere Schwester Dora zurück ins öffentliche Bewusstsein; Heye konnte reichlich aus der Untersuchung der Bremer Historikerin Eva Schöck-Quinteros schöpfen. Freilich waren die Interessen der Geschwister verschieden. Während Walter als parteipolitisch nicht verorteter Schriftsteller zwischen jüdischem Messianismus und historischem Materialismus oszillierte, kam Dora von der nationalökonomischen Forschung über Frauenarbeit zur politisch engagierten Sozialarbeit im Bereich der Kinderfürsorge.

Überschneidungen gab es also eher wenige, aber es gab sie. Ein öffentlich wirksamer Kontakt zwischen Dora und Walter Benjamin fiel in das Umfeld einer Ausstellung zum Thema „Gesunde Nerven“. Sie fand im Herbst 1929 im Kreuzberger Gesundheitshaus in Berlin statt, Dora Benjamin war intensiv an der Vorbereitung und Gestaltung dieser gesundheitspolitisch progressiven Veranstaltung beteiligt. Ihre eigene Darstellung für das Berliner Wohlfahrtsblatt stand unter dem Motto „Gebt den Wohltätigen Geld, Zeit, Licht, Raum“. Nach ihrer für Frauen damals noch seltenen volkswirtschaftlichen Promotion war Dora Benjamin eine enge Mitarbeiterin des Kreuzberger Gesundheitsamts unter dem Suchtexperten und Oberschularzt Ernst Joel und dessen Nachfolger, dem Psychoanalytiker Fritz Fränkel. Fränkel seinerseits traf im Weddinger Heim von Hilde und Georg Benjamin auf Walter, der sich an seinen toxikologischen Selbstversuchen beteiligte, bei denen er, wie er schrieb, „schon zweimal in die Bezirke des Haschisch gegangen“ sei. Diese Experimente fanden später, während Benjamins Pariser Exil, eine Fortsetzung.

Dora Benjamin wiederum publizierte gemeinsam mit Fritz Fränkel über das proletarische Suchtverhalten und den Alkoholismus. Die Mitarbeit an der Ausstellung im Gesundheitshaus bedeutete dagegen die Hinwendung zu öffentlichkeitsbezogener pädagogischer und psychologischer Tätigkeit. Walter Benjamin widmete der Ausstellung in der Literarischen Welt eine ausführliche Besprechung unter dem Titel „Bekränzter Eingang. Zur Ausstellung ,Gesunde Nerven‘ im Gesundheitshaus Kreuzberg“. Für ihn war die Schau wegen ihrer aufklärerischen Kurzweil ein Glücksfall. „Nicht gelehrter sollten die Besucher die Ausstellung verlassen, sondern ,gewitzter‘.“ Die kritische Distanz zur akademischen Gelehrsamkeit teilten die drei Geschwister ebenso wie ihr Interesse am Leben und an der Erziehung von Kindern.

Der positive Tenor von Walter Benjamins Besprechung kann über die weiter auseinandertreibenden Entwicklungen von Bruder und Schwester nicht hinwegtäuschen. Für Walter eröffnete der Kontakt mit dem Thema Sucht, das schon in der Beteiligung an Fritz Fränkels Experimenten zentral war, weitere Perspektiven im Umgang mit Rauschzuständen. Sie mündeten in den berühmt gewordenen Essays über die surrealistische Ästhetik mit ihrer Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung. Deren politische Pointe wurde noch zur Losung für die Studenten, die Benjamin in den 70er Jahren wiederentdeckten: „Die Kräfte des Rausches für die Revolution zu gewinnen, darum kreist der Sürrealismus.“ Walter Benjamin schrieb dies aber eben schon 1929, zur gleichen Zeit, in der Dora Benjamin mit Fritz Fränkel fachpsychologische Studien zur empirischen Charakterforschung publizierte – bevor sie die Not des Pariser Exils zum Abbruch ihrer Forschung zwang. Dora Benjamin starb völlig verarmt am 1. Juni 1946 in Zürich.

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