Suchtgefahr

Berliner Abende Kolumne

Ich habe heute mit dem Rauchen aufgehört, und zwar um 12 Uhr 30. Die angebrochene Zigarettenschachtel landete im Müllcontainer auf dem Hof. Ich hab´ sie ganz nach unten gedrückt, noch unter die verschimmelte Peperoni-Pizza und den ausgelaufenen Bio-Joghurt, damit ich gar nicht erst in Versuchung komme. Ich bin gut drauf. Ab heute werde ich nicht mehr keuchen, wenn ich die Treppe zum zweiten Stock hochsteige, meine Haut wird rosig und faltenfrei sein, und ich selbst bleibe ewig jung, gesund und glücklich.

Die Fußball-WM läuft. Da ich mir kein Premiere leisten kann, muss ich mit den öffentlich-rechtlichen Ausstrahlungen vorlieb nehmen, wo mir Nieten wie Steffen Simon das ohnehin schon langweilige Spiel versauen. Das macht mich etwas nervös. Irgendwie habe ich Lust auf Schokolade, oder auf Sex, irgendwas Nahrhaftes zur Ablenkung. Ich muss raus.

Ein Sommerabend erwartet mich, und ein junges Pärchen, das keifend an mir vorbeizieht. Sie hat für ihn abgetrieben und ist sauer, dass er sie trotzdem verlässt. Selber schuld, denke ich, vielleicht hätte sie sich ihre Haare nicht so scheußlich färben sollen - als der Typ mir unabsichtlich seine Zigarettenkippe vor die Füße schnippt. Da liegt sie, glühend verzehrt sie sich vor mir. Kurz nur zucke ich zusammen. Ich lasse sie links liegen und gehe weiter.

In meiner Stammkneipe ist nichts los, aber der Rauch hängt wie ein Nebel des Todes in der Luft. Ich bin heute Abend der Held, weil ich der einzige Nichtraucher bin und alle meinen eisernen Willen bewundern. Natürlich steigt mein Nikotinpegel trotzdem, weil ich die ganze Zeit mit Passivrauchen beschäftigt bin und den Qualm der anderen einsauge. Hat der "Qualm der Anderen" nicht gerade den deutschen Filmpreis gewonnen?

Ich bestelle ein alkoholfreies Bier. Wenn ich schon nicht mehr rauche, brauche ich auch nicht mehr zu saufen. Der übergewichtige Kerl neben mir am Tresen duftet scheußlich nach Tabakladen. Er sei der "irre Frankie", sagt er. Ob ich wissen will, warum man ihn so nennt. Nein. Er erzählt es mir trotzdem. In der Armee hat er sich immer gern mit Zigaretten Löcher in den Unterarm gebrannt, als Mutprobe. Zum Beweis macht er´s mir vor. Es stinkt nach verbranntem Fleisch, und gesund sieht das auch nicht aus. Was für eine Schande, denke ich, eine Zigarette so zu verschwenden. Kann er sich nicht mit Rasierklingen verstümmeln wie Magersüchtige und andere Psychos? Der irre Frankie ist inzwischen in Ohnmacht gefallen und liegt auf dem ranzigen Fußboden neben leeren Erdnuss-Schalen und ausgetretenen Kippen. An seiner Stelle steht jetzt Volker B. Volker ist von den Grünen und in seiner Freizeit immer auf der Suche nach Abenteuern. Er inseriert deshalb bei der Online-Kontaktbörse Gay Romeo mit dem gewinnenden Eisbrecher "Wer macht mir meine Titten?" Wenn man die offizielle 40 und die gefühlte 50 überschritten hat und aussieht, als müsste man für den nächsten guten Sex einen Kredit aufnehmen, tut man so etwas.

Ich langweile mich zu Tode. Ich bin genervt. Es ist mir egal, wer Volkers Titten macht, und nie habe ich mich mehr danach gesehnt, das sanft-metallene "Zing" eines sich öffnenden Sturmfeuerzeuges zu hören. Trauer befällt mich. Nie mehr werde ich die Frage "Darf ich?" hören, während eine Bärenpranke bereits zärtlich mein Feuerzeug streichelt. Nie mehr werde ich in eine geöffnete Schachtel greifen, die man mir einladend entgegenhält, und mich fragen, ob dies der Anfang einer wunderbaren Beziehung ist. Eine Hand zu berühren, die das Streichholz hält, und dabei einen tiefen Blick in die Augen zu riskieren ...

Mir geht es gar nicht gut. Der irre Frankie ist auf dem Fußboden weiter dabei, sich Löcher in den Pelz zu brennen. Mittlerweile hat auch seine alte Fliegerjacke Feuer gefangen. Ein Löschversuch des Barkeepers, der den irren Frankie mit finnischem Wodka statt mit Wasser übergießt, geht nach hinten los. Er arbeitet erst seit kurzem hier hinterm Tresen, aber "er macht das doch nicht schlecht", heißt es. Das sagt man heutzutage gern über Totalversager.

Draußen im Friedrichshain riecht es nach Grillabend und nach Lagerfeuer-Romantik. Zeit nach Hause zu gehen. Vor der Bar wartet mein Pferd, das mich sicher durch den Sonnenaufgang bringt. Nach Hause, auf den Hof, in den Müllcontainer. Wo ich in den Abfall hinabsteige, ganz nach unten tauche ich, um auf dem übelriechenden Grund meinen Schatz wieder an mich zu nehmen. Ich greife nach oben durch Altpapier und Kartoffelsalat, schließe den Containerdeckel. Dunkelheit umgibt mich. Von irgendwo her höre ich meinen allerliebsten Song "Smoke Gets in Your Eyes". Ansonsten nur Stille. Für einen kurzen Moment flammt ein Streichholz auf, das gleich wieder erlischt. Ein Zug nur, und dann noch einer. Es riecht nach Schwefel, aber es ist der Himmel.


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00:00 16.06.2006

Ausgabe 39/2020

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