Süchtig nach Adrenalin

Serie „Strike“ reißt sich das Krimi-Genre unter den Nagel und macht daraus eine komplexe Liebesgeschichte

Der – männliche – Detektiv ist eine der am meisten romantisierten und stilisierten Figuren der Moderne. In der literarischen und filmischen Fiktion ist der „Privatschnüffler“, so nennen ihn Antagonist*innen und miesepetrige Polizist*innen, meist groß und oft schwer. (Der zierliche Humphrey Bogart wurde beim Dreh auf Kisten gestellt!) Den Hut lässt er bis in die 80er Jahre auf, Drogen ist er nicht abgeneigt: Er raucht oder trinkt oder beides. Oder konsumiert Opium, so wie Sherlock Holmes. Er hat eine Vergangenheit in der Exekutive (Militär oder Polizei), fürchtet keine Schlägereien und trägt die dabei entstandenen Blessuren mit Stolz – die ausgestellte Maskulinität seines Körpers sowie sein Genderverständnis stammen aus dem letzten Jahrhundert, als seine Auftraggeberinnen Blondinen mit langen Beinen und rauchigen Stimmen waren, die oft für ihre Sünden (das Verführen) sterben mussten.

Einem vor Klischees starrenden Genre wie diesem moderne Töne abzutrotzen, wäre eine Leistung. Die Romane um den Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike schafften das nicht: Die von Joanne K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith erschaffene Figur erfüllt die Stereotype wie ein Klassenstreber. „Er sah aus wie ein ehemaliger Boxer“, heißt es im ersten der fünf seit 2013 erschienenen Bände. Zudem sei er 1,92 Meter groß, massig, habe eine mehrfach gebrochene Nase, die üblichen buschigen Augenbrauen und einen Bartschatten. Auf der Hälfte der Buchseiten ist er angesäuselt – was seiner Beharrlichkeit keinen Abbruch tut.

Der Grund für den Konsum ist neben einem Kriegstrauma, einer gescheiterten Beziehung und der Bürde des Echter-Mann-Seins an sich: Strikes Assistentin Robin – eine „English Rose“, zart, blass und elfenhaft schön. Diese „Die Schöne und das Biest“-Konstellation verwandelt sich erwartbar im Laufe der Romane in die komplexere „Sind wir mehr als nur Freunde?“-Problematik. Frauen wie Robin, so scheint es, können Haudegen wie Strike nicht widerstehen, sie pfeifen sogar auf die stets mit thematisierten Klassenunterschiede. Vice versa gilt das erst recht: „Das weiche Licht, das durch das Blätterdach fiel, verwandelte die Braut mit ihren locker gedrehten Locken in einen präraffaelitischen Engel“, heißt es im dritten Strike-Roman unverzagt kitschig über Robin.

Ein Detektiv, der humpelt

Dennoch ist die Strike-Adaption der BBC, deren letzte, auf dem vierten Roman basierende Staffel nun auf Deutsch bei Sky ausgestrahlt wird, absolut gelungen. Denn der große, Pints kippende, einsame Mantelträger Cormoran Strike wird von Tom Burke gespielt. Und in dessen Fall passt, was oft nach vagem Auragequatsche klingt: Er bringt viel mit.

Der 39-jährige Burke, der einem internationalen Publikum spätestens als Orson Welles in David Finchers Mank aufgefallen ist sowie in Nicolas Winding Refns Only God Forgives und Joanna Hoggs The Souvenir, entwaffnet die klischierte Privatdetektiv-Figur auf mehreren Ebenen: Die afghanistankriegsbedingte Amputation seines Unterschenkels lässt den stattlichen Strike in seinem Beruf deplatziert wirken – hinterherlaufen kann er niemandem. Nicht mal hinterherfahren, denn dazu bräuchte er ein barrierefreies Auto. Zudem wurde der aus einer Schauspielerfamilie stammende Burke mit einer Lippenspalte geboren, die – im Gegensatz zu der gebrochenen Boxernase der Buchfigur – keinerlei Gewaltassoziationen auslöst.

Burke spielt den auf der oft schmerzenden Prothese zart humpelnden Strike stattdessen als traumatisierten, traurigen, aber niemals tumben oder aggressiven Versehrten, zu dessen Kriegs-Albträumen sich vom Drugs-and-Rock’n’Roll-Leben der unzuverlässigen Eltern geprägte Kindheitserinnerungen mischen. Und auch Holliday Graingers Robin erfährt in der TV-Adaption ein Upgrade: Ebenmäßig, rothaarig und „classy“ ist sie zwar immer noch. Doch es dauert nicht lange, bis sie nicht nur ihre Dämonen, sondern auch ihre Fahrkünste auspackt. Eine typische „Männer schießen, Frauen verbinden“-Szene, in der Robin Strikes Wunden verarztet, wird später gar von einer Situation gespiegelt, in der Strike stattdessen Robins Blessuren pflegt: Ähnlich dem heimlich risikosüchtigen Dr. Watson in der BBC-Produktion Sherlock wird die „English Rose“ so zu einem Adrenalin-Junkie, es wird immer klarer, dass sie nur die eigene Lust an der Detektivarbeit auslebt – und Strike ihr dabei hilft.

Auch der neue Fall, mit dem Strike und Robin sich beschäftigen, ist nicht ohne. Nach Toten in der Modeszene, einem brutalen Mord an einem Autor und der Suche nach einem Serienmörder führt Weißer Tod die Held*innen in einen unheimlichen Strudel aus Mord, Vernachlässigung und Klassenkampf: hochrangiger Politiker stirbt, Familie vertuscht, kognitiv gehandicapter Zeuge berichtet von einem weiteren Mord, und die Ermittler*innen müssen ermitteln, wer lügt und wer Täter*in ist. Trotz guter Ideen, detaillierter Beobachtungen zur britischen Gesellschaft und schauriger Atmosphäre ist jedoch auch die neue Strike-Staffel nicht wegen des Whodunit interessant. Sondern wegen der Szenen dazwischen. Tom Burke und Holliday Granger reißen sich das Genre kurzerhand unter den Nagel und machen daraus eine lange, komplexe, nachvollziehbare und dramatische Liebesgeschichte. Aber: eine mit Privatdetektiv*innen.

Info

Strike Ben Richard, Tom Edge Großbritannien 2017, Sky

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06:00 20.03.2021

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