Südossetien vor, noch ein Tor

Aserbaidschan/Armenien Die Enklave Bergkarabach erlebt eine Fußball-EM der nicht anerkannten Regionen
Südossetien vor, noch ein Tor
So etwas haben sie in Arzach noch nie erlebt. Das erste Match wird sogar gewonnen

Foto: Juan Teixeire / Redux / Laif

An einem warmen Juniabend tritt ein Mann mit Glatze und gedrungener Statur vor ein ausverkauftes Fußballstadion. Der Mann trägt einen Anzug, um seine Schultern hängt ein rot-blau-gelber Schal. Vor ihm: ein Mikrofon. Also spricht der Mann zu den Menschen. Er spricht Englisch, langsam und präsidial, fast schon pastoral. Die Zuhörer lauschen ergriffen. Am Ende seiner Rede hängen erhabene Worte in der Luft. Gemeinschaft. Familie. Frieden.

Sepp, bist du es? Nach einem viel zu heißen Tag in den Bergen kneife ich meine Augen zusammen und stelle mir vor, dass es Josef „Sepp“ Blatter ist, der da zum Volke spricht. Blatter, der geschasste Fifa-Präsident. Der den Friedensnobelpreis verdient hätte, findet jedenfalls Sepp Blatter. Irgendwann an diesem Abend ruft der Mann mit dem Schal um den Hals ins Mikrofon: „Heute heißt die Hauptstadt Europas Stepanakert!“ Jetzt schwingt er also die ganz große Keule. Es ist schwer, dieses Ereignis, diese Rede, die jubelnden Menschen in dem überfüllten Stadion, nicht surreal zu finden. Schließlich ist Stepanakert die Hauptstadt der Republik Arzach, eines seit 1994 stabilisierten De-facto-Regimes, das bis auf Armenien von keinem anderen Land anerkannt wird und besser unter dem Namen Bergkarabach bekannt ist, wenn überhaupt. 150.000 Menschen wohnen hier, es gibt viele Berge und sonst wenig.

Völkerrechtlich gehört Arzach zu Aserbaidschan, aber es wird von Armeniern bewohnt und ist mit Armenien eng verbandelt. Als christliches Land, das von muslimischen Nachbarn umgeben ist, hat Armenien in der Region einen schweren Stand. Nur über seine Hauptstadt Jerewan gelangt man auch nach Arzach und muss sieben Stunden Serpentinen mit dem Bus in Kauf nehmen. Geografisch gesehen liegt Arzach übrigens in Asien.

Donezk und Luhansk sagten ab

Per-Anders Blind, der Mann mit dem Schal, ist Präsident des Fußballverbandes Conifa, in dem sich seit 2013 jene versammeln, die von der Welt, vorrangig vom Westen, nicht anerkannt werden. Das gilt für ganze Staaten, separatistische Bewegungen oder ethnische Minderheiten – 55 Mitglieder insgesamt. Diesmal ist etwa das Team Padanien aus Norditalien dabei oder eine Equipe aus Südossetien, das völkerrechtlich zu Georgien gehört. Donezk und Luhansk sollten kommen, haben aber im letzten Moment abgesagt, niemand weiß genau, warum. Jedes Conifa-Turnier ist von politischen Scherereien und der Frage begleitet: Sollen die das eigentlich dürfen? Legitimiert eine Fußball-EM der Entrechteten und Verfemten nicht Gebilde, die internationales Recht missachten?

Am Tag der Eröffnungsfeier gibt es für Arzach die größte Party seiner Geschichte. So heißt es zumindest. „So etwas haben wir hier noch nie erlebt“, ruft Armjan von seinem Stadionsitz aus begeistert, während vorn auf der Bühne ein schier endloses Popkonzert die Eröffnungsfeier krönt. Spezialeffekte auf der Bühne, kreisende Tänzerinnen in Folklore-Kostümen, all das Licht: Es erinnert schon sehr an den Eurovision Song Contest. Nichts für ruhige Seelen, schon gar nichts für leicht erregbare Gemüter. Es sind 12.000 Zuschauer gekommen, die meisten restlos begeistert.

Am nächsten Tag ist Stepanakert wieder nüchtern, und Armjan verkauft Krempel auf dem lokalen Markt. Er ist 39, hat lichtes Haar, trägt ein Schlabbershirt, dazu einen Zwölf-Tage-Bart. „Es ist toll, dass wir so ein Turnier haben. Aber eine Meisterschaft der anerkannten Staaten wäre besser“, meint er bestimmt. Junge Männer kommen zum Stand, sie interessieren sich für E-Zigaretten. „Die gehen am besten“, erklärt Armjan. Und das in einem Land, in dem alle Männer rauchen und absolut keine Frau, wie er behauptet. So wie ich das in diesen Tagen erlebe, stimmt das. Armjan hält kurz inne und sagt: „Das muss auch so sein, eine Frau sollte nicht rauchen.“

Armjan erzählt dann, wie ihm der Krieg gegen Aserbaidschan seine Kindheit genommen hat. „Ich war die ganze Zeit hier, während wir bombardiert wurden.“ Es sei für ihn unmöglich, irgendwo anders hinzugehen, und sei es nur, um Urlaub zu machen. „Ich müsste ein Jahr lang nur Brot, Wasser und sonst kaum etwas zu mir nehmen, um mir eine Reise nach Deutschland zu finanzieren.“ 100 Euro pro Monat würden ungelernte Arbeiter pro Monat verdienen und auch die guten Jobs nur etwa 500 Euro bringen. Die allein erfolgversprechenden beruflichen Wege für junge Männer führten in die Armee und Polizei. „Deshalb wollen sie den Konflikt nicht lösen, weil dann weniger Soldaten gebraucht werden. Es gibt keine Lösung.“ Armjan redet sich in Rage. „Den Aserbaidschanern ist nicht zu trauen!“, ruft er. Und dann noch, dass sie nur dazu gut wären, auf einem Markt Tomaten zu verkaufen, diese Lumpenhunde. Wenn schon ein Marktverkäufer andere Marktverkäufer diffamiert, ist es Zeit, zu gehen.

In den Straßen von Arzach fällt viel Militär auf, zusätzlich zu den Polizisten, die in blitzenden Toyota-Limousinen herumfahren und neben zahnlosen Babuschkas wie Außerirdische auf Betriebsausflug wirken. Arzachs Ökonomie ist von der Landwirtschaft geprägt, Fabriken aus der Sowjetzeit haben geschlossen, es gibt kaum Investitionen. Was in Arzach vor allem produziert wird, ist patriotischer Widerstandsgeist. Für ein Volk, das wie die Armenier so oft vertrieben, aufgeteilt und marginalisiert wurde, wirkt das als Lebenselixier.

Wie nahe der Konflikt mit Aserbaidschan ist, zeigt sich am Tag der Eröffnungsfeier. Da wird an der Kontaktlinie zum aserbaidschanischen Umfeld, die als Front zu betrachten ist, ein 18-jähriger Soldat aus Arzach von einem Sniper erschossen. Er sei mit seinem Wehrdienst fast fertig gewesen, erzählen die Leute. Solche Fälle passieren bisweilen mehrfach pro Monat. 2016 gab es die letzte schwere Konfrontation. Und die Spuren des großen Krieges, der 1994 den Status quo hinterlassen hat, sind ohnehin noch überall sichtbar.

Eine Schotterpiste zweigt von einer Fernstraße ab. „Früher konnte man hier alles kaufen, es war ein Paradies“, erinnert sich der Fahrer, ein Einheimischer, der bereit ist, mich nach Agdam zu fahren, besser: zu dessen Resten. Früher war die Stadt, überwiegend von Aserbaidschanern bewohnt, eine Oase im Tal zwischen zwei der hohen Bergketten, die Arzach durchziehen. 40.000 Menschen haben hier gelebt, bevor Agdam von Artilleriegeschossen in eine Schutthalde verwandelt wurde. Das wusste ich schon vorher, aber das Ausmaß der Zerstörung überwältigt dann doch, wenn man es vor Augen hat. Vielleicht auch deshalb, weil die Aserbaidschaner flach und luftig gebaut haben und Agdam deshalb wirkt, als hätten hier zehnmal so viele Menschen Platz gefunden, bevor es zu diesem gigantischen Trümmerfeld kam. Der Fahrer schaut hinaus und sagt: „Hiroshima.“

Eine zerstörte Stadt

Wir fahren, bisweilen langsamer als Schritttempo, hüpfen von einem Schlagloch ins nächste. Das einzig erhaltene Bauwerk in Agdam ist eine Moschee. Ich frage mich, warum die Armenier sie nicht abtragen, sie ist schließlich ein nur allzu sichtbares Symbol dafür, dass beide Seiten in diesem Konflikt Blut an ihren Händen haben. Sonst jemanden fragen kann ich nicht, es ist nur der Fahrer da, und der zuckt mit den Schultern. Die Moschee stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird von zwei Minaretten gekrönt. Davor liegen an diesem Tag sieben Kühe im Schatten von Granatapfelbäumen und kauen auf wild wucherndem Gras. In der Ferne verblasst in einer charakteristischen Staubwolke ein Militärtruck. Die Front bringt sich in Erinnerung.

Ob der Konflikt um Arzach jemals zu lösen sein wird, scheint höchst ungewiss, zumal niemand, mit dem ich in Armenien und Arzach rede, auch nur den Hauch einer Idee hat, wie das gelingen soll. Aserbaidschan verlangt die Rückgabe, eine für die meisten Armenier nicht verhandelbare Maximalforderung. Seit gut einem Jahr regiert in der armenischen Hauptstadt Jerewan mit Nikol Paschinjan ein Reformer, der durch die Protestbewegung von 2018 an die Macht kam. Er ist zunächst damit beschäftigt, Armenien demokratisch auszurichten. Die meisten Bewohner von Arzach, woher der von Paschinjan verdrängte frühere Machthaber Sersch Sargsjan stammt, finden den neuen Staatschef auf Nachfrage gut. Sie hoffen besonders auf höhere Löhne und ehrliche Beamte. Das Wort Demokratie fällt in solchen Gesprächen kaum.

All die politischen Implikationen, die aus Arzach kaum wegzudenken sind, verblassen freilich, wenn der Ball rollt. Es mag nach verklärter Fußballromantik klingen, aber die große Legende von einem Sport, der Menschen zusammenbringt, lebt in solchen Momenten. Mögen auch die Worte von Conifa-Präsident Per-Anders Blind allzu großspurig klingen, wie das auch bei Auftritten von Sepp Blatter zuweilen der Fall war, so berühren die von der „Conifa Family“ ausgerichteten Turniere doch all jene, die sonst von der Welt wie Unberührbare behandelt werden.

In Stepanakert ist die Stimmung beim ersten Spiel der Gastgeber entsprechend ausgelassen. Es geht gegen das Team Sapmi, eine indigene Minderheit aus dem Norden Skandinaviens. Arzach wird mit La-Ola-Wellen nach vorn getrieben, was Sascha Düerkop, dem Generalsekretär der Conifa, ausnehmend gefällt. Der 31-Jährige stammt aus Köln und ist der organisatorische Fixpunkt im Verband hinter dem Repräsentanten Blind. Düerkop erzählt: „Bei unserer WM 2016 in Abchasien haben die Anhänger der Crews am Ende Flaggen und Trommeln gehabt und gelernt, Fußballfans zu sein.“ Er selbst sammele Fußballtrikots, mehr als 500 habe er schon. Wie alle anderen Conifa-Mitstreiter betreibe er alles ehrenamtlich. Etwa 70 wirklich tatkräftige Mitarbeiter habe der Verband.

Während ein Angriff nach dem anderen rollt und Arzach schließlich 3:2 gewinnt, erklärt Düerkop, natürlich hätten die Politiker, „die ein solches Turnier ausrichten, andere Motive als wir, das ist klar“. Da die Gastgeber vieles in Eigenregie leisteten, sehe er seinen Verband als Vermittler. „Wir haben keine politische Zielsetzung.“ Es sei kaum zu vermeiden, dass die Mitgliedschaft von Russland unterstützter Regionen wie Donezk, Luhansk oder Abchasien seinem Verband Kritik eintrage. Schwierig sei auch der DFB, so Düerkop. Einmal wollte die Conifa ein Spiel ihres Mitglieds Tibet in Deutschland austragen, da habe der DFB dem Verein, der seinen Platz zur Verfügung stellen wollte, mit Ausschluss gedroht. Das Match wurde abgesagt.

Wer bei diesen heiklen Fragen was unternimmt und entscheidet, hängt am Ende auch vom eigenen Standpunkt und Menschenbild ab. Wer glaubt ernsthaft daran, dass Frieden erreicht werden kann, indem Menschen auf einer Seite der Konfliktlinie so lange marginalisiert werden, bis sie sich ergeben? Sicher werden bei einem solchen Turnier politische Entitäten hofiert, deren Existenz dem Völkerrecht widerspricht. Diese Ambivalenz muss jedes Conifa-Turnier aushalten. Das klappt an einem warmen Juniabend mit begeisterten Kindergesichtern und hinter dem Kaukasus untergehender Sonne ziemlich gut.

06:00 20.06.2019

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