„Süffisant belächelt“

Interview Welchen Picasso hätten Sie gerne? Die Kuratorin Julia Friedrich erklärt, warum er in DDR und BRD unterschiedlich bewertet wurde

Den einen war Picasso zu abstrakt, den anderen zu politisch: Ein Gespräch mit der Kuratorin Julia Friedrich über die gegensätzliche Rezeption des Künstlers in Ost und West.

der Freitag: Frau Friedrich, Ihre Ausstellung „Der geteilte Picasso“ im Museum Ludwig in Köln betrachtet die Wirkung dieses Künstlers vor dem Hintergrund der deutschen Teilung. Wie unterschied sich die Wahrnehmung Picassos in Ost und West?

Julia Friedrich: Man kann damit beginnen, dass im Westen bis heute wenig bekannt ist, dass Picasso seit 1944 Mitglied in der kommunistischen Partei war und sich dort sehr engagiert hat: für die sozialistische Bewegung, für die Friedensbewegung, für antikoloniale Befreiungskämpfe. In der DDR stand der Friedenskämpfer und Mensch Picasso im Vordergrund, während in der Bundesrepublik der Künstler, Schöpfer und Erneuerer der Malerei im Vordergrund stand. Sein politisches Engagement wurde im Westen, beispielsweise in einer Titelgeschichte des Spiegel aus dem Jahr 1956, süffisant belächelt. Man hat ihm vorgehalten, dass er als Millionär in Frankreich lebt, und gefragt, wie das denn mit dem „angeblichen“ kommunistischen Engagement zusammenginge.

Was hat Sie darauf gebracht, diese brisante Zweiteilung in einer Ausstellung zu thematisieren?

Beide, Ost- und Westdeutschland, haben den politischen Menschen Picasso vom künstlerischen Menschen getrennt. Der Schweizer Kunsthistoriker Konrad Farner sagte einmal, es sei das Paradox Picassos, dass er in den USA als Künstler geschätzt würde, dort als KP-Mitglied aber nicht einreisen dürfe, und in der UdSSR sei er als Mensch willkommen, aber seine Kunst nicht. Picasso selbst war der Ansicht, der Künstler und der Mensch ließen sich nicht trennen. Die Idee der Ausstellung ist es, dass nur ein Gesamtbild entsteht, wenn man beide Teile zusammen wahrnimmt.

Zur Person

Julia Friedrich ist Leiterin der Grafischen Sammlung am Museum Ludwig in Köln. Sie kuratierte dort unter anderem große Ausstellungen zu Blinky Palermo und Otto Freundlich. Für das DHM in Berlin beschäftigte sie sich mit der Geschichte der documenta

Wie sind Sie bei den Recherchen vorgegangen?

Ich habe sehr viele Archive besucht und Unmengen an Material zusammengetragen. Mir war von Anfang an klar, dass die Recherche Teil der Ausstellung sein muss, weil die Dokumente bei uns keine Nebenrolle spielen, sondern die Geschichte selbst erzählen und belegen.

Dazu gehören auch Fotografien, Buchcover, Plakate oder Zeitungsartikel. Wie präsentiert man derart heterogene Zeugnisse in einer Ausstellung?

Die Ausstellungsarchitektur von Eran Schaerf bringt die Recherche mit den Werken in Spannung, sodass durch die historische Rezeption ein neuer Blick möglich wird. Wichtig für uns war, dass wir auch die Geschichte der Picasso-Ausstellungen in diesen beiden Staaten erzählen. In der DDR war zum Beispiel nicht das Geld vorhanden, teure Leihgaben ins Land zu holen, und oft war es auch politisch nicht möglich. Daher hat man Reproduktionen gezeigt. Auch die Neue Linke, die ab den 1970er Jahren den politischen Picasso im Westen entdeckt hat, hat viel mit Reproduktionen gearbeitet. Daran erinnern wir und greifen es auf, indem wir Originale und Reproduktionen kombinieren. Wichtig ist, die Geschichte offen und aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen.

Picassos Gemälde „Das Leichenhaus“ von 1945 thematisierte früh die Verbrechen von SS und Wehrmacht, 1948 besuchte Picasso Auschwitz. Lassen sich aus den Reaktionen auf seine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bereits erste Divergenzen in der Rolle ablesen, die man ihm in den jeweiligen politischen Systemen zuschrieb?

Das ist ein sehr prägnantes Beispiel. Das Gemälde war bis zum Mauerfall nie in Deutschland zu sehen, weder im Westen noch im Osten. Es ist hier recht unbekannt geblieben. Die erste westdeutsche Monografie über Picasso von Wilhelm Boeck aus dem Jahr 1955 führt dieses Bild nur in einer Liste im Anhang auf, als winzige Schwarz-Weiß-Reproduktion, ohne zu benennen, was darauf zu sehen ist. Dem gegenüber steht eine Publikation aus der DDR aus den 1960er Jahren, die sich um Kunst und Widerstand dreht, die das Bild nicht nur groß abbildet, sondern klar erläutert, dass es NS-Verbrechen zeigt.

Welche anderen Motive Picassos sind für den Vergleich besonders aussagekräftig?

Da ist zunächst Picassos vielleicht berühmtestes Gemälde, Guernica, das er 1937 anfertigte. Aus heutiger Perspektive ist auffällig, dass das, was das Bild thematisiert, nämlich den Angriff auf die baskische Stadt dieses Namens, den maßgeblich die deutsche Legion Condor durchführte, nicht in den politischen Zusammenhang gestellt, sondern verallgemeinert wird: Picasso zeige die Opfer aller, auch der kommenden Kriege, und es gehe irgendwie um einen spanischen Bürgerkrieg, der zunächst weit weg ist. Erst in den 70er Jahren stellte die westdeutsche Linke den politischen Kontext her. In der DDR wiederum ist dieser Zusammenhang benannt worden, aber man hatte Probleme mit der Form. Man musste dafür streiten, dass Guernica auch ein wichtiges Kunstwerk ist und Picasso nicht nur politisch auf der richtigen Seite stand. Und in den 90er Jahren hat dann ausgerechnet die Bundeswehr in doppelseitigen Anzeigen mit Guernica geworben.

Ähnliches gilt wohl für das Bild „Massaker in Korea“, das Picasso 1953 gemalt hat.

Dieses Bild thematisiert den Koreakrieg und die amerikanischen Verbrechen dort. 1955 war es in einer großen Retrospektive in München zu sehen. Das Haus der Kunst war dabei nicht irgendein Museum, sondern zuvor ein Propagandapalast für Nazikunst. Bevor das Bild dort ankam, schaltete sich das Auswärtige Amt ein und schrieb an den Direktor mit dem Hinweis, dass auf jede politische Tendenz in der Ausstellung zu verzichten sei. Das Bild wurde dann trotzdem gezeigt. Im Osten gab es dagegen eine Debatte über die Frage, wie die Opfer im Bild dargestellt werden: Picasso wird vorgehalten, das koreanische Volk wehrlos und nicht als Helden des Widerstands zu porträtieren. Und dann wird darüber gestritten, ob das gute oder schlechte Kunst ist und weshalb: Wie ist etwas darzustellen, was ist Gegenständlichkeit, wo fängt die Abstraktion an und kann sie politisch wirken? Das ist eine Diskussion, die im Westen nicht stattfindet.

Nun sprechen diese Motive eine eindeutige Sprache. Das ist aber nur ein Ausschnitt von Picassos Schaffen. Wie verhält es sich mit jenem Teil seines Werks, der keine politischen Inhalte hatte?

Zunächst gibt es sicher Leute, die auch in der Form etwas Politisches sehen würden. Für Picasso selbst gehörten Kunst und Politik immer zusammen, weil der Künstler nicht in der Kunst, sondern in der Welt lebt. In der DDR spielte die Frage der Form eine große Rolle. Der Vorwurf, ungegenständlich und eben formalistisch zu malen, bedeutet, dass man in der Logik der Funktionäre die Form über die Wirklichkeit stellt. Auch deshalb war es zeitweise problematisch, Picasso in der DDR und der gesamten sozialistischen Welt auszustellen. Die Friedenstaube war allgegenwärtig, aber Stephan Hermlins zwanzigminütiger Kurzfilm über Picasso, der recht aufwendig fürs DDR-Fernsehen gedreht worden war, wurde nicht ausgestrahlt – angeblich, weil eine Laufschramme im Bild war. In der Bundesrepublik gab es dagegen ständig Picasso zu sehen. Ich habe über 300 Ausstellungen gezählt, die zwischen 1945 und 1989 im Westen stattgefunden haben. Die Kritik hat ihn gefeiert, aber man hatte dafür ein Problem mit den politischen Bildern.

Was lässt sich an Picasso über das jeweilige Leben der Deutschen in Ost und West ablesen?

Die BRD stellt das Individuum in den Vordergrund, den Macher, das Genie und seine Produktivität. Boeck nennt Picasso 1955 die „letzte, ragende Verkörperung des Individualismus“. In der DDR steht das Kollektiv im Vordergrund. Kunst hat eine Funktion wie alle anderen Dinge auch, wie der Straßenbau oder die Wissenschaft. Im Westen hat sie ganz im Gegenteil den Zweck, keinen Zwecken unterworfen zu sein.

Wurden diese gegensätzlichen Lesarten nach 1989 miteinander versöhnt oder hat sich auch hier der Westen durchgesetzt?

Es gibt ja nur noch den Westen. Dass wir 30 Jahre nach Mauerfall hier eine Ausstellung machen, die immer noch erklärt, was der politische Picasso ist, zeigt, dass es nur noch diesen westlichen Blick gibt – es sei denn, jemand ist in der DDR sozialisiert worden. 2002 gab es in Chemnitz, immerhin dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt, eine Ausstellung mit dem französischsprachigen Titel Picasso et les femmes. Das wäre dort 20 Jahre oder 50 Jahre zuvor undenkbar gewesen.

Info

Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR Museum Ludwig, Köln, bis 30. Januar 2022

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06:00 01.10.2021

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