Rechts, giftig und eloquent

Frankreich Éric Zemmour kokettiert als Ultrarechter mit einer Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2022. Wer ist der Mann?
Rechts, giftig und eloquent
Zemmour mästet sich mit allen Schrecken, die sich monokausal aufblähen lassen

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

In Frankreich steigt der Ex-Journalist Éric Zemmour, 63, gerade zum Stern am politischen Medienhimmel auf. Das löst wahlweise hymnische Erregung oder heftige Furcht aus. Umfragen geben ihm gegenwärtig mehr Chancen als Marine Le Pen vom Rassemblement National (RN), rechtsradikale Wähler zu mobilisieren. Wird er sich als Präsidentschaftskandidat für 2022 outen? Da die Umfragen auf einer Wahlbeteiligung von nur 50 Prozent basieren, was für eine Präsidentenwahl in Frankreich nicht vorstellbar ist, sind diese Erhebungen erst einmal nur als politisch und medial auszuschlachtende Fakes zu betrachten. Wenngleich sie nicht ohne Wirkungsmacht sind (es grüßt Sebastian Kurz). Aber Frankreich ist mehr als andere EU-Länder von schweren sozialen Erschütterungen gezeichnet: nach der Farce der „linken“ Hollande-Jahre, denen der Marktradikale Emmanuel Macron wie Phoenix entstieg, ist Schrecklicheres denkbar geworden.

Marine Le Pen hat ihren Vater Jean-Marie, den Gründer ihrer Partei, längst aufs Altenteil geschickt. Ohne den alten Faschisten gelang ihr ein deutlicher Zuwachs auf der nach oben offenen Skala der Biederkeit, ohne dass sie das rassistische Kerngeschäft ihrer Partei hätte aufgeben müssen. Mit deren Umbenennung in Rassemblement National – ein Anlass, vom „Ressentiment National“ zu sprechen – und mit vielen Homevideos à la „Marine und ihre Katzen“ war ihre mediale Entdämonisierung auf einem guten Kurs. Rechts von ihr – man glaubt es kaum – hat das eine ideologische Lücke entstehen lassen. Die Auguren überlegen derzeit, ob das Phänomen Éric Zemmour vielleicht zu einer Spaltung am rechten Rand führen kann, ob auch 2022 das Umpflügen alter politischer Landschaften weitergeht, das ja 2017 ganz neue Varianten geboten hat. Wegen des Wahlsystems würde eine Spaltung zu einer bedeutenden Schwächung des rechtsextremen Lagers führen.

Zemmour war lange ein kleiner Mann des politischen Kommentars: rechts, giftig und eloquent. Er blieb jedoch im Rahmen der üblichen Wichtigtuerei. Dann trat er vermehrt in Talkshows auf, die in der Clash-Kultur Quote machten. Zemmour im Duett mit dem deutlich verbitterten Literaturkritiker Éric Naulleau, das erinnerte an die bösartigen Alten in der Loge der Muppet Show. Beide hatten sich als Schriftsteller versucht und waren zu Recht als viertklassig eingestuft worden. In dem reaktionären Brei, der auch aus der massiven Privatisierung der Medien und ihren Konkurrenzkämpfen resultiert, kamen weitere hässliche Fratzen hoch. Der flexible Zemmour spezialisierte und radikalisierte sich, er begleitete seine Medienauftritte mit entsprechenden Büchern, die heftige Negativkritiken auslösten. Zu denen wurde er wiederum in den Medien um Stellungnahmen gebeten. Zemmour hat so einen anwachsenden Circulus vitiosus um seine Person in Bewegung gebracht. Insofern ist sein heutiger Bekanntheitsgrad in allererster Linie ein Medienphänomen.

Seine Tabubrüche alimentieren diesen Teufelskreis bis heute. Inhaltlich nährt der sich aus Zemmours Ressentiments und Obsessionen, die er leicht und virtuos aus seinem Innenleben zu ziehen scheint. Zugleich mästet er sich mit allen auftauchenden Schrecken, die sich monokausal aufblähen lassen. So bearbeitet, kann er sie wieder allen toxischen Winden Frankreichs anvertrauen. Er erlaubt sich auch kleinlichste Bösartigkeiten, so den Vorschlag, man solle es verbieten, den Kindern ausländische Rufnamen zu geben.

Islamistische Terrorakte haben generell die islamfeindliche Geschäftigkeit verstärkt, auch im Sinne einer massiven Reaktivierung unvergorener nationaler Traumata. Die ewige Gegenwart besonders des Algerienkrieges (1954 – 1962) und der Schatten des Kolonialismus gehören zum rechtsextremistischen Sumpfgebiet, das der Historiker Benjamin Stora „Südismus“ nennt: Es handelt sich dabei um die spezifische Stigmatisierung arabischer und schwarzer Menschen. Zemmours Fokus gerät noch enger, denn er ist besessen von den Algeriern. Er behauptet, selbst ein algerischer Berber zu sein, ungeachtet seiner jüdischen Familie und ungeachtet seiner Forderung, alle Immigranten hätten sich restlos ihrer Herkünfte zu entledigen und bis zur Unkenntlichkeit zu assimilieren. Da er gerade Muslimen das nicht zutraut, verlangt er ihre Ausweisung, wie lange sie auch immer bereits Franzosen sein mögen.

Ein weiteres seiner Delirien sind Zemmours sexistische Ausfälle. Ob er Frauen generell nur archaische Gehirne zuspricht oder ob er sie bezichtigt, sich einzig mächtigen Männern hinzugeben, sein Buch Das erste Geschlecht strotzt von machistischem Sündenstolz und einem unbändigen Revanchebedürfnis, darunter ahnt man schwärende Demütigungen. Ist es Verstörtheit, die ihn auch in offenkundige Paradoxien tappen lässt? Obgleich er selbst ein devotes Frauenbild vertritt, beschuldigt er den Muselmann, ein ebensolches Frauenbild zu leben. Man könnte Sexualneid vermuten. Zemmour ist Produzent und Spielball zugleich seines autoritären, sexistischen und rassistischen „Dirty Talk“. Man sieht ihm die Lust an verbalen Grenzüberschreitungen an. Er gibt den Weg frei, Gewaltfantasien auszubrüten und deren Realisierung anzustreben – für manchen verwirrten Simpel ist das hoch attraktiv.

Fragt man ganz rechts nach sozialpolitischen Positionen, trifft man auf ein großes Nichts: Solche Leute leben im Käfig ihrer Köpfe, in den Wolkenkuckucksheimen ihres niemals existent gewesenen „idealen“ Frankreichs. Man sollte auf keinen Fall vergessen, dass auch das Irrationale real existent und wirksam ist.

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06:00 21.11.2021

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