Sumimasen

Linksbündig Japan und Deutschland haben mehr gemein, als die von Horst Köhler gestartete Imagekampagne Glauben machen will

Die drei wichtigsten Gründe für Japaner, Deutsch zu lernen, sind die Musik, die Umwelttechnik und der Fußball. Welche Gründe haben Deutsche, Japanisch zu lernen? Ja, da kommt man ins Grübeln! Ist aber sowieso nur eine rhetorische Frage. Deutsche können nämlich gar nicht Japanisch lernen, weil die japanische Rechtschreibung für Leute, die schon mit der deutschen überfordert sind, weit jenseits ihrer Möglichkeiten liegt.

Indessen haben die deutsche und die japanische Sprache durchaus einige Ähnlichkeiten. Zum Beispiel ist Japanisch noch mehr als Deutsch von falschem Englisch durchwuchert, so dass es die Japaner nicht verwundern dürfte, dass die großen Berliner Plastikbären, von deren Anblick sie sich nun ein Jahr lang beleidigen lassen werden, während er uns solange erspart bleibt (zudem besteht die Hoffnung, dass sie auf dem Rücktransport alle ins Meer fallen), dass also diese Plastikbären "Buddy Bears" heißen. Auf japanisch spricht man das wahrscheinlich "badiberu" aus. "Kumpelbär" wäre schwerer auszusprechen ("kumuberuberu"?). Womöglich sehen diese Bären aber in japanischen Augen gar nicht so scheußlich aus wie in europäisch sozialisierten. Immerhin sind auch japanische Logos in der Regel ziemlich kindisch, nämlich ungefähr so wie das deutsche für die Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr.

Überhaupt dürfte Deutschland auf Japaner gar nicht sehr fremd, sondern ähnlich wie Japan wirken: einigermaßen deprimiert, ziemlich überfressen, mit ersten Verfallserscheinungen. Wenn man in Ostasien nach einem Kontrast zu Deutschland sucht, muss man nach China fahren, nach Schanghai, denn dort ist es wirklich anders. Dort herrscht Goldgräberstimmung, und die Zukunft leuchtet so hell, dass man gefälschte Designersonnenbrillen tragen muss, um nicht geblendet zu werden.

Japan wirkt dagegen wie sediert. Indes liegt das vor allem daran, dass die Japaner so unfassbar höfliche Menschen sind. Zum Beispiel entschuldigen sich die Angestellten in Geschäften, wenn ein Kunde hereinkommt. Da sagen sie "sumimasen", und das ist das wichtigste japanische Wort überhaupt. Diesen Grad an Höflichkeit wird man in Deutschland kaum je erreichen können, wenn auch unser Herr Bundespräsident eine Lächeloffensive gestartet hat. Man meint, er wolle sein Land, obwohl er es doch liebt, auf japanische Weise repräsentieren.

Das mit der Höflichkeit ist der eine große Unterschied. Der andere, grundlegende, ist der, dass Japaner von vornherein Gruppenmenschen sind. Das heißt, Japaner können sich völlig problemlos als Masse bewegen. Während Deutsche noch im überfülltesten U-Bahnwagen auf ihrer Individualität beharren, wissen Japaner, sich den Gegebenheiten anzupassen und einzufügen. Anders könnte eine Megalopolis wie Tokio-Kawasaki-Yokohama nämlich gar nicht funktionieren. Das deutsche Experiment in Vermassung hingegen schlug gründlich fehl, indem es fünfzig Millionen Tote erzeugte; der japanische Versuch in Individualisierung aber auch: Während deutsche Soldaten die kriegstypische Verheerung durch ihre große Menge zu erzeugen suchten, schufen die japanischen die Kamikazeflieger und wurden zu Einzeltätern.

Dabei gehörten Japan und Deutschland zur selben Achse des Bösen. Darum kann man einigermaßen demütig werden, wenn man bedenkt, dass die zwei Atombomben vor sechzig Jahren auf Hiroshima und Nagasaki geworfen wurden und nicht etwa auf Hamburg und das Ruhrgebiet.

Weitere Gemeinsamkeiten sind das BGB, das die Japaner in der Meiji-Zeit Ende des 19. Jahrhunderts übernommen haben, und die preußische Disziplin, die sie, im Gegensatz zu den Deutschen, bis heute beibehalten haben. Vorher sollen sie eher lockere Leute gewesen sein. Allerdings kichern sie auch in der prussifizierten Variante gerne.

Ein Deutschlandjahr in Japan ist also ungefähr so, wie wenn ein Cousin für eine Weile zu Besuch kommt. Viel zu reden gibt es eigentlich nicht, aber da man nun einmal zum selben Stamm gehört, hockt man schon gerne mal zusammen. Das ist weder sexy noch cool, aber das sind ja nun für beide Parteien Fremdwörter.

Ich bitte meine japanischen ebenso wie meine deutschen Leser in aller Form um Entschuldigung für diesen Text. Sumimasen.


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00:00 15.04.2005

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