Summ herum

Menschheit Vom Aussterben der Bienen hört man ständig. Welche Partei will konkret etwas dagegen tun? Und: Wie drastisch ist das Problem wirklich?
Summ herum
Gerade einmal zwei Parteien erwähnen die Biene namentlich

Foto [Montage]: Smith Collection/Gado/Getty Images

Albert Einstein hat gesagt: „Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus.“ Und wenn das jemand sagt, der für seine Entdeckungen – zwar in der Physik – den Nobelpreis bekommen hat, dann hat das Gewicht. Folgerichtig wurde Einsteins Aussage rauf und runter zitiert, mit durchschlagendem Erfolg: Alle haben Angst, dass die Bienen sterben, weil sie nicht selber sterben wollen. Allein: Einstein hat diesen Satz niemals gesagt. Es ist das Ergebnis einer Reihe falscher Zitierungen und Quellenverwechslungen.

Wahr daran ist, dass wir Menschen in nicht unerheblichem Maße von der Biene abhängen. Rund ein Drittel unserer Nutzpflanzen sind auf Tierbestäubung angewiesen, neben einer Reihe von Tieren wie Schmetterlingen, Käfern, Fliegen und Wespen macht das vor allem die Biene. Stürbe sie aus, würde uns das tatsächlich das Leben schwerer machen. Befürworter findet die Biene daher parteiübergreifend von der CDU bis zu den Linken. Die Grünen sind die „parlamentarische Vertretung der Bienen“, twitterte der Bundesvorsitzende Cem Özdemir dieses Jahr sogar kurz vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Harald Ebner, Sprecher der Grünen für Bioökonomie, verteilte 2013 zur letzten Bundestagswahl Samentütchen mit der Aufschrift „Bienen würden Ebner wählen“. Bärbel Höhn stellte gemeinsam mit dem SPD-Abgeordneten Martin Burkert im Hof des Paul-Löbe-Hauses, einem Abgeordnetenkomplex des Bundestages, einen Bienenstock mit rund 50.000 Bienen auf, ja, und Anton Hofreiter bemühte dann doch noch mal das vermeintliche Einstein-Zitat auf seiner Facebook-Seite. Nach Hinweisen auf dessen Falschheit löschte „Team Toni“ den Eintrag, kündigte aber an: „Das weltweite Bienensterben bleibt ein Problem, auf das wir weiterhin hinweisen werden.“

Das „weltweite Bienensterben“ ist ein relativ junges Phänomen. 2006 fanden US-amerikanische Imker unzählige ihrer Bienenkisten verwaist vor, manche Bienenhalter verloren bis zu neunzig Prozent ihrer Völker. Milliarden Bienen waren einfach verschwunden, Colony Collapse Disorder, Völkerkollapsstörung, nannten Forscher das Massensterben. Der Grund dafür war ein Rätsel, am plausibelsten ist ein unglückliches Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Schädlingsbefall, Nahrungsknappheit, Pestizide. Medien aus der ganzen Welt griffen das amerikanische Phänomen auf, Angst vor dem Ende der Bienen. Sogar Hungersnöte könnten bevorstehen, hieß es. Selbst die FDP stellte 2008 einen Antrag an die Bundesregierung mit dem Titel „Schutz der Bienenvölker sicherstellen“. Die Linke beschimpfte diesen allerdings als Lobgesang auf Pestizide und Agro-Gentechnik „unter dem Mäntelchen der Bienenfreundlichkeit“, die regierende CDU erachtete den Antrag als gegenstandslos und lehnte ihn ab, räumte aber ein: „Die seit Jahren stetig abnehmende Zahl der Bienenvölker ist ein Alarmsignal.“

War dann alles viel Gesumm? Ein Blick in die aktuellen Wahlprogramme von CDU, SPD, FDP, den Grünen, der Linken und AfD zeigt, gerade einmal zwei Parteien erwähnen die Biene namentlich. „Besonders Nutzinsekten wie Bienen und Hummeln müssen erhalten und gefördert werden“, schreibt die Linke in ihrem Programm. „Immer mehr Menschen (...) wünschen sich eine Landwirtschaft, (...) die den Reichtum unserer Tier- und Pflanzenwelt erhält, anstatt Bienen- und Vogelsterben zu verursachen. Mit uns wird Deutschland auf eine nachhaltige Landwirtschaft umsteigen – ohne Ackergifte und Gentechnik“, kündigen die Grünen an. Die restlichen Parteien bleiben allgemein, die CDU etwa beruft sich auf die „Bewahrung der Schöpfung“ als ihr Kernanliegen.

Rätselhafte Bienenvölkerverluste gab es schon lange vor der amerikanischen Völkerkollapsstörung in unregelmäßigen Abständen, es gibt das Bienensterben im Plural. Weltweit aussterben wird die Biene aber vorerst nicht: Laut der Welternährungsorganisation FAO hat die Zahl der Bienenstöcke weltweit seit Beginn der Aufzeichnungen 1961 um rund siebzig Prozent zugenommen. Das heißt aber nicht, dass es den Bienen überall gleich gut geht – in Westeuropa etwa nahm die Zahl der Bienenstöcke im selben Zeitraum um knapp 44 Prozent ab. In Deutschland verringerte sich der Bestand sogar um 63 Prozent.

Der Tod kam aus Oberursel

Wesentlich trug dazu eine Milbe namens Varroa destructor bei. 1977 reiste sie vermutlich per Luftpost mit der östlichen Honigbiene Apis cerana nach Deutschland ein und befiel ein Volk unserer westlichen Honigbiene Apis mellifera im Oberurseler Bieneninstitut. Im Gegensatz zu ihren östlichen Verwandten kann sich die westliche Honigbiene nicht gegen die Milben wehren. Sie saugen sich an den Bienenkörpern fest, befallen die Larven und schleusen Krankheiten ein. Eines der Hauptanliegen des Deutschen Bienenmonitorings, eines Zusammenschlusses mehrerer bienenwissenschaftlicher Institute, ist es, die hiesige Honigbiene gegen die Milbe zu wappnen. Denn ohne menschliche Hilfe ist jedes von Varroa befallene Bienenvolk der Apis mellifera dem Tode geweiht.

Entscheidend ist vor allem das Frühjahr. Dann öffnen die Imker ihre Bienenstöcke und entlassen die Bienen aus ihrer Winterruhe, die sie in einer dicht zusammengedrängten Traube verbracht haben. Nicht jedes Volk überlebt den Winter, einer der Hauptgründe ist die Varroamilbe. Es krabbelt dann nicht auf den Waben umher sondern liegt wie ein Schotterhaufen auf dem Boden der Kiste. In diesem Frühjahr beklagten die deutschen Imker zwanzig Prozent Verlustquote. Bundesweit starben im letzten Winter rund 170.000 Bienenvölker. Geht man von einer Größe von circa 10.000 Bienen pro Volk aus, macht das 1,7 Milliarden tote Bienen, aufgehäuft auf den Böden der Bienenkästen. Das klingt nicht nur viel, das ist auch viel – normal wäre eine Sterberate von bis zu zehn Prozent.

Trotzdem sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund (DIB): „Bei Honigbienen gibt es derzeit in Deutschland kein Bienensterben.“ Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Bienenvölker in Deutschland wieder leicht, der starke Rückgang seit den 1960er Jahren hänge auch damit zusammen, dass früher mehr Menschen Bienen hielten. 1961 zählte der DIB allein in den alten Bundesländern 130.499 Mitglieder, 2014 waren es in allen 16 Bundesländern nur noch 97.524 – ein Viertel weniger. „Heute hält jeder Imker im Durchschnitt weniger Völker, da sich unter anderem die Lebens- und Nahrungsbedingungen für Insekten verschlechtert haben“, erklärt Petra Friedrich.

Ans Eingemachte

Wahlprogramme Alle möchten die Bienen schützen, aber möglichst nicht allzu konkret werden. Als einzige Partei wollen die Grünen die bienengefährlichen Neonicotinoide verbieten. In ihrem Wahlprogramm taucht die Biene fünfmal namentlich auf, bei der Linken einmal, bei den restlichen Parteien gar nicht. Bei der SPD fällt die Biene reichlich unverbindlich unter den „Schutz biologischer Vielfalt“, bei der CDU unter die „Bewahrung der Schöpfung“. Die FDP will die „Zukunft der Artenvielfalt“ mit freiwilligen Maßnahmen sichern, obwohl es ihr doch schon an Gegenwart fehlt, die AfD lässt das Thema komplett aus.

Damit meint sie neben klimatischen Veränderungen – Bienen sind stark von den Jahreszeiten abhängig – die industrielle Landwirtschaft. Große Monokulturen bieten den Bienen zwar kurzfristig sehr viel Nahrung, sind dann aber etwa die gelb leuchtenden Rapsfelder verblüht, finden sie schlagartig nichts mehr zu fressen. Bunte Wiesen oder zumindest Blühstreifen zwischen den Ackern sind zur Seltenheit geworden. Dafür bedrohen sogenannte Neonicotinoide die Bienen. Greenpeace bezeichnet die Pestizide als „wahre Bienenkiller“. Sie werden meist als Beizmittel auf das Saatgut aufgetragen um von Beginn an Schädlinge von der Pflanze fernzuhalten, bereits in geringen Dosen führen sie zu einer Störung des zentralen Nervensystems.

Wie giftig Neonicotinoide aber auch für alle anderen Insekten sind, zeigte ein Unfall 2008: Als die Bauern im Oberrheingraben mit Clothianidin gebeizte Maissaat ausbrachten, wirbelten die Saatmaschinen versehentlich Stäube auf, der Wind wehte sie auf blühende Raps- und Blumenwiesen. Mehr als 11.000 Bienenvölker starben an dem Insektizid. 2013 verhängte die EU-Kommission ein Teilverbot für die besonders bienengefährlichen Pestizide wie Clothianidin und Fipronil, die Herstellerfirmen Bayer, BASF und Syngenta klagten dagegen, weil es keine hinreichenden Beweise für eine Gefährdung gebe. Da die europäische Aufsichtsbehörde EFSA aber ein hohes Risiko der Stoffe bestätigte, müssen sie mit einem Totalverbot rechnen.

Gute Umwelt, gute Wirtschaft

Die Grünen benennen das Problem in ihrem Wahlprogramm als einzige Partei explizit: „Neonicotinoide verursachen massenhaftes Bienensterben. Darum werden wir sie verbieten.“ Die SPD kündigt etwas schwammig an, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger „auf das unbedingt notwendige Maß“ reduzieren zu wollen. Die CDU will wie immer beides: „gute Umwelt und gute Wirtschaft“. Die FDP setzt auf „freiwillige Maßnahmen“, die Linke will „natur- und umweltzerstörende Subventionen“ abbauen und die AfD wollte irgendwas mit Nachhaltigkeit wohl auch noch erwähnen und wendet sich „gegen die negativen Auswirkungen eines weltweiten Preisdumpings zulasten von Umwelt, Mensch und Tier“.

Der Honigbiene täte ein gutes Abschneiden der Grünen bei der Bundestagswahl also vielleicht gut – und auch ihren weniger populären wilden Verwandten wie Hummeln und Solitärbienen. Die haben keine Imker, die mit großem Aufwand ihre Populationen immer wieder aufbauen. Mehr als die Hälfte der deutschen Wildbienenarten stehen auf der Roten Liste, sind gefährdet oder verschollen. „Bei Wildbienen ist die Situation dramatischer als bei Honigbienen und der Begriff Bienensterben trifft zu“, bestätigt denn auch Friedrich. Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein: An mehreren Versuchsstandorten maßen Forscher einen Rückgang der Insektenbiomasse um bis zu achtzig Prozent. „Insekten und die von ihnen erbrachten ökologischen Leistungen werden oft verkannt“, schreibt das Bundesumweltministerium. Sie bestäuben, machen den Boden fruchtbarer, fressen Schädlinge und dienen den Vögeln als Nahrung. Nur: Mit „Rettet die Schwebfliegen“ lassen sich vermutlich keine Stimmen fangen.

Svenja Beller studierte Journalistik in Hannover und Buenos Aires. Es folgte ein Volontariat beim Greenpeace-Magazin. 2016 erhielt sie für eine Reisereportage aus dem Harz den Claudia-Hohmann-Preis

06:00 19.09.2017

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