Sündenbock gesucht

Ressentiments In seinem ­neuen Buch vergleicht Louis Begley den Fall Dreyfus mit Guantánamo - und setzt die Zola'sche Tradition auf beeindruckende Weise fort

Alfred Dreyfus, 1859 in Mulhouse, im Elsass geboren, war Hauptmann der französischen Armee, Mitglied des Generalstabs, und wurde, aufgrund eines einzigen Dokuments im Dezember 1894 wegen Landesverrats angeklagt, öffentlich degradiert und zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel verurteilt. Erst nach fünf Jahren Einzelhaft unter brutalen Vollzugsbedingungen kam es 1899 zu einer Revision des Verfahrens, in dessen Verlauf Dreyfus jedoch, trotz offensichtlicher Befangenheit der Richter, erneut schuldig gesprochen wurde – und es dauerte dann noch einmal mehr als fünf Jahre, ehe ihn im Sommer 1906 das höchste Revisionsgericht Frankreichs freisprach. Dreyfus kehrte im Rang eines Majors in die Armee zurück und wurde in die Ehrenlegion aufgenommen.

Die Einzelheiten des Falles Dreyfus, der sich, als seine Unschuld nicht mehr zu leugnen war, eine innenpolitische Krise heraufbeschwor, sind heute kaum noch präsent. Dennoch ist der Name des französischen Hauptmanns zum Begriff geworden – einerseits steht er für einen skandalösen Justizirrtum, für das Versagen von Armee und staatlichen Organen sowie für ­einen aggressiven Nationalismus und Antisemitismus und die Macht der Ressen­ti­ments. Andererseits erinnert er an das Engagement von Schriftstellern, Politikern und Anwälten sowie den Einsatz der nationalen und internationalen Presse, die den Fall nicht ruhen ließen, bis er aufgeklärt war.

Und es ist dieses Exemplarische an der Affäre Dreyfus, was Louis Begley, den Schriftsteller und Juristen, gereizt hat, den Fall minutiös zu rekonstruieren. Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte – so lautet der deutsche Titel, und er verweist auf das tiefer gehende Interesse, das Begley mit dem historischen Thema verbindet. Denn im Fall Dreyfus treffen die Elemente zusammen, die uns auch in der jüngsten amerikanischen Geschichte begegnet sind.

Krieg gegen den Terror

Durch die Parallelisierung des französischen Justizskandals, der sich zu einer innenpolitischen Krise auswuchs, mit den von der Bush-Administration ergriffenen Maßnahmen im „Krieg gegen den Terror“ und dem für „feindliche Kombattanten“ eingerichteten Gefangenenlager Guantánamo, wird nun bei Begley aus der Nacherzählung des historischen Beispiels eine vom Einzelfall abstrahierende Analyse einer Politik, die noch anderen Interessen als denen der Gefahrenabwehr und Wahrheitsfindung dient.

Nicht nur die von Begley aufgeführten Gesetzesverstöße und die Schilderung der Haftbedingungen, denen Dreyfus unterworfen war, erinnern fatal an die Rechtsbeugung, die Befugnisüberschreitungen der ausführenden Organe, die Misshandlung der Gefangenen und die Haftbedingungen in Guantánamo unter der Bush-Regierung. Auch das politische System, das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen waren und sind ähnlichen Erschütterungen unterworfen. Und fragt man nach den Ursachen für die ungesetzliche Vorgehensweise, so findet sich auch hier eine Analogie.

Der Fall Dreyfus ereignete sich nach der Niederlage der französischen Armee im 1870/71er Krieg gegen Deutschland, die das nationale Selbstbewusstseins nachhaltig erschütterte; in ihrer Folge kam es nicht nur zu einem Rechtsruck und Erstarken des Nationalismus, sondern, aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs, der Korruption in Staat und Kirche, von der zum Teil jüdische Bankiers profitierten, zu einer pogromartigen Stimmung gegen Juden.

Als nun ein Verrat militärischer Geheimnisse, ausgerechnet an den Erzfeind Deutschland, publik wurde, der die angeschlagene Ehre des Generalstabs zusätzlich bedrohte, war Dreyfus in doppelter Hinsicht zum Sündenbock prädestiniert: Denn Dreyfus war nicht nur Jude, was die Antisemiten in ihren Ressentiments bestätigte, sondern auch Elsässer. Das Elsass aber war nach der Niederlage Frankreichs an das Deutsche Reich gefallen – und obwohl die Familie Dreyfus kurz darauf nach Paris gezogen war, haftete ihr, wie allen aus dem Elsass Stammenden, der Geruch der Deutschfreundlichkeit an.

Nationalisten und Antisemiten sahen sich durch Dreyfus’ Verurteilung bestätigt – dabei waren es doch, umgekehrt, die herrschenden Vorurteile, die zur Verurteilung geführt hatten. Ebenso, darauf weist Begley hin, verhielt es sich mit den Verdächtigen nach dem nationalen Trauma, das Amerika durch die Terroranschläge vom 11. September erlitten hatte: „Genauso, wie viele Menschen in Frankreich ohne Mühe glauben konnten, Dreyfus sei ein Verräter, weil er Jude war, hatten viele Amerikaner keine Mühe, die Häftlinge in Guantánamo und in CIA-Gefängnissen schon deshalb für Terroristen zu halten, weil sie Muslime sind.“

Diese Form des Generalsverdachts richtete sich in der Folge, in der, im Namen der Sicherheit und des Patriotismus die durch die Verfassung garantierten Rechte beschnitten und die Menschenrechte eingeschränkt wurden, jedoch noch gegen eine zweite Gruppe: die linksliberalen Medien und Intellektuellen. Und das, obwohl ihre Kritik zumeist nicht pauschalisierend gegen die Vereinigten Staaten gerichtet war, sondern präzise die Missachtung internationaler Vereinbarungen, die Rechtsverstöße, den Ausbau der Geheimdiensttätigkeit im Namen der inneren Sicherheit sowie den völkerrechtswidrigen Krieg im Irak zur Sprache brachte.

Das größte Verdienst Begleys besteht darin, dass er in seinem Buch immer wieder auf die Bedeutung der unabhängigen Presse und das Engagement von Schriftstellern, Politikern und anderen „Dreyfusards“ hinweist, also jene kritische Öffentlichkeit, ohne die damals die Revision des Verfahrens und die Aufklärung des Justizirrtums nicht möglich gewesen wäre. Sie publizierten geheim gehaltenes Material, appellierten an Regierung und Militärführung, organisierten den Protest, sammelten Geld. Am berühmtesten ist Émile Zolas offener Brief an den Staatspräsidenten Félix Faure geworden – sein auf der Titelseite der Zeitung L’Aurore aufflammendes „J’accuse!“ wurde zum Fanal – und zur Geburtsstunde des „intellectuel engagé“.

Im Namen der Freiheit

Mit seinem Buch setzt Louis Begley diese Tradition auf beeindruckende Weise fort – neben die klare Darstellung des Falles Dreyfus, seiner Ursachen und Folgen, tritt die Frage nach der eigenen Verantwortung, um die hier beschriebenen Mechanismen, die uns so erschreckend bekannt vorkommen, zu erkennen, aufzudecken und gegen sie zu protestieren. Die Aufgabe, das zeigt Begley, ist: Wenn sich derartige Fälle schon nicht vermeiden lassen, dann sind wenigstens die Fakten zu recherchieren und bekannt zu machen und auf die Höhe des Preises hinzuweisen, den wir im Namen eines Abstraktums (Freiheit, Vaterland, Ehre) zahlen sollen. Und das alles sollte so präzise und frei von Emotionalität geschehen wie möglich.

Bei Dreyfus wurde das Problem schließlich durch eine Amnestie für alle in die Affäre verwickelten Personen gelöst – etwas Ähnliches zeichnet sich nun auch für die Verantwortlichen von Rechtsbeugung, Verschleppung und Folter im „Krieg gegen den Terror“ ab. Es mag, erstens, sein, dass dies kurzfristig der Stabilisierung der militärischen und staatlichen Institutionen, der Exekutive und Judikative sowie der inneren Sicherheit dient; langfristig schadet es ihr, da eine solche Regelung das Vertrauen in die Fundamente des demokratischen Rechtsstaats untergräbt. Es mag, zweitens, sein, dass es, aus einer gewisser Entfernung gesprochen, solcher Erschütterungen in einem demokratischen System immer wieder bedarf, um Legitimation und Funktion der Institutionen zu hinterfragen und Reformen einzuleiten, und dass es für die Selbstregulierungskräfte dieses Systems spricht. Aus der Sicht der Opfer aber ist das kein Trost.

Der Fall Dreyfus Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der GeschichteLouis Begley Aus dem Englischen von Christa Krüger. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 248S., 19,80

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17:26 18.06.2009

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