Sündenfall Geldschwemme

Bundesbanker Axel Weber ist der Kanzlerin und einer EZB-Karriere untreu geworden, weil seine unerbittlichen Stabilitätsdogmen wenig Gehör finden. Nun soll es Jens Weidmann richten

Wie jede Heilslehre ihre Dogmatiker hervorbringt, lässt es auch die neoliberale Wirtschaftstheologie an dieser Spezies nicht fehlen. Prinzipien gegen Tatsachen – so die Devise. Mit Bundesbankpräsident Axel Weber hat nun schon wieder ein konservativer Seriositätsapostel das Handtuch geworfen. Weber – vor kurzem noch Wunschkandidat der Kanzlerin für den Chefsessel der Europäischen Zentralbank (EZB) – schied im geldpolitischen Streit von seiner Schutzherrin. Als Mitglied derselben ökonomischen Kirche neigt Merkel nämlich zu pragmatischer Durchwurstelei. Weber dagegen gibt den strenggläubigen Hüter des Geldes, der die Lockerungspolitik der EZB und eine „Transferunion“ zum Schuldenabbau ablehnt. Sein Stehvermögen hat den Schönheitsfehler, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. Nicht eine laxe Geldpolitik hat die Euro-Krise ausgelöst, sondern umgekehrt zwang die Wirtschaftskrise zu laxer Geldpolitik. Der Sündenfall fand schon unter dem früheren US-Notenbankchef Greenspan als Reaktion auf die Dotcom-Krise 2001 statt. Seit 2008 ist auch die EZB gegen die Weisheiten ihrer Bibel zur Geldschwemme entschlossen. Der damit erkaufte Krisenaufschub droht in eine unkontrollierbare Inflation umzuschlagen. Hätte sich freilich der bibeltreue Weber durch­gesetzt, wäre der Euro längst in die Luft geflogen. Merkel möchte die Schuldenkrise durch einen politischen Kuhhandel aussitzen. Der Euro-Rettungsfonds soll gegen frühere Absichtserklärungen ausgedehnt werden. Im Gegenzug ist ein „Pakt für Wettbewerbsfähigkeit“ geplant, den auch der designierte Weber- Nachfolger Jens Weidmann mittragen dürfte. Dieses Vorhaben reflektiert das Problem, dass ausufernde Defizite nichts anderes sind als die Kehrseite deutscher Exportüberschüsse. Eine reguläre Entschuldung würde diese einseitigen Ausfuhren einbrechen lassen und die deutschen wie französischen Großbanken in Schieflage bringen, weil sie auf Bergen von Schrottanleihen der Defizit­länder sitzen. So erscheint die Inflationspolitik als kleineres Übel. Die Dogmatiker der Wirtschaftstheologie behalten Recht gegen die Pragmatiker und umgekehrt. Deshalb müssen sie auch gemeinsam scheitern.


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09:15 17.02.2011

Ausgabe 42/2021

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