Sündenfall im Wunderwald

Dschungelshow Anne Zielkes Debütband "Arraia" bietet ein formvollendetes Drama der Erschütterung

Wer sich auf den Weg ins Dschungelcamp im australischen Busch macht, weiß, was ihn erwartet: Vogelspinnen und Kakerlaken warten auf die temporären Bewohner des millionenfach beäugten Camps. Seine Insassen fischen in dunklen Schlammlöchern nach den Sternen, steigen auf angesägte Höllenleitern und riskieren Skorpionstiche. Es fließen Tränen der Rührung und Tränen des Schmerzes. Doch tot kommt in der Regel keiner aus dem Kunstinferno heraus.

Ganz anders in Arraia, dem gerade erschienenen Debütband Anne Zielkes. Die 1972 geborene Dresdnerin schickt zwei Protagonisten auf eine Dschungelshow mit letalem Ausgang. Allzu weit hergeholt ist der Vergleich dieses kunstvollen kleinen Bändchens mit einem verschrienen zeitgenössischen Amüsierformat nicht. Denn der Theologiestudent Wilmar Olaf Hegenberg, den Zielke irgendwann in den siebziger Jahren seinen Freund Georg Santin in einer katholischen Missionsstation im brasilianischen Urwald besuchen lässt, stellt die festen Prinzipien und die strenge Selbstdisziplin, die sich der angehende Priester verordnet hat, am liebsten damit auf die Probe, "aus dem Gewohnten herauszugehen und sich Erfahrungen auszusetzen, die er sich möglichst überwältigend wünschte".

Hegenberg und Santin begeben sich nicht in ein Camp, sondern auf eine Kanufahrt entlang des Amazonas-Zuflusses Jurua. Doch die unbewohnbaren Weiten des brasilianischen Dschungels, durch die sie sich ihren Weg bahnen, machen ihren schmalen Nachen auch zu einer Art Bühne entgegengesetzter Charaktere: kontrollierter Vernunftmensch der eine, Gemütsmensch, der sich gern gehen lässt, der andere. Ist das australische Dschungelcamp die öffentliche Zurschaustellung von Leidenschaften mit einer spektakulärem Klimax, zwingt Zielke diese Leidenschaften in ein Kammerspiel. Aber auch in dieser Grenzsituation strebt alles einem dramatischen Höhepunkt entgegen, von dem der Tritt eines der beiden Helden in den todbringenden Stachel des titelgebenden Süßwasserrochens nur der Anfang ist.

Arraia hat das Zeug zum Kultbuch. Auf knappem Raum entfaltet Zielke eine morbide Szenerie. Vom Flugzeug sieht der Urwald wie ein Symbol ewigen Lebens aus. Unten am Boden stehen die Häuser auf Holzpfählen im "fieberschwangeren Grund, wo Ratten und blutgierige Insekten ihre Brut gedeihen ließen". Ganz so exzentrisch wie in Werner Herzogs Fitzcarraldo geht es nicht zu. Doch eine Kathedrale im Urwald, ein Leprakranker, lilienbekränzte Frauen mit Narben an den Beinen bilden ein schillerndes Ambiente. Auf ihrem Weg durch den Urwald stoßen die beiden Reisenden auf eine "paradiesisch verzauberte" Landschaft aus rosa Blüten und Blasen der Fäulnis. Erhabenheit und Verfall, Realität und Wahn liegen in diesem Buch eng nebeneinander. Und Sätze wie: "Er verströmte sich im geliebten Moment, rudernd, ertrinkend, mit unerforschten Sinnen sein Scheitern empfindend, bis ihn fast nichts als Traurigkeit erfüllte", lassen an Stimmen aus der Romantik denken.

Zielke versteht sich also auf das Mehr an Geheimnis. Damit zeigt eine sehr junge Autorin, die sich als Reporterin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ihre Sporen verdient hat und gerade erst für das Blatt auf den Spuren Che Guevaras durch Lateinamerika gepilgert ist, wie man vom Beschreiben zur Literatur gelangen kann. Doch mit den Etiketten Magie, Exotik oder Rätsel kommt man ihrem Buch alleine nicht bei. Es flirrt darin nur so von Andeutungen. Schon das erste Treffen der Freunde auf dem Flughafen wird von einer kaum merklichen Spannung unterminiert. Nichts in diesem Buch steht zufällig; keine Untiefe, keine Stromschnelle. Alles hat seinen Platz, trägt Bedeutung und verweist auf verborgene Verbindungen. Zielsicher, aber niemals schematisch entwickelt Zielke die Handlung und führt mit ihren beiden Hauptpersonen ein deutliches Gegensatzpaar ein. Langsam baut sich die Spannung zwischen Hegenberg und Santin auf, bis es zu der unvermeidlichen Kollision kommt.

Das Dingsymbol, das falkenmässig durch die kleine Geschichte geistert, ist das Foto eines Mädchens mit seiner Mutter. An diesem Bild fällt Hegenberg "ein überaus lieblicher und festlicher Schein, wie man ihn von anderen Fotos gar nicht kennt", auf. In dem Motiv meint er gar ein Bild der Jesusmutter zu erkennen. Zugleich ist es aber der Schlüssel zu einem womöglich sehr weltlichen Ereignis, dessentwegen Hegenberg die grüne "Welt zähnefletschender Unschuld" als ein Anderer verlässt. Und zwar genau in dem Moment, in dem Santin sich zum ersten und letzten Mal der verhassten Disziplin unterwirft. Kurz und gut: Arraia ist die geglückte Adaption der guten alten Novelle. Die Genre-Norm ist fast ein wenig übererfüllt. Doch dieses bemerkenswerte Stück Literatur glänzt wie ein perfekt gearbeitetes Schmuckstück, bei dem man die Fassung fast nicht sieht.

Flüchtet sich die allerjüngste Gegenwartsliteratur in Zeiten der Krise in die klassische Form und raffinierte Spielereien? Ja und nein. Auch wenn man ironischere Reflexionen des Formats bevorzugt. Man sollte sich an der konservativen Maskerade, die Zielke einsetzt, der religiösen Aufladung und den biblischen Assoziationen nicht allzu sehr stören. Selbst dann nicht, wenn sie Hegenberg mitten im Urwald plötzlich den Stefan-George-Vers Das Lied von 1928 mit dem Wort vom "Wunderwald" summen lässt.

Um Georges "Ringen nach der höchsten formalen Vollendung im Werke" geht es Zielke schon. Doch die perfekte Konstruktion, die altertümliche Anmutung und der unangreifbare Erzähler lassen das Drama der Erschütterung, um das sich eigentlich alles dreht, jene "sich ereignete, unerhörte Begebenheit", die Goethe zur raison d´etre der Novelle erklärte, nur um so deutlicher spüren. Die "noch nicht geformte Schuld", die Hegenberg schon leise verspürte, als er das unberührte Paradies des Urwaldes nur betrat, hat sich am Ende auf dramatische Weise erfüllt. Der Sündenfall ist eingetreten. Zwar ist das unerhörte Neue, das sich hier im Gewande des Alten entwickelt, ein uraltes Gefühl. Für diesen immergrünen Ladenhüter hat Zielke also den ganzen Aufwand getrieben? Aber immerhin: Noch der Stachel der verbotenen Liebe, der einen Prinzipienmenschen von lebensfeindlicher Strenge aus der Balance gebracht hat, reicht tiefer als ein Rochenstich - ganz zu schweigen von einer Camp-Affäre.

Anne Zielke: Arraia. Novelle. blumenbar, München 2004, 115 S., 16 EUR


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00:00 12.11.2004

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