„Super 8 ist unheimlich“

Interview In Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ sucht die NS-Vergangenheit ein österreichisches Alpenidyll heim. Was reizt zwei Theatermacher aus New York an diesem Stoff?
„Super 8 ist unheimlich“
Inspirationsquelle der Nobelpreisträgerin: Der Low-Budget-Schocker „Carnival of Souls“ (1962)

Foto: Granamour Weems Collection/Alamy

Auf über 600 Seiten transformiert Elfriede Jelinek in ihrem Roman eine idyllische Alpenszenerie in eine schauerliche Landschaft voller Zombies. Die Kinder der Toten (1995) stellt eine Art Grundlagenwerk im Œuvre der österreichischen Nobelpreisträgerin dar. Die Untoten stehen in ihrem Roman für das Weiterleben des Faschismus, für eine nicht aufgearbeitete Vergangenheit, die in eine vermeintlich behagliche Gegenwart vordringt. Kelly Cooper und Pavol Liska von der New Yorker Performancegruppe Nature Theater of Oklahoma haben sich nun vorgenommen, Jelineks Opus magnum mit Laiendarstellern in der Steiermark zu verfilmen.

der Freitag: Eigentlich, würde man meinen, ist der komplexe Roman „Die Kinder der Toten“ nicht verfilmbar. Warum haben Sie dieses Werk von Elfriede Jelinek ausgewählt?

Kelly Cooper: Unsere Motivation war in erster Linie, dass wir uns mit der Steiermark und ihren Bewohnern befassen wollten. Wir haben uns zuerst für diese faszinierende Region entschieden und sind dann auf den dazu passenden Text von Jelinek gestoßen. Ein besonderer Ansporn war für uns auch, dass er mit seinen 666 Seiten für eine Inszenierung unmöglich erscheint.

Was hat Sie an der Steiermark fasziniert?

Die Steiermark ist eine rachsüchtige Landschaft, eine Erde, die Rache an den Skifahrern, Wanderern und Touristen nimmt, die sie unentwegt ausbeuten, vermarkten und konsumieren. Ich erinnere mich, wie wir das erste Mal am Niederalpl auf zahlreiche Denkmäler und Tafeln gestoßen sind, die von Leuten berichten, die gestürzt sind, vom Blitz getroffen oder vom Schneesturm begraben wurden. Derartige Hinweise vermitteln, wie schnell und unerwartet das Leben zu Ende gehen kann. Sie fühlen, wenn Sie den Text lesen, wirklich eine Art rücksichtsloser Böswilligkeit in der Landschaft. Ein böser Gott herrscht über sie.

Gab es etwas aus Ihrem eigenen Umfeld, das Sie inspirierte?

Ja, wir sind auf einen unbekannten amerikanischen Horrorfilm namens Carnival of Souls gestoßen – eine echte Low-Budget-Produktion, die wiederum Hauptinspiration für die Nobelpreisträgerin war. Als Lieblingshorrorklassiker der Schriftstellerin zeigen wir ihn auch im Rahmen unseres Projekts in einer Live-Vertonung von Wolfgang Mitterer.

Zur Person

Kelly Cooper gründete 2006 in New York mit Pavol Liska die Performancegruppe Nature Theater of Oklahoma. Unter anderem ließen sie alle Rambo-Filme von einer Person in einer Einzimmerwohnung nachspielen und über sieben Jahre ein Telefongespräch in Variationen aufführen

Foto: Eventpress Hoensch/dpa

Sie nehmen sich des Stoffs ja eher frei an. Worauf liegt Ihr Fokus?

Als wir zum ersten Mal Elfriede getroffen haben, hat sie gesagt: „Dieses Buch hat mein Leben gerettet.“ Dieser Satz blieb uns im Gedächtnis und führte zu der Frage: Wie kann dieser Film unser eigenes Leben retten? Das ist unser Hauptfokus bei der Arbeit mit dem Text gewesen. Zu viel wollen wir hier nicht verraten. Wir haben uns ihm mit einer Mischung aus Leidenschaft und Spürsinn angenähert. Wichtig ist uns dabei, sowohl die Gemeinschaft der hiesigen Leute als auch die Potenziale dieses Ortes so stark wie möglich zu berücksichtigen.

Jelinek sieht in der Heimat das Unheimliche. Sie drehen ja nun einen Film, der zugleich eine Live-Performance mit Laiendarstellern ist. Wie wollen Sie diese Stimmung erzeugen?

Das Unheimliche drückt sich bei uns hauptsächlich in der Wahl des Super-8-Formats aus. Wir besitzen eine große Sammlung solcher Filme, die wir auf Flohmärkten gefunden haben. Vor allem home movies anderer Leute, die durchaus unheimlich wirken. Aufnahmen des täglichen Lebens, von Geburtstagsfeiern, Weihnachten ...

Was ist daran unheimlich?

Wenn Sie diese Filme anschauen, wird Ihnen klar, dass diese Menschen bereits gestorben sind. Oder ein anderer Fall: Sie sehen in einem home movie aus den 1940ern Leute, die fröhlich in einem See schwimmen, während im Hintergrund Nazi-Fahnen wehen. Das ist ziemlich unheimlich – ein Beispiel für die Banalität des Bösen sowie die Allgegenwart des Todes. Das Unheimliche tritt durch das Format selbst zutage. Letztlich stellt in unserer Version also das Medium ein Tor dar, durch das die Toten – wie in Jelineks Text – wieder in die Welt des Lebens treten.

Was sehen Sie in den Untoten?

Zunächst einmal das Ungelöste der Vergangenheit, die Geister, die in der Gegenwart verweilen.

Bei Jelinek sind das ja insbesondere Wiedergänger der Opfer des Holocaust. Und bei Ihnen?

Vielleicht sehen wir in ihnen eher eine ganz grundsätzliche Erfahrung des Menschen, der sich immer auch einer „unfertigen“ Geschichte ausgesetzt fühlt. Gerade die Ausschreitungen in Charlottesville zeigen, dass alte Konflikte, Gefühle und Formen der Gewalt noch immer „unverdaut“ oder eben nicht bewältigt sind. Das muss nicht zwingend auf den Nationalsozialismus verweisen.

Wie wollen Sie diese unerlösten Seelen denn nun konkret in die Steiermark bringen?

In einem Großteil unserer Szenen treten Leute auf, die keine professionelle Sozialisation als Schauspieler haben. Indem wir sie mithilfe von Make-up und einer entsprechenden Requisite zu Untoten kostümieren, erhalten sie ihre eigentliche Rolle. Die Untoten sind somit wahrscheinlich der theatralischste Teil dieses Projektes. Wir werden die Laiendarsteller dazu anhalten, ihre eigenen Gräber zu buddeln und anschließend aus ihnen wieder zurück ins Leben zu krabbeln. Solcherlei Aktionen haben ja auch etwas Humorvolles, das wiederum in Jelineks Text angelegt ist. Wir freuen uns zum Beispiel auch auf die Parade der Untoten mit herausquellenden Gehirnen durch Neuberg.

Was macht für Sie den Reiz einer Live-Performance mit Laien aus?

Wir versuchen, das klassische Theatergebäude hinter uns zu lassen – vor allem um die direkte Arbeit mit den Zuschauern zu intensivieren. Wir machen keine Arbeit mehr für ein Publikum, sondern mit einem Publikum. Die Kamera dokumentiert unsere gemeinsame Erfahrung. Der eigentliche Film entsteht erst später – durch Schnitt, Montage und Ähnliches. Unser Job besteht darin, zu inszenieren und gleichzeitig für das offen zu bleiben, was geschieht. Also 100 Prozent Präsenz und im selben Moment hundertprozentige Planung. Wir sind der Gegenwart und der Zukunft verpflichtet, sowie aktiv und passiv zugleich. Hinzu kommt, dass wir die Leute ja auch motivieren wollen und müssen. Was sie tun, ist unentgeltlich und freiwillig. Wir müssen die anderen aufbauen und bei Laune halten. Das ist keineswegs immer einfach.

Sie haben auch ein Kino als einen Handlungsort gewählt. Warum?

Weil uns das Medium Film so wichtig ist. Das Kino fungiert als Raum einer Séance. Im Französischen gibt es den Terminus „Séance de Cinéma“ für einen Kinobesuch. Die Untoten werden hier als reine Projektion in Erscheinung treten. Als durchsichtige Schatten, die die Leinwand bevölkern.

Info

Die Kinder der Toten – Der Große Dreh mit Nature Theater of Oklahoma findet ab dem 30. September im Rahmen des Festivals Steirischer Herbst statt

06:00 28.09.2017

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