Super im Minimarkt

Nachhaltigkeit Über Bioprodukte und fairen Handel wird viel geredet, tatsächlich sind ethische Unternehmen Randerscheinungen. Trotzdem können sie etwas verändern
Super im Minimarkt
Ökologisch gelabelte Kleidung hat für den CO2-Ausstoß keine Relevanz

Illustration: Benedikt Rugar für der Freitag

Sabrina und Patrik Löhr suchen einen Koch. Er soll für die 14 Mitarbeiter ihrer Firma jeden Tag ein bio-vegetarisches Mittagessen inklusive einer veganen Variante auf den Tisch bringen. Das Ehepaar, beide in den 30ern, legt großen Wert darauf, dass es zu Hause und bei der Arbeit ökologisch korrekt zugeht. Im Versammlungsraum, wo das Team so oft wie möglich gemeinsam isst, steht ein sechs Meter langer Tisch. Er ist aus zertifiziertem, nachhaltig bewirtschaftetem Holz. Die Stühle bestehen aus Recyclingplastik. In den Lampen an der Decke stecken energiesparende LEDs.

Um das Einkaufs- und Konsumverhalten der Geschäftsleute zu beschreiben, sagt Sabrina Löhr: „Wir sind sehr kritisch.“ Ihre Lebensmittel kaufen sie überwiegend im Bioladen, der Strom zu Hause wie im Büro kommt von Greenpeace. Sie besitzen kein Auto und steigen auf Reisen nicht ins Flugzeug. In Berlin-Kreuzberg haben sie Büros in der alten Schultheiss-Brauerei gemietet – einer Oase der Ruhe, umgeben von teuren Wohnungen.

Posteo ist kein Anbieter von Naturfarben oder Biomüsli, sondern ein Internetdienstleister. Er floriert, weil Posteo das verkauft, was Zehntausende Kunden gerade dringend haben wollen: weitgehend abhörsichere E-Mail-Adressen. „Nachdem Edward Snowden 2013 seine Beweise für die massive Überwachung durch Geheimdienste veröffentlicht hatte, stieg die Zahl unserer Nutzer rasant“, sagt Patrik Löhr. Der Chef mit den rötlichen, emporstehenden Haaren erklärt die Idee der Firma: Posteo speichert keine Bestandsdaten seiner Kunden wie Namen, Adresse oder Geburtsdatum. Was nicht vorhanden ist, kann nicht in falsche Hände geraten, so die Philosophie.

Einfluss auf die Großen

Einen Euro monatlich kostet der Basisdienst von Posteo, das elektronische Bezahlverfahren ist anonymisiert. Wer dem nicht traut, der kann die Gebühren für die E-Mail-Adresse bar in einem Umschlag in den Briefkasten am Büro werfen. Außerdem verschlüsselt Posteo den E-Mail-Verkehr so, dass Unbefugte sich sehr anstrengen müssen, um ihn mitzulesen.

Posteo ist eines der jüngsten Beispiele der ethischen Ökonomie. Ihre Vertreter sind Unternehmen, deren Produkte mehr bieten als einen guten Gebrauchswert und einen attraktiven Preis. Sie bringen ihren Käufern einen politisch-moralischen Zusatznutzen. Posteo-Kunden erwerben für einen Euro monatlich eine E-Mail-Adresse plus Umweltvorteil und digitale Privatheit. Letztere brauchen viele womöglich gar nicht, weil kein Geheimdienst der Welt sich je für den Inhalt ihrer Nachrichten interessieren wird. Doch den Menschen geht es darum, ein Zeichen zu setzen gegen spähende Geheimdienste, Regierungen und Konzerne. Gegen die systematische Überwachung der Kommunikation aller.

Mit gut 100.000 Kunden bildet Posteo eine winzige Nische im Vergleich zu den zig Millionen E-Mail-Adressen bei den großen Diensten wie Googles Gmail, Web.de oder GMX. Doch das kleine Unternehmen strahlt aus auf die großen, marktbeherrschenden Firmen: Posteo macht vor, was möglich ist. „Als Reaktion auf die Snowden-Veröffentlichungen haben schließlich auch die großen Provider eine gewisse Verschlüsselung eingeführt“, sagt Patrik Löhr. Mittlerweile machen selbst diese Unternehmen im Fernsehen Werbung dafür, dass sie die elektronische Post ihrer Kunden schützen. Die Verschlüsselung bei den großen Diensten ist zwar nicht annähernd so umfassend wie bei Posteo, aber immerhin kommt ein etwas höheres Maß an digitaler Privatheit nun Millionen E-Mail-Schreibern zugute.

Grob gerechnet 40 Jahre ist es her, dass mit den neuen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre auch eine neue Art von Unternehmen entstand: Produzenten von Windrädern und Sonnenkollektoren, Energiegenossenschaften, Biobauernhöfe. Mittlerweile sind Naturkost-Supermärkte hinzugekommen, ebenso wie Produzenten sozial- und umweltverträglicher Kleidung. In der digitalen Sphäre entstehen Internetfirmen wie Posteo.

Die Wirtschaft des guten Gewissens weckt hohe Erwartungen. Viele hoffen, verantwortungsvolle Firmen könnten nicht nur ihren Kunden ein gutes Gefühl geben, sondern zugleich den Kapitalismus ein Stück weit zivilisieren. Blickt man auf die Marktanteile, dann ist dies nicht mehr als ein frommer Wunsch. Verglichen mit dem Mainstream spielen ethische Unternehmen eine verschwindend geringe Rolle. Der Paradigmenwechsel hin zu einer nachhaltigen Ökonomie spielt sich in sehr überschaubaren Größenordnungen ab. Das Transformationspotenzial guter Unternehmer liegt anderswo. Sie verändern zunächst einmal den öffentlichen Diskurs.

Berlin, Bundespressekonferenz. Entwicklungsminister Gerd Müller redet persönlich und eindringlich. Er sagt: „Als Sie heute morgen Ihre Kleidung aus dem Schrank holten, konnten Sie nicht ausschließen, dass diese unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurde.“ 15 Cent pro Stunde bekämen die Textilarbeiter in Bangladesch für die Schufterei an den Nähmaschinen. „Diese Löhne sichern nicht die Existenz“, erklärt Müller. „Schauen wir weg, bis die nächste Fabrik einstürzt?“ Der CSU-Politiker meint den Zusammenbruch des Fabrikkomplexes Rana Plaza in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, im April vergangenen Jahres. 1.127 Tote, 2.438 Verletzte. Müller will verhindern, dass sich eine derartige Katastrophe wiederholt, das ist sein Antrieb. Deshalb setzt er sich für mehr Sicherheit, höhere Löhne und eine bessere Mitbestimmung der Textilarbeiter ein.

Sein Plan: Bundesregierung, Gewerkschaften und Bürgerrechtsorganisationen sollen mit Bekleidungsproduzenten einen besseren Umwelt- und Sozialstandard vereinbaren und umsetzen. Existenzsichernde Löhne, eine Senkung der Arbeitszeit auf zehn Stunden täglich, freie gewerkschaftliche Betätigung und regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen in den Fabriken – all das soll für die Textilarbeiterinnen in Bangladesch, Pakistan und Kambodscha Realität werden.

Seit Oktober ist der entsprechende Standard ausgearbeitet, einige kleinere Unternehmen wie der Outdoor-Textilienhersteller Vaude und die Firma Hess Natur beteiligen sich. Doch große Firmen wie Otto, Metro, Adidas und Puma sowie die Verbände der konventionellen Textilwirtschaft haben abgelehnt. Ihr Argument: Der höhere Standard lasse sich in den komplexen weltweiten Produktionsketten mit ihren Tausenden Fabriken unmöglich durchsetzen und kontrollieren. Letztlich geht es um die Kosten und damit die Gewinnmarge der Unternehmen. Höhere Löhne und wirksame Kontrollen sind nicht umsonst.

Einerseits ist Müllers Initiative ein Fortschritt. Dass sich ein Bundesminister für dieses Anliegen einsetzt, zeigt, dass die Idee der ethischen Ökonomie ins Zentrum der Gesellschaft vorgedrungen ist. Müller würde das Thema nicht vorantreiben, wäre er nicht sicher, dass er in breiten Schichten der Bevölkerung sofort verstanden und unterstützt wird.

Andererseits hat Müller eines der höchsten Regierungsämter in einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt inne – und sieht keinen anderen Weg als den der Freiwilligkeit. Alles kann, nichts muss. Bei der Verbesserung der Welt macht mit, wer gerade Lust darauf hat.

Berlin-Wilmersdorf, hier residiert der Klamottenladen Zebraclub. Die Boxen streuen Elektromusik in den Raum. Drei Jungs mit Vollbärten verkaufen Schuhe, Hemden, Jacken. Und Jeans, unter anderem Nudie-Jeans. Das ist eine Marke aus Schweden, die anspruchsvollen Käufern gutes Gewissen verspricht. Die blauen und schwarzen Röhrenhosen bestehen demnach zu 100 Prozent aus „organic cotton“ – Baumwolle, bei deren Produktion keine künstlichen Ackergifte eingesetzt wurden. Die Arbeiter auf den Feldern und in den Fabriken müssen angeblich nur 60 Stunden wöchentlich ableisten und erhalten dafür eine existenzsichernde Bezahlung, die über den meist kärglichen, staatlich festgelegten Mindestlöhnen liegen soll. Nudie-Jeans ist Mitglied der Fair Wear Foundation in Amsterdam, die solche Standards überprüft.

Die korrekten Hosen sind bei Zebraclub normaler Teil des Angebotes. Besonderes Aufheben um den ethischen Zusatznutzen macht der Verkäufer im Beratungsgespräch nicht. Er sagt: „Gute Wahl, die hält fünf Jahre, mindestens.“ Existenzsichernde Löhne, Öko-Baumwolle: selbstverständliche Qualität zu normalem Preis, die man nicht extra bewerben muss. Das Geschäft läuft, durch die Gänge streifen viele, vor allem junge Kunden. Die einen greifen nach herkömmlichen, die anderen nach fairen Jeans.

Ein paar Ecken weiter bietet die US-Kette American Apparel Kleidung an, die nicht zu Hungerlöhnen in Indien, sondern unter leidlichen Bedingungen in Los Angeles gefertigt wurde. Peek & Cloppenburg verkauft T-Shirts, Kleider und Kapuzenpullis mit dem Fairtrade-Siegel, vertrieben vom Kölner Label Armedangels. „Gute Kleidung“ darf heute in den Regalen vieler konventioneller Ketten nicht mehr fehlen.

Beim Essen ist es das Gleiche. Der Markt für anspruchsvolle Lebensmittel ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Denn’s ist die Bio-Supermarktkette mit den meisten Filialen in Deutschland, fast 150 zurzeit. Das Umsatzplus war in den vergangenen Jahren zweistellig, 2013 verkaufte die Beim Essen ist es das Gleiche. Der Markt für anspruchsvolle Lebensmittel ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Denn’s ist die Bio-Supermarktkette mit den meisten Filialen in Deutschland, fast 150 zurzeit. Das Umsatzplus war in den vergangenen Jahren zweistellig, 2013 verkaufte die Dennree-Gruppe, zu der Denn's gehört, Waren im Wert von 615 Millionen Euro.

Homöopathische Effekte

Die Angebotspalette kann mit dem Sortiment konventioneller Supermärkte mithalten. Vorbei die Zeit, als Bioläden kleinen Tante-Emma-Geschäften glichen. Das Angebot an Obst und Gemüse, Milchprodukten und Fertiggerichten ist kaum überschaubar, Verbraucher können zwischen Dutzenden Sorten Wein und Bier wählen. Einzig das Angebot an Wurst, Fleisch und Fisch, kommt nicht so üppig daher wie bei den herkömmlichen Supermärkten.

Augenzwinkernd sagt Denn’s-Sprecherin Antje Müller: „Unser Ziel für den Marktanteil von Bio-Lebensmitteln in Deutschland liegt bei 100 Prozent.“ Darauf muss die Naturkost-Managerin allerdings wohl noch lange warten. Einerseits steigt zwar der Umsatz im Bio-Einzelhandel: Im Jahr 2000 waren es 2,1 Milliarden Euro, 2013 nahm die Summe auf 7,6 Milliarden zu. Der Marktanteil im Vergleich zum gesamten Lebensmittel-Einzelhandel aber wuchs von 2011 zu 2012 kaum noch, seitdem gar nicht mehr. Heute liegt er bei knapp vier Prozent – Stagnation auf niedrigem Niveau.

Noch ernüchternder fällt die Ökobilanz aus. Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) zufolge liegt der durch Ernährung verursachte Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids in Deutschland pro Kopf auf derselben Höhe wie im Jahr 2000 – bei knapp 1,2 Tonnen. Ein Grund: Der Fleischkonsum nimmt nicht ab. Der durchschnittliche Deutsche isst rund 60 Kilo Fleisch pro Jahr. Erstens ist also der vermeintliche Bio-Boom zum Stillstand gekommen, zweitens bringt er nichts, um den Klimawandel aufzuhalten.

Ähnlich verhält es sich mit sozialökologischen Textilien. In seiner Studie „Grüne Produkte in Deutschland“ schreibt das UBA, dass der Marktanteil von Kleidung mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) bei 0,02 Prozent liegt, nahe der Nachweisgrenze. Eine Gesamtzahl für den Anteil sozialer und ökologischer Textilien aller Label kann das Amt gar nicht angeben. Zu den Umweltauswirkungen sagt UBA-Forscher Michael Bilharz: „Da der Marktanteil ökologisch gelabelter Kleidung sehr gering ist, hat diese Kleidung auch zur Zeit keine Relevanz für die CO2-Emissionen des Textilkonsums.“

Vor sieben Jahren hat der Kulturwissenschaftler Nico Stehr ein Buch über die Moralisierung der Märkte geschrieben. Seine These: Der moralische Wertanteil der Produkte jenseits ihres Gebrauchswertes nehme zu, das entsprechende Segment der Wirtschaft wachse mit. Dazu sagt Jana Gebauer, Betriebswirtin am Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin: „Der Prozess der Moralisierung wirkt weiterhin vor allem in Nischen der Wirtschaft.“ Gebauer will aber nicht pessimistisch klingen. Denn in der Debatte um Wirtschaft und Nachhaltigkeit gebe es gerade durchaus eine neue Dynamik und eine steigende Intensität.

Der geringe Marktanteil von Bio-Lebensmitteln, Fair-Trade-Textilien oder auch Elektroautos beschreibe nur die eine Seite der Medaille, meint Gebauer. Die andere bestehe in „einer breiten transformativen Wirkung der ethischen Ökonomie, die weit über die Nische hinausgeht. Und wie man aus der medizinischen Homöopathie weiß, können sehr kleine Dosen einen sehr großen Effekt haben.“

Ein Beispiel dafür ist die E-Mail-Firma Posteo. Die Zahl der Kunden ist ein Spurenelement im Vergleich zu den großen Diensten. Aber auch durch Posteo nimmt der Druck auf die Großen zu, die Sicherheit der Kommunikation auch für ihre Kunden zu verbessern. Ein anderes Beispiel ist Fairphone. Die holländische Firma hat 2013 ein Smartphone auf den Markt gebracht, das in sozialer und ökologischer Hinsicht deutlich besser ist als die Geräte von Samsung oder Apple. Die Arbeiter in der Fabrik im chinesischen Chongqing arbeiten weniger Stunden als normal, sie können über die Arbeitsbedingungen teilweise mitentscheiden, die Atmosphäre in der Firma ist weniger stressig als in den militärisch geführten Komplexen des Apple-Zulieferers Foxconn und einige der Metalle im Fairphone stammen aus zertifizierten Minen.

Am Ende dieses Jahres werden vermutlich 60.000 Fairphones verkauft sein – im Vergleich nur 0,04 Prozent der geschätzten 150 Millionen iPhones, die alleine Apple in einem Geschäftsjahr absetzt. Doch die Erfinder des Fairphones setzen darauf, durch ihr gutes Beispiel die gesamte Smartphone-Produktion zu beeinflussen. Sie wollen bewirken, dass auch die Konzerne größere Mengen Kupfer und Tantal aus Minen kaufen, die nicht in der Hand von Bürgerkriegsparteien sind.

Grenzen des Fairphones

Gleichzeitig aber belegt das Fairphone-Projekt, welche Rückwirkungen zwischen der sozialökologischen und der konventionellen Art des Wirtschaftens auftreten können. Die Alternative beeinflusst nicht nur den Mainstream, sondern dieser verändert umgekehrt auch den neuen Ansatz. So mussten die Fairphone-Macher erkennen, dass sie aus den herkömmlichen Produktionsstrukturen nur schwer ausbrechen können. Die Fairphone-Beschäftigten erhalten beispielsweise nicht wesentlich mehr Geld als Arbeiter beim Apple-Zulieferer Foxconn. Man habe das chinesische Entlohnungssystem nicht einfach über den Haufen werfen können, erklärten die Verantwortlichen.

Auf solche Phänomene spielt IÖW-Wissenschaftlerin Gebauer an, wenn sie sagt: „Manche der neuen Akteure gehen unideologischer an die Geschäfte heran als ihre Vorgänger. Sie sind pragmatischer. Vielleicht ist es ihnen wichtiger, schnell kleine Veränderungen anzustoßen, als lange am perfekten Modell zu arbeiten, das allen Ansprüchen gerecht wird.“

In der Praxis kommt es dabei sogar zu Nebenwirkungen, die dem ursprünglichen Zweck zuwiderlaufen. So schrieb das Beratungsunternehmen Civity unlängst über die neuen Carsharing-Angebote wie Car2go (Daimler) und Drive-Now (BMW), sie erzeugten „in erheblichem Umfang motorisierte Bequemlichkeitsmobilität im Nahbereich, die vorher mit stadt- und umweltverträglicheren Verkehrsmitteln, wie dem öffentlichen Verkehr und dem Fahrrad, durchgeführt wurde.“ Mehr Autoverkehr statt weniger? Kein guter Befund für das angebliche Ökomodell Carsharing.

Kompromiss oder reine Lehre – um diese Frage ging es auch beim Konflikt zwischen dem Verein Transfair in Köln, der das Fairtrade-Siegel vergibt, und dem Unternehmen Gepa in Wuppertal, einem Pionier der Branche. Transfair erlaubt, dass in manchen Produkten Rohstoffe verarbeitet werden, die aus konventioneller Herstellung stammen. Das sei der Preis für das Eindringen in den Massenmarkt. Größere Reichweite und Menge bei geringerer sozialer Qualität – diese Strategie wollte die Gepa nicht mehr mitmachen und ersetzte das Fairtrade-Siegel zunehmend durch das eigene Label „fair Plus“. In diesen Produkten soll tatsächlich nur das Beste drinstecken – auch wenn sie dann wegen des höheren Preises nicht bei Aldi im Regal stehen, sondern weiter ein Mauerblümchen-Dasein bei Spezialanbietern fristen.

Wenn die ethische Ökonomie die konventionelle Wirtschaft transformiert, dann höchstens im Schneckentempo. Den großen Strukturbruch zu erwarten, eine Systemveränderung gar, ist naiv. Doch es gibt eine große Ausnahme.

In Europa sinkt der Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids aus Industrie und Kraftwerken seit 1990. Eine Ursache ist die Energiewende in Deutschland. Deren Akteure sind dabei, eine gigantische Umweltgefahr aus dem marktwirtschaftlichen System herauszuoperieren und dieses auf einen nachhaltigeren Weg zu führen. Fraglos ist dies ein regional begrenzter Erfolg und die globale Dimension des Klimawandels längst nicht gebannt. Doch die europäische Reduktion von CO2 ist der Beweis dafür, dass die Transformation von Wirtschaftsbereichen nicht unmöglich ist.

Aber wäre ein auf Erneuerbaren basierendes Wirtschaftssystem zukunftsfähig? Energie aus Wind und Sonne verursacht zwar kein CO2, aber auch um die zugehörigen Kraftwerke zu bauen, muss man der Natur erst einmal die nötigen Rohstoffe abringen. Je mehr Erneuerbare nötig werden, desto mehr Stahl für Windräder braucht es. Und die Quellen des Naturstroms sind unerschöpflich, die Sonne wird so bald nicht aufhören zu scheinen; ist das Buffett groß genug, kommt die Gefräßigkeit ganz von alleine, grenzenloses Wachstum winkt.

Muss eine ethische Ökonomie deshalb ganz mit dem Zwang zur permanenten Steigerung brechen? Müssen wir schrumpfen statt zu wachsen? Wachstumskritiker wie Harald Welzer schaffen es seit Ausbruch der Finanzkrise zur besten Sendezeit in die Talksendungen der Programme. Viele deuten den Crash als Folge eines völlig enthemmten Wachstumsdrangs, den es radikal ins Gegenteil zu verkehren gelte. So haben auch manche Unternehmen schon heute ein Ziel, das Konzernen wie Siemens oder VW noch unvorstellbar scheint: sich ein Limit zu setzen. Eigenes Wachstum nicht für überlebenswichtig zu halten.

Die Brauerei Härle in der Stadt Leutkirch im Allgäu etwa. „Ich halte nichts von der Theorie, dass Unternehmen ständig wachsen müssen“, sagt Inhaber Gottfried Härle. Der Familienbetrieb verzichtet darauf, seine Produktion wesentlich auszudehnen oder andere Betriebe zu übernehmen. „Wir versuchen, mit dem schrumpfenden Biermarkt in Deutschland und der Stagnation unseres Absatzes zurechtzukommen.“

Schöner leben im Stillstand

Das gelingt ganz gut. Die Firma mit 30 Beschäftigten gleicht die steigenden Kosten beispielsweise für Rohstoffe und Energie dadurch aus, dass sie die Wertschöpfung steigert. Für eine neue Biersorte akzeptieren die Kunden einen höheren Preis. „Oder wir verkaufen die Flaschen wieder in originalen Holzkisten. Auch dafür zahlen die Leute gerne mehr“, sagt Härle. So wächst zwar der Umsatz, die Produktion hingegen kaum. Vorteil: Der ökologische Fußabdruck des Unternehmens bleibt gleich.

Eine Nische? Ja und nein. Wenn Wissenschaftlerin Jana Gebauer Beispiele für solche Firmen präsentieren soll, dann hat sie Mühe, zwei Dutzend zusammenzubekommen. Nicht viel angesichts von 42 Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland. Andererseits: Das Modell betriebswirtschaftlicher Stagnation ist verbreiteter, als man denkt. Denn die meisten Kleinbetriebe – Dachdecker, Kioske, Friseure – legen nie großes Wachstum hin. Jahrzehntelang leben sie mit mehr oder weniger gleichbleibendem Geschäft. Allmählich gewinnt diese Variante Ausstrahlungskraft. Anfang November lud der Bundesverband deutscher Banken zu einer Diskussion, deren Thema lautete: „Nullwachstum – Schicksal einer alternden Gesellschaft?“

14:50 16.12.2014
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