Superbowl misst Börsenfieber

Sportplatz Kolumne

Wenn am 5. Februar in Detroit/Michigan die Pittsburgh Steelers und die Seattle Seahawks zum Saisonfinale im American Football, dem Superbowl, gegeneinander antreten, dann werden unter den gebannt vor den Fernsehern sitzenden Football-Fans auch eine Menge Finanzexperten sein.

Und das nicht nur, weil das alljährlich am letzten Januar- oder ersten Februarwochenende ausgetragene Endspiel als größtes Sportereignis der USA mit Rekordeinschaltquoten gilt und entsprechend genau beobachtet wird, welche Unternehmen Werbezeiten für die eigens zum Event produzierten Reklamespots gebucht haben. Der Ausgang des Superbowl gilt zusätzlich als ernsthafte Konjunkturvorhersage. Je nachdem, aus welcher conference das Siegerteam kommt, werden in den folgenden Monaten die Kurse steigen oder sinken. Die National Football League (NFL) ist unterteilt in die National Football Conference (NFC) und die American Football Conference (AFC). Die beiden konkurrierenden Ligen hatten sich 1969 zur NFL vereinigt. Die jeweiligen Sieger treten dann im Superbowl gegeneinander an, um das beste Team der USA zu ermitteln. Gewinnt die zur NFC gehörende Mannschaft, dann wird das Börsenjahr gut, besagt der SBI, der Super Bowl Indicator. Was wie ein Insider-Spaß Football begeisterter Analysten klingt, hat durchaus einen realen Hintergrund - der Indikator hat nämlich erstaunlich häufig Recht. Auf seriösen Börsenseiten im Internet wie der von investopedia beschäftigt man sich nebenbei auch gern mit dem Entlarven von Wirtschafts-Mythen. Über den Super Bowl Indicator heißt es kurz und bündig, er sei mit einer Trefferquote von 85 Prozent "überraschend korrekt - allerdings würden wir nicht empfehlen, Haus und Hof darauf zu verwetten."

85 Prozent bedeutet: Bei nur 6 von 39 Spielen stimmte die Tendenz bislang nicht, die der Gewinner durch Zugehörigkeit zu seiner conference verhieß. Was aber daran liegen kann, dass die Zugehörigkeit manchmal nicht zweifelsfrei geklärt ist. Standortwechsel und Neugründungen - was bei Football-Teams durchaus vorkommt - bereiten den SBI-Experten Schwierigkeiten bei der eindeutigen Zuordnung zu einer der beiden conferences. Ob in solchen Fällen nicht doch die ursprüngliche Verbandszugehörigkeit für die Bewertung Ausschlag gebend ist, gilt als sehr umstrittener Ansatz.

In den vergangenen Jahren versagte der Indikator allerdings kläglich. Zwar hatte die Börsenflaute nach dem Gewinn der zur AFC gehörenden New England Patriots im Jahr 2002 tatsächlich weiter Bestand gehabt. Nachdem die Pats zwei Jahre später erneut siegten, zogen die Kurse Ende des Sommers allerdings an und bewirkten einen positiven Börsentrend.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Super Bowl Indicator seit einiger Zeit Konkurrenz bekommen hat. Die bisher noch nicht mit einer eigenen Bezeichnung ausgestattete Theorie besagt, dass der Wallstreet-Trend in den beiden Monaten vor dem Finalspiel anzeigt, welches Team am Ende als Sieger den Platz verlassen wird. Steigt der Dow Jones in diesem Zeitraum an, gewinnt die Mannschaft, deren Name mit dem im Alphabet weiter hinten liegenden Buchstaben beginnt.

Erfahrene Finanzexperten halten von solchen Prognosen nichts, sondern setzen weiter auf den SBI. Der bekennende Football-Fan Bob Stavell von der renommierten Investment-Bank Morgan Stanley hatte den Indikator in den siebziger Jahren gemeinsam mit Kollegen entwickelt. Stavell erklärte in der letzten Woche gegenüber CNN, nicht nur die Auswertung aller bisherigen Superbowl-Ergebnisse seit 1967, sondern auch von zuvor ausgetragenen Finalspielen spreche für sich: "Immerhin liegt die Trefferquote sogar über den Gesamtzeitraum hinweg bei etwas unter 80 Prozent - ich bin nicht sicher, ob irgendeiner der großen Börsengurus eine derart gute Bilanz vorweisen kann. Natürlich, ich würde aufgrund des Superbowl-Gewinners allein niemals richtiges Geld in den Markt investieren. Aber es ist doch gut zu wissen, ob der Indikator zum selben Ergebnis kommt wie die eigenen Analysen."


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00:00 03.02.2006

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