Supergünstig, superbillig

Zielona Gora Leben wie Gott in Polen und noch mehr – unterwegs in einer modernen europäischen Stadt, die es nicht mit Warschau, Gdansk oder Krakow aufnehmen will

Tak heißt ja, prosze bitte, Piwo butelkowe ist Flaschenbier, und Media Markt nie dla idiotow heißt für alle, außer für Blödmänner. Außerdem liebt jeder Donald Tusk, den Premierminister, und sagt, die Kaczynski-Brüder – diese Kartoffeln! Alle lieben Johannes Paul II., viele lieben auch Handküsse, Wodka, Dauerwurst und Sauerkraut, und sie lieben die Deutschen, weil die so erfolgreich und außerdem ihre Nachbarn sind. Aber am meisten lieben die Polen Wörter ihrer Sprache, die sie selber kaum aussprechen können. Trzcina etwa, was Schilf bedeutet.

Nicht weit weg, nur rüber über Oder oder Neiße, eine andere Sprache, ein anderes Land. Slawisch, stolz, katholisch, einst Großmacht und Adelsrepublik, jetzt liberal regiert. Tausende Seen, bloß die Finnen haben in Europa mehr. 20 Millionen Polen im Ausland. Tüchtige Leute, sagen die, die ihnen Arbeit geben. Heute gestohlen, morgen in Polen, sagen die, für die das Nachbarland weiter weg ist als Recife und Bangkok.

Die Dänen kommen zum Einkaufen, die Holländer zum Campen. Die Engländer investieren, die Amerikaner bauen Hotels. Die Deutschen, die älteren, sie kommen, weil ein Viertel Polens einmal deutsch war. Stumm die Mienen, die Erinnerung. Die Jüngeren kommen, weil der Euro so gut zum Zloty steht, und denken, wenn ein Schönheitssalon Aphrodite heißt oder ein Hotel Venus, muss das ein Bordelle sein.

Slubice, die Stadt, die bis zum Ende des letzten Krieges der östliche Teil von Frankfurt an der Oder war, seither Grenzort. Zu Fuß über die Brücke, über die Oder, den Fluss, der die Grenze ist. Tiefe Dächer, Straßen wie Alleen, Chopin-Straße, Kosciuszko-Straße. Kaffee, Zigaretten, Zähne, supergünstig, superbillig. Familien schwärmen aus in die Geschäfte, auf die Märkte. Später strömen sie zu den Parkplätzen hin, zurück über die Grenze, über die Oder, zurück nach Deutschland – ich suche den Busbahnhof. Am Steig ein Bus, abfahrbereit. Er fährt lange, er fährt gemächlich, er hält in Poledin, er hält in Cybinka, 30 Kilometer, 50 Kilometer, keine deutsche Reklame mehr. Es wird polnisch, endlich hinein in die Provinz. Durch Buchenwälder, durch graue Dörfer. Landarbeiterkaten, Herrenhäuser, auf den Friedhöfen Gräber in heller erster Frühlingsblumen-Pracht. Dann bin ich da. Hochhäuser, Kräne, Türme, alte Häuser im Zentrum, einstöckig, zweistöckig, nicht mehr, eine Stadt auf Hügeln erbaut, eine hügelige Stadt, eine Stadt der Hügel, der Bürgerhäuser und Stadtvillen, Zielona Gora, ehemals Grünberg in Niederschlesien.

Rotbraunes Bier

Keine Stadt wie Bologna oder Augsburg, nicht einmal wie Krakow oder Gdansk. 100.000 Einwohner, Zielona Gora, kein Klang der Name, nichts Ewiges, Großes, Geschichtliches. Hundert Kilometer von der Grenze weg, 200 von Berlin. Plus, Lidl, die Deutsche Bank sind da. Aber wo sind die nicht? Die Stadt liegt mitten in einer der waldreichsten Gegenden Polens. Starke Bäume, klar fließendes Wasser, Reitpferde auf den Koppeln der Güter. Burgen, Schlösser, Klöster, Museen, das ist das Lebuser Land rings um Zielona Gora. Die Stadt soll einen Weinberg haben. Dann ein Haus aus Glas mit Palmen, dann eine Konzerthalle und das Landesmuseum. Gute Mischung, sage ich mir, zu dem allen will ich hin. Als erstes in den Supermarkt. Unter zwei Euro die Packung Zigaretten, 20 Stück, supergünstig, superbillig, aber drei Euro die Tube Zahnpasta. Das soll einer begreifen.

An der Wroclawer Straße, auf einem Hügel, 200 Meter hoch, tatsächlich nur Glas, es funkelt unterm Mittagshimmel, das Haus, Palmiarnia genannt. Drum herum Rebstöcke, der Hügel ist der Weinberg, Chrupka-Traube, Riesling. Vor 200 Jahren haben sie hier den ersten deutschen Sekt gemacht. Wie der wohl geschmeckt haben mag bei den rauen Winden, die dauernd um den Hügel wehen. Doch die Sonne scheint direkt drauf, wenn sie scheint.

Palmen sehe ich durch die Scheiben, dazu Feigenbäume, Wandelgänge zwischen künstlichen Teichen und dem Pflanzendickicht am Boden. Ein Freizeitzentrum. Dann der Blick über die Stadt. Die Plattenbauten, die Wälder an den Rändern. Straßen, die ganze Hügel umschlingen. Ich steige in die Altstadt herunter. Die Kathedrale Sankt Hedwig kommt in Sicht. Ich trete in ein Brauhaus ein, es liegt am Postplatz, auf ein Bier. Dessen Brennwert ist niedriger als der von Milch, lese ich in der Karte. Nebenher die Vitamine A bis E und K. Wenn das so ist, noch ein Bier, rotbraun, sieben Prozent. Die Polen sagen, sie hätten als erste die Demokratie gehabt, lange vor den Engländern. Glaube ich nicht.

Tief unter der Erde

Sie müssen sich nicht hinter solchen Sachen verstecken, sie haben sich aus eigener Kraft aus dem Chaos erhoben. Keiner hat nach 1990 mit Hunderten von Milliarden nachgeholfen, mit neuer Infrastruktur. Sie haben nie geklagt, sie tun es auch jetzt nicht. Eine Generation nach dem Umbruch sind sie so weit. Sie haben zweistellige Zuwachsraten. Gut, sie haben einen von den Kaczynski-Zwillingen zum Präsidenten. Aber was macht das? Sie haben jetzt die Demokratie. Sie haben ihre Lieder, wilde Lieder, gesungen mit heiserer Kehle und im Chor, begleitet von Klarinette, Geige, Akkordeon. Lieder vom Kampf gegen die Litauer im Mittelalter, von der Republik zwischen den Weltkriegen. Lieder vom Widerstand gegen die Fremdherrschaft. Sie tanzen ihre stampfenden Tänze, in einer Reihe vor und zurück, sie werfen die Arme, die Köpfe vorgestreckt. Die Männer schreien, die Gesichter der Frauen glänzen. Am folgenden Abend werde ich es sehen, und ich werde staunen.

Der Boulevard, die Altstadt von Zielona Gora. Ich gehe zum Landesmuseum an der Allee der Unabhängigkeit, es ist mild, es ist friedlich, es ist still, ein Spätnachmittag in einer Stadt irgendwo in Europa könnte es sein, Rostock, Besançon, Oslo, das wäre gleich. Von Polen, wie es in meiner Einbildung existierte, keine Spur.

Im Haus Nummer 15, unten im Keller, das Zeigen der Instrumente. Ketzergabel, Daumenschraube, Schandmasken, ein Foltermuseum. Die Streckbank, die einen Körper um bis zu 30 Zentimeter dehnt. Unerfreulich, diese Ansammlung ausgestellter Perversitäten. Aber ich habe noch die Konzerthalle im Programm, die Philharmonie.

Hohe Frisuren im Saal, Flüstern, Lavendel-Duft. Vater, Mutter, Tochter, selten der Sohn, der mitgekommen wäre. Mozart zuerst, Jupitersinfonie, seine letzte Sinfonie. Dann Tomasz Strahl, Polens zweitbester Cellist. Er spielt Edward Elgar. Er könnte auch bester Cellist Polens sein, vielleicht sogar der Welt.

Am nächsten Morgen wieder im Bus. In Swiebodzin soll eine Christus-Statue sein. Wie in Rio, auf einer Erhebung an der Straße. Das will ich sehen. Ein Gerüst ist da, aber kein Christus. Seit Jahren steht das Gerüst, der Bauherr findet keine Investoren. Weiter nach Boryszyn, zur Burschener Schleife, dem so genannten Ostwall, ein Bunkersystem von zwölf Kilometern Länge. Von 1934 an haben die Nazis an ihm gebaut, von Norden nach Süden. Den Osten sollte er aufhalten, bei seinem Sturm auf Berlin. Die Rote Armee hat ihn umgangen, als sie 1945 tatsächlich kam.

Ein alter Panzer am Zugang zum Tunnelsystem. Weiter hinten noch mehr Kanonenrohre und militärisches Grün. Ab Mai feiern die Polen Rockfestivals auf dem Gelände, inszenieren die letzten Gefechte des Zweiten Weltkriegs, mit viel Pulverdampf und wozu? Ich bin 20 Meter unter der Erde, in feuchter, eiskalter Luft, zwischen Massen von Beton. Hoch und breit die Tunnel, für Gegenverkehr ausgelegt, in der Mitte die Gleise der Feldbahn. Bestaunenswert ist das nicht – es wirkt bedrückend.

Ein Teil des Bernsteinzimmers soll hier unten versteckt sein, an irgendeiner Stelle. Ich gucke, ich scharre, ich kratze, ich sehe nichts. Kein honiggelbes Schimmern. Nur Fledermäuse mit weißen Bäuchen an Decke und Wänden, Zehntausende sollen es sein. Jemand hat den Text des Love Songs von The Cure an die weiße Wand geschrieben, daneben eine Kohlezeichnung, ein Paar, das kopuliert. Die jungen Polen? Sie fühlen sich zum Osten hingezogen. Kiew war mal Polen, sagen sie, Vilnius auch. Polen, Ukraine, Litauen wieder zusammen, wieder Großmacht, warum nicht? Ich staune. Die Polen kommen aus der Asche wie Phönix, der hier Feniks heißt.

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23:05 06.04.2010

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rainer-kuehn | Community