Süpergüt wird ausgezeichnet

Deutschpflicht auf dem Schulhof Hassan wird es Herrn Meier irgendwann einmal danken

Endlich mal eine gute Idee. Deutsch auf dem Schulhof. Damit Lehrer Meier versteht, was Hassan sagt. Außerdem ist das auch gut für Hassan. Hassan soll deutsch lernen. Hochdeutsch. Das soll auch Marcel. Marcel ist der einzige Deutsche in der Klasse. Bisher hat er in der Pause türkisch mit ein paar Brocken deutsch gesprochen. Das war nicht immer so. Am Anfang stand Marcel allein auf dem Pausenhof. Deshalb hat er türkisch gelernt. Darauf ist er stolz, dass er in Neukölln als Türke durchgeht.

Nun spricht Hassan mit Marcel nicht mehr türkisch, sondern deutsch. "Damit die türkischen den deutschen Schülern nicht denen ihr Deutsch kaputt machen", sagt Marcel. Und deutsch wird auch geschimpft. Das ist jedoch viel schwerer und hört sich nicht so gut an, deshalb ist der Umgang auf dem Schulhof ein viel höflicherer geworden. Hassan, Mehmet und Jusuf weigern sich: Die Pause ist zum Erholen da. Und Deutsch ist anstrengend. Es werden sms geschickt - auf Türkisch: Ananä zikinim. Das Ganze auf Deutsch "Ich ficke Deine Mutter!" - wäre viel zu lang.

Sobald die Schüler die rote Markierung des Schulhofes übertreten, ist türkisch untersagt. Der Satz, der mit "yella" begann, muss auf Deutsch beendet werden. Das hört sich dann so an: "Yella, großer Bruder, halts Maul alter Schwäde, Mehmet, kriegste rote Karte, fliegste raus Schule, gehste zurück Osmanien vor Weltmeisterschaft vorbei sind, Alta!"

Auch für die türkischen Lehrer ist das Gesetz ein Ärgernis. Sie wollen kein deutsch sprechen und sitzen deshalb in der Pause oben im Lehrerzimmer und schlürfen Kaffee. Denn hier wird türkisch gesprochen. Da Herr Gürkan viel lieber mit Herrn Özgentürk spricht, hat Herr Meier sich zur Pausenaufsicht gemeldet und schlürft seinen Kaffee lieber auf dem Schulhof. Eine Regelung ist nun, dass die deutschen Lehrer zehn Minuten eher mit dem Unterricht aufhören, wenn sie danach Pausenaufsicht machen. Das tut natürlich dem Unterricht nicht gut. Dem Deutsch, dem Physik, dem Mathe, dem Pisa und dem Hassan auch nicht.

Nicht nur Türkisch und Arabisch sind verboten, Deutsch in allerlei Akzenten und Dialekten auch. Das gilt auch für deutsche Kinder. Es gibt jetzt mehr und mehr Aufseher. Fast kein Schüler kann mehr unbelauscht sprechen. Über die Strafen muss noch verhandelt werden. Marcel hat eine Idee: Es könnte ein Punktesystem eingeführt werden.

Ein paar ganz Ausgefuchste wie Jusuf und Mehmet holen sich allerdings das Attest von einem Psychologen, dass es für ihre individuelle Entwicklung der türkischen Identität sowie für die bilinguale Erziehung wichtig sei, auf dem Schulhof türkisch sprechen zu dürfen. Das bleiben Einzelfälle, die nicht Schule machen.

Dass Jungs gerne mit Mädchen sprechen fördert ebenfalls das Deutschsprechen und die Integration. Mehr und mehr türkische Schüler unterhalten sich nun mit deutschen Mädchen. Hassan spricht nun viel lieber mit Maria als mit Hatice und hat so spielerisch sein Deutsch verbessert. Gleichzeitig geht so die Zahl der Ehrenmorde zurück, wenn türkische Jungs jetzt deutsch reden, damit türkische Mädchen nicht mit deutschen Jungs reden. Sagen wir es so: Beim abendlichen Telefonieren wird Deutsch jetzt zu einer Art Geheimsprache, die die Eltern von Hassan nicht verstehen.

So gewöhnen sich unsere türkischen und arabischen Mitbürger langsam, langsam an das Deutschsein. Es ist erwiesen, dass wir bei Pisa deshalb so schlecht abschneiden, weil die Mehrzahl der Immigrantenkinder die Sachaufgaben erst gar nicht begreifen, auch wenn der Dreisatz sitzt. Aber Hassan, der spricht jetzt deutsch, deutsch mit Jusuf, deutsch mit Maria, deutsch mit Herrn Meier und sogar deutsch mit Herrn Gürkan. Und so wird Hassan mit der nötigen Disziplin beim Gesinnungstest auf alle Fragen eine Antwort wissen: "Erläutern Sie den Begriff Existenzrecht Israels!" Hassans Eltern würden durchfallen, auch wenn sie gar nichts gegen Israel haben. Sie sind Analphabeten. Hassan wird im Test besser abschneiden, denn Hassan weiß: Der deutsche Maler Caspar David Friedrich malte auf einem seiner bekanntesten Bilder den Kreidefelsen, eine Landschaft auf der Ostseeinsel Rügen. Puh ... Ob Marcel das weiß?

Belohnt wird Hassan schließlich mit der Ehrung durch den Bundespräsidenten Horst Köhler. Und fegen müssen Mehmet und Jusuf den Schulhof nun doch nicht, auch wenn mal ein türkisches Wort fällt, man will ja offen sein, Fremde verstehen, Multikulti feiern. Das Deutschsein soll ja freiwillig passieren. Und Hassan wird es Herrn Meier irgendwann auch mal danken. "Süpergüt" wird jetzt langsam, langsam - ehe sich Hassan versieht - zu einem "ausgezeichnet".


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00:00 14.04.2006

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