A–Z: Supermarkt

Lexikon Ist er ein Auslaufmodell? Kassen werden abgeschafft und einige Kunden lassen lieber liefern, als in der Schlange zu stehen. Alles bio?

A

Action-Sozialdrama Hamburg in den 1970er Jahren.Wahre Outlaws lungern in der noch nicht gentrifizierten Stadt herum, klamm, verstoßen, die Kippe zwischen die schmutzigen Finger geklemmt, mal hierhin, mal dahin driftend, wie Geisterschiffe. Einmal überfallen sie den Geldtransporter von einem Supermarkt. Diese Dinge werden in Roland Klicks gleichnamigem Film (1973) ganz ungekünstelt, in fast impressionistischem Stil erzählt. Dann schlittert es aber doch in pures Genrekino. Action, Thriller, Kidnapping, Gangsterfilm. Das Genre zu nutzen, um die Gesellschaft abzubilden, Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben (Punkrock), war in Deutschland damals verpönt. Andere Protagonisten des „Neuen Deutschen Films“, wie Herzog oder Fassbinder, nahmen ihn nicht ernst, zu amerikanisch. Klick aber distanzierte sich von zu viel Kunstanspruch. Er mache Filme fürs Publikum. Marc Ottiker

D

Discounter Zeiten gab es, da befanden sie sich als Billigläden in einer „Schmuddelecke“: Nur wer sich nichts anderes leisten kann, kauft dort ein. Inzwischen werden die Waren bei Aldi (Ladenhüterin) nicht mehr in Kisten angeboten, und es gibt die Bemühung um ein hochwertiges Weinsortiment. Lidl hat französischen Käse und italienische Salami im Angebot, fangfrischen Fisch, vegane Lebensmittel und ein Bio-Sortiment, das immer größer wird. „Bio“ sei nicht gleich „Bio“? Nur in echten Bio-Laden könne man ein gutes Gewissen haben, sagen manche, deren Kaufverhalten mit dem Wunsch nach Distinktion einhergeht. Gutes Gewissen verknüpfe sich mit entsprechenden Preisen. Vielleicht kauft man ja mit den Waren zugleich Gefühle. Erniedrigend kann es sein, nach billigen Produkten Ausschau zu halten, gerade wenn man wenig Geld hat. Dann träumt man vielleicht von den Delikatessen im KaDeWe. Champagner von Aldi wiederum halten manch bessere Mittelschichtler für nobles Understatement. Irmtraud Gutschke

F

Flirten Ein gängiger Großstadtmythos besagt, dass die Rekrutierung von Lebensabschnittspartnern in Supermärkten besonders leicht ist. Zumal gerade nach den Stoßzeiten des Berufsverkehrs, wenn zu Hause die bereits mit Deckeln versehenen Töpfe die Kinderschar mit Nahrung und Zuneigung versorgen, ganze Heerscharen von unerlösten Suchenden durch die nunmehr geleerten Gänge geistern, hier und da eine Packung Toast oder Senf in den Korbwagen stellen und insgeheim hoffen, dem gut gebauten Blondschopf von neulich wieder über den Weg zu laufen, die zerzauste Brünette endlich in ein Gespräch zu verwickeln. Besonders heißer Punkt war diesbezüglich der Kaiser’s Winsstraße in Prenzlauer Berg in Berlin.

Als es noch umständlich war, in „das Netz“ reinzukommen, sollen sich Paarungswillige aus weit entfernten Bezirken auf den Weg gemacht haben, um hier nicht nur eine Packung Teigwaren, sondern auch das Lebensglück zu finden. Erwartungsvoll geweitete Augenpaare konnten einem da gegenüber der Tiefkühltruhe begegnen, wurde die Ware bisweilen mit etwas zu ernsthafter Geschäftigkeit aufs Laufband gelegt, einfach um einen Eindruck der Beflissenheit entstehen zu lassen. Die Zeiten sind vorbei. Marc Ottiker

G

Genossenschaft Im Zuge der Industrialisierung wurden Konsumgenossenschaften gegründet, um die Warenversorgung zu sichern und günstiger zu gestalten. Die meisten lösten sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf oder wurden von Supermarktketten übernommen. Anders der „Konsum“ in der DDR. Dort betrieben Konsumgenossenschaften Kaufhallen (Žena za pultem), Gastronomie und Produktionsstätten – insgesamt waren es fast 200. Eine davon, der 1884 in Leipzig gegründete Consum-Verein, fusionierte nach der Wende mit zwei weiteren Genossenschaften zur Konsumgenossenschaft Leipzig e. G. 26.000 Menschen sind jetzt Miteigentümer des Unternehmens, das mit 60 Filialen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit den großen Ketten konkurriert. Auf Schuhe und Bekleidung hat sich der Konsum Weimar spezialisiert. Tobias Prüwer

H

Hybrid In wenigen Jahren sind Verbrennermotoren Geschichte, und Arbeitende, die jetzt noch am Band stehen, werden neue Aufgaben brauchen. Auch der Supermarkt, wie wir ihn kennen, ist schon jetzt gelebte Vergangenheit. Wie viele Menschen sind mit der Kassenlichtgeschwindigkeit überfordert (Kassenlos), dem Schleppen in den vierten Stock? Einkaufen wird zum Liefergeschäft, mit Jobs für die, die in der digitalisierten Welt keiner mehr nötig hat. Jan C. Behmann

K

Kassenlos Der kassenlose Supermarkt soll die Zukunft sein. Treffender müsste der kassiererlos heißen, denn bezahlen muss man noch. Das funktioniert seit Jahren an Stationen, wo man die Produkte selbst einscannt oder diese am Gewicht erkannt werden. Jetzt sollen Sensoren sie en passant erfassen. Bisher mit mäßigem Erfolg. Kauft man Alkohol, kommt ein Mitarbeiter angerannt wegen der Alterskontrolle. Tobias Prüwer

Kunstsupermarkt 1998 in Marburg gestartet, inzwischen erfolgreich etabliert. Das Konzept: Kunst für alle, für jeden Stil, jeden Geschmack und nur Originale. Die Kunst- und Laufkundschaft kann sich aus einem Wirrwarr an den Wänden ihre Favoriten aussuchen oder eine Auswahl an den Künstlerkisten treffen, zu Preisen zwischen 69 und 359 Euro. Die Großformate kosten mehr. Helena Neumann

L

Ladenhüterin So wird Keiko aus dem gleichnamigen Roman der japanischen Autorin Sayaku Murata genannt, weil sie mit 36 noch nicht verheiratet ist. Eine Ladenhüterin ist sie indes auch für ihren Supermarkt. Mit diesem „Kombini“, der 24 Stunden geöffnet hat, ist sie so verwachsen, dass sie ohne ihn nicht sein kann. Wie eine Marionette wirkt sie in ihrer Uniform, mit eingeübtem Lächeln und Floskeln, die beim Morgenappell abgefragt werden – dabei ist sie glücklich. Ist das nicht Traum jedes Unternehmers, dass sich „Arbeitnehmer“ mit solcher Dankbarkeit ausbeuten lassen? Da denke ich an die hustende, womöglich fiebernde Kassiererin bei Lidl. „Sie sind doch krank“, sagte ich. „Ich werde nie krank“, bekam ich zur Antwort und verstand sehr gut, dass sie ihre Kolleginnen nicht im Stich lassen will. „Bereit, alles fürs Team zu geben“, damit wirbt Aldi (Discounter) auf einem Aufsteller ernsthaft um neue Arbeitskräfte. Irmtraud Gutschke

M

Mülheim an der Ruhr Die meisten Leute denken an Helge Schneider, wenn sie den Namen meiner Heimatstadt hören. Und ja, den Helge trifft man hier im Käseladen oder beim Italiener. Aber ich erinnere mich auch, als Kind dem Supermarkt-Magnaten Erivan Haub (1932 – 2018) die Hand geschüttelt zu haben. Der war Miteigentümer des Mülheimer Tengelmann-Unternehmens, zu dem auch Kaiser’s gehörte (Verbreitung). Einmal im Jahr fand der „Tengelmann-Lauf“ statt, das war ein Zehn-Kilometer-Marathon durch die Stadt. Und weil mein Vater Oberbürgermeister war, schüttelte ich Haub brav die Hand: Ich war noch ein Kind und mein Linksradikalismus selbst im Angesicht dieses Zig-Milliarden-Dollar-Mannes (laut Forbes-Liste einer der reichsten Deutschen) nicht weit gediehen. Vielleicht war mir auch schon klar, dass Politik ihre Hand über die großen Unternehmen hält: 2016 genehmigte Sigmar Gabriel die Fusion von Tengelmann und Edeka. Das ging per „Ministererlaubnis“, auch gegen den Rat der Kartellbehörden. Stamokap anyone? Dorian Baganz

P

Punkrock Echte Punkrocker sind verloren in Supermärkten. The Clash haben 1979 einen Song darüber gemacht. Wie man sich fühlt, wenn das Shoppen keinen Spaß mehr macht. „I’m all lost in the supermarket / I can no longer shop happily / I came in here for that special offer / A guaranteed personality.“ Um was geht es in diesem Stück von Joe Strummer und Mick Jones? Um einen Menschen, der sich in einer stark kommerzialisierten Welt verloren fühlt (Action-Sozialdrama).Um Entfremdung, Desillusionierung und den Wunsch nach echter Begegnung und Nähe: „I’m all tuned in, I see all the programs / I save coupons from packets of tea / I’ve got my giant hit discotheque album / I empty a bottle, I feel a bit free.“

Was an dieser Band so anrührte: Ihre Verzweiflung war immer wahrhaftig, auch wenn sie auf die meisten der von ihnen gestellten Fragen kaum Antworten geben konnten. So sprach Diedrich Diederichsen damals von einer „verzweifelten Beziehungslosigkeit, mit der sich die Clash aus dem großen Füllhorn der Dinge, die ‚politisch‘ heißen, das herausgreifen, was sie ohne hinzusehen in die Finger kriegen“. Musikalisch ist das fast vier Minuten lange Lost In The Supermarket, erschienen auf dem Hit-Album London Calling (1979), nicht wirklich Punkrock. Ob The Clash überhaupt jemals Punkrocker waren? Darüber bleibt man uneins. In jedem Fall waren sie an einer Destruktion des Mythos Rock ’n’ Roll nie interessiert. „A guaranteed personality / It‘s not here / It disappear.“ Marc Peschke

V

Verbreitung Märkte zur Selbstbedienung sind nicht alt: Eine erste Filiale eröffnete 1930 nahe New York. Bis sich Supermärkte in Deutschland durchsetzten, dauerte es jedoch. Tante-Emma-Läden waren vorherrschend, für Fleisch ging man zur Metzgerei – und nicht ans Kühlregal des Discounters. Erst mit dem „Wirtschaftswunder“ begann in der BRD die Selbstbedienungs-Einkaufsrevolution. Kurz nach den ersten großen Supermärkten eröffneten 1962 die Brüder Albrecht ihren ersten Discounter, Massenkonsum wurde erschwinglicher. Damit wurde das Einkaufen aber auch anonymer. In einer Szene aus Loriots „Pappa ante portas“ (1991), betritt der pensionierte Vater den Laden mit den Worten: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein“ – zur Verwirrung aller Umstehenden. Um mit Online-Handel und Lieferdiensten mitzuhalten, bieten Supermärkte heute freilich mehr als Waren: Mit Treuepunkten, kostenlosem W-Lan, Einkaufsmusik und umstrittenen Nachhaltigkeits-Labels wollen sie die Kundschaft binden. Ben Mendelson

Z

Žena za pultem Žena za pultem(Die Frau hinter dem Ladentisch)ist eine ČSSR- Fernsehserie aus den 1970er Jahren, die in der DDR damals viel Aufmerksamkeit fand. Das Leben der Heldin in mittleren Jahren, Leiterin der Feinkostabteilung einer Kaufhalle (Genossenschaft), ist bestimmt von den üblichen familiären und beruflichen Konflikten. Aber sie werden realistischer und ehrlicher geschildert, als es zu jener Zeit in DDR-Serien zu sehen war. Es fanden sich manche eigenen Erfahrungen wieder. Kolleg:innenzoff und Intrigen, und mit der Kundschaft geht nicht immer alles glatt. Allerdings: Das Angebot in der Kaufhalle war für damalige Verhältnisse ein wenig zu reichhaltig. Magda Geisler

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