Supernova

Kehrseite "Das Licht", sagte Tom, "bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 300.000 Kilometern pro Sekunde durch den Raum. Und ein Lichtjahr sind 9.461 ...

"Das Licht", sagte Tom, "bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 300.000 Kilometern pro Sekunde durch den Raum. Und ein Lichtjahr sind 9.461 Milliarden Kilometer. Was sind 9.461 Milliarden Kilometer?" Ich schwieg. "Was muss man sich unter Neuntausendvierhunderteinundsechzigmilliardenkilometern vorstellen?" "Kann man sich nichts drunter vorstellen. Oder? Kannst du dir das vorstellen? Kannst du nicht." Tom und ich lagen auf dem Dach des Abbruchhauses, in dem er seit Anfang des Sommers wohnte. Ich kam gern herauf zu Tom. Ich mochte ihn. Ich mochte sein Dach. Ich mochte sein Gras. Ich mochte sogar seine Monologe. "Überhaupt alles da draußen übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Diese Distanzen. Wir feiern Geburtstag, und: das Licht ist, bis du dein Glas gehoben und Prost gesagt hast, ein paar Millionen Kilometer weiter."

Kurz vor Mitternacht sei Benni im Nevermind aufgetaucht, er habe nach mir gefragt, betrunken sei er noch nicht gewesen, ein bisschen nach Alkohol habe er gerochen, aber er habe noch ziemlich klar gewirkt, er habe ein Bier getrunken, habe in einem Eck gesessen und vor sich hin gestiert, ziemlich düster habe er schon gewirkt, er habe dann noch ein zweites Bier getrunken, er habe irgendwann telefoniert, und dann sei er weitergezogen, er müsse mich finden, habe er gesagt.

"Siebzig, achtzig Jahre leben wir, wenn´s gut geht neunzig, okay? Wie sollen wir wissen, was eine Milliarde Jahre ist? Eine Milliarde Jahre ist uns vollkommen unbegreiflich. Damit können wir nix anfangen. Aber ich, ich möchte was damit anfangen. Ich möchte, dass mein Geist sich, ich weiß nicht, weiten müsste er sich. Weit und offen müsste er werden, ich möchte mich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Ist das idiotisch? Wahrscheinlich schon. Jetzt hab ich den Faden verloren, nein, es ist, wegen, wegen, weil wir hier, ein Meter wasweißich, ein Meter achtzig groß, oder ein Meter siebzig, oder so, wie groß bistn du? Das war es jetzt überhaupt nicht, was ich sagen wollte. Nein. Ok. gut, jetzt, jetzt weiß ichs wieder, mein Geist, mein, mein Geist müsste sich so weit, er müsste sich so weit öffnen, sich, sich blähen, genau, Blähen, ja, ich möchte, dass sich mein Geist bläht, immer weiter, bis er begreift, was eine Milliarde Jahre sind, und 300.000 Kilometer, und Lichtgeschwindigkeit, und Lichtjahre."

Irgendwann nach Mitternacht sei Benni im Climax erschienen, es sei brechend voll gewesen, eine englische Band habe gespielt, er habe sich durch die Menge in Richtung Bar bewegt, er habe nach mir gefragt, er müsse mich finden, habe er gesagt, er habe an der Bar ein Bier und einen Klaren getrunken, dann habe er sich wieder durch die Menge zum Ausgang gedrängt.

"Nicht nur so abstrakt, sondern richtig begreifen, wie man Reis essen oder, oder einen Sonnenaufgang begreift. Oder Regen, zum Beispiel. Als etwas, das einen betrifft. Obwohl, ich weiß jetzt auch nicht genau, ob ich einen Sonnenaufgang begreife, oder Regen. Jetzt fällt es mir auf: vielleicht ist mir Regen genau so fremd und unverständlich wie Lichtjahre oder eine Milliarde Jahre oder so." Kurz nach eins sei Benni ins Travolta gekommen, er habe was an der Bar getrunken, alle habe er nach mir gefragt, er habe dann noch einen zweiten Drink an der Bar getrunken, unbedingt finden müsse er mich, habe er immer wieder gesagt, später habe er getanzt, aber er habe dann zu randalieren begonnen, er habe die Leute auf der Tanzfläche angerempelt, man habe ihn hinausgeworfen. "300.000 Sekundenkilometer. Wahnsinn! Nicht altern, glaub ich, würde man, sagt der Einstein. Oder? Je schneller du unterwegs bist, desto weniger schnell alterst du. Ist doch so, oder?" Die Sterne funkelten, als wären sie nicht echt. "Und jenseits der Lichtgeschwindigkeit, da wirst du, jenseits der Lichtgeschwindigkeit, da geht´s dann, da geht´s rückwärts, wenn du diese Schallmauer durchbrichst, da wirst du jünger." Ich musste plötzlich kichern, weil ich mir vorstellte, wie ich immer jünger wurde, eigentlich war das gar nicht komisch, aber ich fand es extrem komisch, ich bin wieder einundzwanzig mit langen, blau gefärbten Haaren, ich bin achtzehn mit kahl rasiertem Kopf, ich bin vierzehn mit Pagenfrisur und in dem gepunkteten Kleid hinterm Haus im Garten bei der Oma, ich bin neun mit Pferdeschwanz auf meinem Fahrrad, ich bin vier und habe ein Pflaster aufm Knie, Mama hat mir das weiße Kleidchen angezogen, wie eine kleine Braut sehe ich aus, ich sehe die Babyfotos vor mir, es ist überhaupt nicht zum Lachen, aber es bringt mich ganz furchtbar zum Lachen, wie ich wieder im Mutterleib drin bin, ich seh´ Bilder von Embryos vor mir, und, wie ich immer kleiner werde, und dann, wie das Sperma wieder zurück in den Schwanz von meinem Alten gesogen wird, mein Bauch tut weh vor lachen, aber ich kann nicht aufhören, und dann merke ich, dass auch Tom lacht, obwohl er gar nicht wissen kann, was in meinem Kopf vorgeht, aber vielleicht weiß er doch, was in meinem Kopf vorgeht.

Benni sei durch die Innenstadt gezogen, er habe irgendwann eine Flasche bei sich gehabt, eine Flasche Schnaps sagen die einen, eine Flasche Sekt die anderen, gegen zwei sei er im Ganja aufgetaucht, er liebe mich doch, habe er gelallt, meinen Namen habe er gerufen, immer wieder, ich sei die große Liebe seines Lebens, es tue ihm leid, er habe Fehler gemacht, das sehe er ein, er wisse doch, dass er manchmal ein Arsch sei, aber er werde sich ändern, er könne sich ändern, er sei bereit, alles zu tun, um mich zurückzugewinnen. Ecke, der Wirt, habe ihm zugeredet, er solle doch nach Hause gehen, in seinem Zustand, aber er habe davon nichts wissen wollen, er sei dann gegen drei nochmal losgezogen, er müsse mich suchen gehen, habe er gesagt, er müsse mich finden, ich müsse ihm verzeihen. Man habe ihn auf der Straße gesehen. Er habe herumgegrölt, über Autos sei er gelaufen, Leute habe er auf der Straße angesprochen und nach mir gefragt, er sei dann auf die Metallstreben der Brücke geklettert, aber man kenne Benni doch, er sei doch oft auf der Brücke herumgeklettert, sogar sturzbetrunken sei er da manchmal herumgeklettert, ohne abzustürzen, er habe geschrieen, meinen Namen, Beschimpfungen, um Verzeihung habe er geschrieen, und dann habe er nur noch geschnauft, zehn, zwölf Meter überm Boden, an die Metallsprossen gekrallt, habe er geschnauft, bis hinunter zu den Leuten, die gebannt hinauf gestarrt hätten, sei dieses laute Schnaufen hörbar gewesen. Und dann sei er gesprungen, eher gesprungen als abgestürzt, sagen die Zeugen übereinstimmend aus, das sei ein Selbstmord gewesen, kein Unfall. Er habe noch gelebt, als der Notarzt eingetroffen sei, auf dem Weg ins Krankenhaus sei er gestorben.

"Zeit", sagte Tom, "ist gleich Entfernung durch Geschwindigkeit", wir lagen nebeneinander und blickten in den Sternenhimmel und die Stadt war weit unten, das Wort Supernova drang bis in mein Bewusstsein vor, und es war gut. Es war gut, mit Tom auf seinem Dach zu sein, während er mich in den Schlaf redete.

Piet Oberdörfer, geboren 1961, ist Autor und Schauspieler und lebt in Meran.


00:00 16.04.2004

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