Surrogat der Stadt

Architektur Es können noch so viele Einkaufszentren in Schönheit sterben – das Prinzip Shoppingmall ist nicht totzukriegen. Ein Rundblick
Lennart Laberenz | Ausgabe 29/2016

In ein paar Stunden erst würden Schwärme von Jetskis vor dem Strand der Corniche auftauchen, ihre kreischenden Motoren waren das Zeichen, wieder hinausgehen zu können. Bis dahin war es besser, sich in der fast leeren, von dünner Musik durchwehten Marina Mall zu erholen. Außer Parkplätzen und Abstandsgrün hatte der Fußmarsch vom Emirates Palace auf die vorgelagerte Insel nichts versprochen, aber die 40 Grad Celsius machten es unsinnig, Zeit draußen zu verbringen. Das abgeschlossene Prinzip der Kontrolle immunisiert eine Shoppingmall auch gegen das Klima Abu Dhabis. Drinnen gibt es Schatten und Palmen, Obstsaft und eine Eislaufbahn, philippinisches Reinigungspersonal und Trenchcoats aus London.

Die Mall ist das Kondensat der Welt und ihre Schwundstufe. Und meist ein bizarrer Ort. Das Gauforum in Weimar etwa, das als eines der größten Bauvorhaben des Dritten Reichs in die Puppenstubenherrlichkeit der Stadt platzte, wurde von DDR-Architekten fertiggestellt. Heute blicken in der ehemaligen Halle der Volksgemeinschaft venezianische Fassaden auf eine Rolltreppe, aus Lautsprechern tropft es italienisch und auf der Galerie des Atriums verschlingen Thüringer Familien in Dreiviertelhosen unterarmhohe Eisbecher.

Der Mall hat jetzt die Münchner Pinakothek der Moderne eine Ausstellung gewidmet, der Katalog von Andres Lepik und Vera Simone Bader geht über die Schau hinaus und bezeugt, wie durch das Einkaufen die Stadt neu formiert wurde. Ausstellung und Katalog zeichnen nach, wie die Mall aus der teilweise überdachten Promenade ihres etymologischen Ursprungs zu einem Prinzip gewachsen ist, an dem sich der Stand der Dinge zwischen Vororten und Innenstädten oder öffentlichem und privatem Raum ablesen lässt. Man kann die Mall als Zeichen für Konstellationen der Gegenwart begreifen.

In den Geschäftspassagen des frühen 19. Jahrhunderts vergnügte sich die junge Bourgeoisie, hier waren Produktion und Konsum räumlich kaum getrennt. Das änderte die Haussmannisierung von Paris, jetzt wuchs auch der Bon Marché zu jener heftig ornamentierten Kathedrale, in der Émile Zola recherchierte und Das Paradies der Damen (1884) erkannte.

In die späte Moderne übersetzte ein österreichischer Jude das Prinzip als Shoppingmall. Victor Gruen begeisterte sich für sozialistische Ideen und Fußgänger. Als er 1938 in die USA flüchten konnte, gestaltete er zuerst theatrale Ladenfassaden in New York und Los Angeles, dann versuchte er ein Stadtzentrum mit Wiener Geschmack ins Innere eines geschlossenen Gebäudeensembles zu verlegen. Im zersiedelten Suburbia, zehn Minuten außerhalb von Minneapolis, baute er 1956 als federführender Architekt das Southdale Center – die erste große Mall der Geschichte.

Aktiv Passivität verwirklichen

Gruen imitierte Stadtzentren, seine Malls wurden soziale Bezugspunkte in Vororten. Diesem Gedanken folgten viele Investoren, ließen äußerlich karge Blöcke errichten, mit wenigen Eingängen und kaum Möglichkeiten, unter Vordächern Schutz zu suchen: Die Besucher sollten hineingehen, dort verweilen und konsumieren. Deshalb wenden Malls Fassaden und Ornamentik nach innen, achten auf Sichtachsen, maximale Entfernungen, Knotenpunkte, Überwachbarkeit – als Surrogat der Stadt subtrahieren sie alles Urbane, wild Gewachsene, alle Ambivalenz, alles Verwinkelte, und vermeiden Zufälliges.

So unterschiedlich die Formationen aussehen, die Katalog und Ausstellung zeigen: Die meisten Malls schließen sich von der Welt ab, die Entfernung zwischen den größten Mietern soll 200 Meter nicht überschreiten; Bänke stehen so, dass man immer auf Geschäfte schaut; Gänge werden so berechnet, dass für Menschen, die vor Schaufenstern stehen, der butt-brush-factor (ungewollter Körperkontakt) gering ist: Konsumarchitektur, Investorenlogik. Im vergangenen Jahr zählte das International Council of Shopping Centers 115.429 Einkaufszentren in den USA, ein Drittel davon kleine Malls in Nachbarschaften. Katalog und Ausstellung zeigen die verspielte Mall in Santa Monica, die Frank Gehry als einen seiner ersten größeren Aufträge realisierte – gegen die klare Regie beim Innenausbau war er machtlos.

Tatsächlich hebt die Architektur den Konsum auf ein marmornes Piedestal und begegnet dem kühlen Handschlag der Rationalität mit Stilisierung und Überhöhung. Die entscheidende Qualität vieler Malls ist das Erlebnis, darum bereichert, kaufen wir Dinge, die wir gar nicht brauchen, in Geschäften, die wir gar nicht kannten. „Das macht die Mall zum prototypischen Identitätsbasar“, stellten Aldo Legnaro und Almut Birenheide 2005 in ihrem Reiseführer für die Stätten der späten Moderne fest. „Hier findet das Publikum, was zu suchen ihm noch gar nicht bewusst war, und verwirklicht auf eine aktive Weise seine Passivität.“

In den USA ist die Generation der 30-Jährigen die erste, denen die Mall Alltag war, für viele hat sie nichts mit Erlebnis, sondern mit Alternativlosigkeit zu tun. Mit den Krisen vergehen einige dieser Nichtorte, Bilderserien der Dead Malls, tumblr-Reihen von überwucherten Konsumdystopien und nostalgische Aufnahmen der kleineren Urtypen jagen einen wohligen Schauer durchs Internet. Aber die Malls als Prinzip sterben nicht, ebenso wenig hat sich die Kontrollgesellschaft mit ihrer Kultivierung von Differenz verflüchtigt – vielmehr ist die Mittelklasse unter die Räder gekommen und mit ihr die Einzelhandelsketten, die sie einkleideten. Viele Orte sind hoffnungslos überversorgt mit Zentren, und so werden manche tatsächlich zu „Junk-Space“, wie Rem Koolhaas sie ursprünglich verstand.

Dabei bilden auch die Malls die sich polarisierenden Einkommensunterschiede ab und werden am oberen Ende der Erwerbsfähigkeit immer exklusiver. Längst rücken sie auch in europäischen Städten in die Zentren vor, machen kleinen Geschäften den Garaus und sortieren die Karten neu: Sophie Wolfrum spricht in ihrem Katalogbeitrag von „parasitärer Indienstnahme“ der Städte. Wolfrum blickt dabei auf die Eventkultur, gefördert von Stadtpolitikern und einer Imagemaschine, die bestimmte Viertel als besonders interessant und „kreativ“ ausweist. Wenn dann das Bikini-Haus oder bald das Volt in Berlin öffentlichen Raum unter Hausrecht stellen, simulieren sie, Teil der Stadt zu sein, lösen sie aber von innen auf, indem sie Orte mit immer feinmaschiger geknüpftem Kreislauf des Kapitals schaffen. Darin, wusste bereits Karl Marx, liegt seine „Moral“ begraben.

In der Marina Mall von Abu Dhabi erklärte mir eine russische Verkäuferin, dass mir der Trenchcoat gut stünde, ich ihn aber in London günstiger bekommen würde.

Info

World of Malls. Architekturen des Konsums Andres Lepik, Vera Simone Bader (Hg.) Hatje Cantz 2016, 256 S., 200 Abb., 49,80 €

Die gleichnamige Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne läuft bis 16. Oktober

06:00 03.08.2016

Kommentare