Survival

Trauma Vietnam Die Erinnerungsprobleme des US-Senators Bob Kerrey zeigen das Bewusstsein einer Großmacht im ständigen Überlebenskampf

Am letzten Montag im Mai präsentiert sich die US-amerikanische Zivilgesellschaft gerne in Uniform: blaue Civil War-Kittel aus dem 19. Jahrhundert vor allem, einige hoch zu Ross, und bräunliche Outfits aus dem Zweiten Weltkrieg. Herausgeputzte kleine Pfadfinderinnen, die lokale Feuerwehr und die Dorfmusik im historischen Kostüm vervollständigen den Memorial-Day-Umzug. Alte Männer, die vor und nach der Parade kaum laufen können, fassen stolz ihre Gewehre, die wenigen unformierten Damen schultern ihre hell angemalten Gewehrattrappen, die weiss behandschuhten Girl Scouts halten mit spitzen Fingerchen die nationale Flagge und los geht´s zum Friedhof, wo den toten Soldaten zu traurigen Trompetenklängen noch ein paar extra Schüsse nachgefeuert werden und dann mit Marschmusik zum lokalen Kriegsdenkmal, meist ein plump phallischer Obelisk, wo ein auserwählter Teenager die Nationalhymne singen darf und Funktionäre aus Militär und Politik aller Kriegstoten US-amerikanischer Herkunft gedenken, den einen Guten Krieg gegen das personifizierte Böse beschwören und mit seinem Glanz alle anderen, meist nicht namentlich genannten militärischen Einsätze bis zum heutigen Tag überstrahlen.

Auch die neuesten Enthüllungen von US-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam werden an diesem populären Verdrängungsritual nichts ändern. Zwar bestreitet niemand mehr, dass am 25. Februar 1969 eine US-amerikanische Spezialeinheit unter dem Kommando des ehemaligen demokratischen Senators und potentiellen Präsidentschaftskandidaten Bob Kerrey im winzigen südvietnamesischen Dorf Thanh Phong mehr als ein Dutzend unbewaffneter Frauen und Kinder umgebracht hat. Doch bringt Bob Kerrey nach den in solchen Fällen öffentlicher Verfehlungen obligaten Verbeugungen in Richtung Erinnerungstrauma (mein Gedächtnis trügt) und deshalb eher unverbindlichen Schuldeingeständnissen (ich weiss nicht, was ich getan habe, aber ich übernehme die Verantwortung) mit zwei Sätzen die Sache wieder ins vaterländische Lot: Erstens "Thanh Phong ist nicht My Lai", und zweitens "Wir waren in survival mode, es ging ums Überleben".

Bob Kerrey der sich selber gerne als Kriegsgegner versteht, andererseits aber Kriegsmedaillen für seinen Vietnameinsatz bis heute nicht abgelehnt oder zurückgegeben hat, ist ein Opportunist mit gutem politischem Riecher, ein Clinton mit militärischer Erfahrung sozusagen: Wenn alles, was bis jetzt über den schmutzigen Krieg der USA in Vietnam bekannt geworden ist, die Leute politisch nicht mehr wachrüttelt hat, kann wohl auch Thanh Phong, nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein zahlenmässig kleineres My Lai, ohne nachhaltige politische Kosten ausgesessen werden. Die großen Medien schreiben denn auch erwartungsgemäß über Kerreys Ehrlichkeit und Charakter, ersinnen postmoderne, psychosoziale Varianten dessen, was man früher blinden Befehlsgehorsam nannte, und beklagen den erneuten Schlag für die eh schon wunde kollektive Vietnam-Psyche des amerikanischen Volkes, die nach spiritueller Heilung und Erlösung, nicht nach grausigen Fakten oder gar einem Tribunal wie damals in Nürnberg verlangt. Ein paar linke Medien rollen unverdrossen die koloniale Geschichte Vietnams seit den fünfziger Jahren auf, aber niemand schaut hin.

Am meisten Beachtung findet die Geschichte von Bob Kerrey und seinen Navy Boys, im New York Times Magazine vom 29. April durchaus kritisch erzählt, noch als lebensgefährliches Abenteuer, als härtere Variante von Realitätssimulationen wie der TV-Serie Survival. Denn das Bedürfnis nach Helden ist in den USA noch größer - oder vielleicht bloß schamloser - als anderswo. AmerikanerInnen etwa, die mit holpriger Marschmusik und fahnentragenden Pfadfinderinnen nicht viel anfangen können, konsumieren den durchaus modischen Patriotismus vielleicht eher als Videospektakel auf der Großleinwand; aktuell im rechtzeitig zum diesjährigen Memorial Day lancierten Hollywoodspektakel Pearl Harbor. In einer Gesellschaft in survival mode, einer Großmacht, die den Überlebenskampf mehr denn je als Leitmetapher propagiert, hat - das zeigt die Geschichte - ein Bob Kerrey, haben ein paar Dutzend getötete ZivilistInnen allemal Platz. Da gelten bekanntlich andere Regeln.

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00:00 08.06.2001

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