Karlheinz Barck, Martin Treml
21.07.2011 | 07:00 3

Süßer Einlauf in euer Hirn

Medientheorie II Vom Radio- zum Fernsehkrieg und weiter: Marshall McLuhans Bild-Texte erscheinen wie die prophetische Vision unserer Kriege

Das vom Berliner Kulturverlag Kadmos neu herausgebrachte Krieg und Frieden im globalen Dorf ist ein von Marshall McLuhan gemeinsam mit dem Designer Quentin Fiore komponiertes Bilder-Buch. Im Original 1968 in New York erschienen, präsentiert es sich uns heute im Abstand von fast einem halben Jahrhundert wie eine prophetische Vision unserer von Kriegen als der alltäglichen Kehrseite der Globalisierung geprägten Situation. Oder um es mit einer fototechnischen Metapher zu sagen: Seine Bilder und Konstellationen sind durch die Kriege der letzten fünfzig Jahre entwickelt worden. Der erste Golfkrieg war der „erste totale elektronische Krieg“ (Paul Virilio), der cyberwar ist der des „global village“: „Der Netzkrieg ist ein Weltkrieg, ein ‚world wide war‘. Angriffe im virtuellen Raum nehmen in jedem Konflikt rasch globale Ausmaße an, da insgeheim gekaperte oder gehackte Computer und Server in aller Welt dafür genutzt werden“, sagt Richard A. Clarke, Amerikas Sicherheitsexperte Nummer eins.

Das Manuskript von Krieg und Frieden im globalen Dorf (kurz: K) lag bereits Ende 1967 vor, im selben Jahr wie Jacques Derridas Grammatologie. Beide Texte thematisieren aus ganz unterschiedlicher Perspektive, was man das Schrift-Folgen-Pro­blem nennen könnte. Von McLuhan war im März 1967 auch The Medium Is the Massage: An Inventory of Effects veröffentlicht worden. Dieser Band und Krieg und Frieden im globalen Dorf sind Zwillinge, sie erschienen bei Bantam Books in engster Zusammenarbeit mit Fiore und Jerome Agel als „Buchproduzenten“. Texte und Bilder sind gleichberechtigt. In einer Stunde konnte man ein solches Buch durchlesen, Fast-Food und zugleich „süßer Einlauf in euer Hirn“ (Frank Zappa). Das Originalcover zeigt die roten Zacken des politischen Zeitgeists, die auf schwarzen Grund einbrechen, parallel dazu unter 130° erscheinen Autoren, Titel und die übrigen Angaben.

Mehr Fernsehbild als Buch

„Wir befinden uns jetzt mitten in unserem Dritten Weltkrieg, unserem ersten Fernsehkrieg. Wie Bonanza und der Western im Allgemeinen hilft uns das Fernsehen dabei, unser Bild von der Grenze wieder aufzurichten“ – so schreibt McLuhan in einem Brief an ein befreundetes Journalistenpaar Ende 1967, in dem er zum ersten Mal von der Fertigstellung von Krieg und Frieden berichtete. Der Fernsehkrieg ist natürlich der Vietnamkrieg, über den auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs im selben Jahr der ostdeutsche Schriftsteller Fritz Rudolf Fries einen Erzählband mit genau diesem Titel publizierte.

K ist ein Bilder-Buch im vollen Wortsinn, es nimmt seinen Ausgangspunkt in der Umwelt des Computers, spielt mit Möglichkeiten und Zufällen auch der Betrachter. Es ist mehr ein Fernsehbild als ein Buch, ein ferner Stern in der Gutenberg-Galaxis, der zu neuen Sonnen und gefallenen Engeln führt. K steht – bewusst oder unbewusst – in der Tradition der politischen Fotomontage, wie sie John Heartfield, Alexander Rodschenko, José Renau in der Zwischenkriegszeit entwickelten und meisterhaft beherrschten. McLuhan und Fiore haben ein Kunst-Objekt geschaffen, an dessen Horizont auch die Kriegsfibel mit Texten von Bertolt Brecht und Fotos von Ruth Berlau (1955, 1957 vertont von Hanns Eisler) erscheint. Es beansprucht einen Ort, der McLuhans eigene Theorie der mediengeschichtlich bewirkten Ablösungsvorgänge des Buchzeitalters – der Gutenberg-Galaxis – durch ein elektronisches Zeitalter – das „electronic age“ – symbolisiert und zugleich verkörpert. In diesem Zeitalter wird die Welt zum globalen Dorf.

Widersprüche werden nicht durch „Sagen“, sondern durch „Zeigen“ aufgelöst – wie in einem Bild. Dies gilt auch für den Text von K und für seine Gestalt(ung). An den Rändern werden wie Marginalglossen Zitate aus James Joyces Finnegans Wake (1939), dem erklärten Lieblingsbuch von McLuhan, als Psychodaten am laufenden Band mitgeführt, die den Platz der Börsennotierungen oder „breaking news“ eingenommen haben, die im Fernsehen als Leiste unten am Bildschirm ständig alles fundieren. Allerdings kann man sie auch als Hintergrundrauschen oder Geblubber wahrnehmen, das gerade nichts sagen will und doch die Lektüre oder das Betasten des Bilder-Buchs K orchestriert. Der Preis für diese mediale Erweiterung ist der Schmerz, und es liegt nahe, dass die Verstärkung unserer Sinnesorgane durch Medien tatsächlich zu einem wesentlichen Teil militärischen Anstrengungen zu verdanken ist.

Das Bilder-Buch K entsteht als Etüde zu Woodstock im Laufe des Jahres 1967. Die Kriege in Algerien und Vietnam hatten Frankreich und die USA seit den späten fünfziger Jahren zunehmend isoliert. 1956 – im Jahr des Aufstands in Ungarn – kam es zum Krieg um den Suezkanal, 1967 zum Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten. Im selben Jahr begann der dreijährige Sezessionskrieg der an Ölvorkommen reichen nigerianischen Teilrepublik Biafra, von dem Bilder um die Welt gingen, die nackte Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen zeigten. Sechs Jahre zuvor war die Berliner Mauer errichtet worden, und im Oktober und November 1962 schlitterten die USA und die Sowjetunion über die Kubakrise an den Rand des Nuklearkriegs. Ein Jahr später wurde Präsident John F. Kennedy ermordet. Im Interview mit John Lennon und Yoko Ono nach Erscheinen des Bilder-Buchs K und Blick auf Woodstock stellte am 19. Dezember 1969 McLuhan die Frage: „What about peace? Peace is a pretty big word. You mean Vietnam, you mean Biafra, you mean . . .“ Lennons Antwort war: „Yeah, we mean all forms of violence we’re against.“

Der äußerste Abwehrring

Voraussetzung dafür ist eine Veränderung der Perspektive, wie sie McLuhan als „environmental blitzkrieg“ bezeichnet, wenn er vom „alphabetisierten Bewohner des Abendlands“ fordert, er solle „den Elfenbeinturm in einen Kontrollturm verwandeln“. Wie Walter Benjamin beschreibt er Schockerfahrungen. Ihm gelten die Künste als Frühwarnsysteme, das Bilder-Buch K gibt dafür die Richtung an. Der militärische Hintergrund für McLuhans Modell sind die US-Forschungen der 1950er Jahre: die Arbeit an einem militärischen Frühwarnsystem in Alaska, das gegen sowjetische Raketenangriffe installiert werden sollte. Sein Name war DEW (Distant Early Warning) System. Begonnen im Februar 1954 und fertiggestellt im April 1957 – ein halbes Jahr vor Sputnik, was die Geschwindigkeit des ­Rüstungswettlaufs im Kalten Krieg überdeutlich macht –, bestand es aus 63 Radarstationen auf einer Länge von etwa 10.000 Kilometern entlang des 69. nördlichen Breitengrads. Sie stellten den dritten und äußersten Abwehrring dar, errichtet von Western Electric im Auftrag der US Air Force.

McLuhan hat das aufgegriffen und den Newsletter McLuhan DEW-Line – A startling, shocking Early Warning System for our era of instant change! entwickelt. Er erschien von 1968 bis 1970 in zwanzig hektografierten Heften. Die dritte Nummer des ersten Jahrgangs (September 1968) beinhaltete nur einen 23 Seiten langen anonymen Artikel als Übungsanleitung zum Umprogrammieren der Wahrnehmung („sensory-retraining program“), für Abonnenten war auch das Bilder-Buch K beigelegt. Dort heißt es: „Ist unsere Identität in Gefahr, fühlen wir uns berechtigt, Krieg zu führen.“ Daneben sieht man die Großaufnahme vom Gesicht eines GI im Profil, der unter seinem Helm Bandagen trägt, die nur so viel Platz lassen, dass er cool eine Zigarette rauchen kann. Durch die neuen Medien hat der Krieg alles verändert – auch sich selbst und seinen Begriff.

Einübung in den Krieg

„Frühere Kriege hatten nicht ein solches Ausmaß angenommen. Der Erste Weltkrieg war (wie der Amerikanische Bürgerkrieg, Anm. der Verf.) auch ein Eisenbahn-Krieg, riesig vergrößert in Umfang und Zerstörung durch die Ausdehnung der Industrialisierung und die Vergrößerung der Städte. […] Der Zweite Weltkrieg war gleichermaßen ein Radio-Krieg wie auch ein Krieg der Industrie. Die Radio-Phase der Elektronik hatte die Stammesenergien und Fantasien der europäischen Völker aufgeweckt, wie es heute durch das Fernsehen in Amerika der Fall ist. […] Jetzt befinden wir uns mitten im ersten Fernseh-Krieg. Das Fernsehen bedeutete das Ende des Zwiespalts zwischen Zivil und Militär. […] Die Öffentlichkeit nimmt jetzt an jeder Phase des Krieges teil, und die Hauptkriegshandlungen werden jetzt im amerikanischen Heim selbst ausgetragen.“

Der Fernseh-Krieg umfasst Front und Etappe ebenso wie das heimatliche Hinterland. General Ludendorff lieferte mit der Verabschiedung von Clausewitz – „Alle Theorien von Clausewitz sind über den Haufen zu werfen“– 1935 die Theorie vom totalen Krieg, der Goebbels als ihr grölender Maulheld dann in seiner Sportpalastrede 1943 Massenwirksamkeit verschaffte.Emblematisch erscheint das „Totale“ im Vergleich zweier Kriegsbilder, die gerade nicht Bilder des tatsächlichen Kriegs zeigen, sondern seine populäre Einübung und unsichtbare Durchführung. Eines davon ist das Cover von K, also die roten Zacken, die auf schwarzen Grund einbrechen, das andere ist im Mai 2011 um die Welt gegangen. Es zeigt den situation room des Weißen Hauses.

Es ist der Zeitpunkt, als Seals, Mitglieder einer geheimen Sondereinheit der US Marines, finale Jagd auf Osama bin Laden machen. Seine Tötung ist nicht zu sehen, auch nichts von der Aktion an sich – denn die Laptops zeigen nur die Rückseite. Was darauf erscheint, sehen wir nicht. Was aber zu sehen ist, sind die Zuschauer im Weißen Haus selbst, Präsident Barack Obama, gewohnt formlos sportlich gekleidet, und seine engsten Mitarbeiter.

Alle sind gespannt, unbeschäftigt außer dem hochdekorierten Einsatzleiter in der Mitte, der Befehle eintippt. Außenministerin Hillary Clinton zeigt jedoch als Einzige eine Regung, indem sie die Hand wie in Entsetzen oder Furcht zum Gesicht führt. Später sollte sie erklären, sie habe an jenem Tag Schnupfen gehabt, man mag es glauben oder nicht, denn die Glaubwürdigkeit der Politiker spielt keine Rolle mehr. Folgt man McLuhan mit dem von ihm erkannten Grundsatz, dass jede neue Technologie einen neuen Krieg mit sich bringe, dann wird an dem Bild deutlich, dass der unsichtbare Netzkrieg bereits begonnen hat.

Karlheinz Barck und Martin Treml haben zur deutschen Neuausgabe von Krieg und Frieden im globalen Dorf (Kulturverlag Kadmos, 2011) ein langes Nachwort verfasst. Der Religionswissenschaftler Treml ist Projektleiter am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, dessen Co-Direktor der Romanist Barck viele Jahre war

Kommentare (3)

paulart 11.08.2011 | 20:00

Hier hat jemand - Marshall McLuhan - sehr früh schon sehr genau hingeschaut und analysiert. Diese schöne neue Welt ist es, die uns einerseits nach wie vor fasziniert, andererseits aber zugleich abstößt.

Und so sind wir bestrebt, aus unserer Idylle hinter dem Gartenzaun auf die "Welt das draußen" zu schauen... und wir beginnen zu frösteln. Zeitgleich verhungern viele Menschen in Afrika, sterben Flüchtlinge, Aufständische und Soldaten in Afghanistan, Libyen und in vielen anderen Ländern. Ganze Länder stehen am Rande eines Staatsbankrotts, Fukushima hat auf bestürzende Weise auf die vermeintliche Sicherheit der Atomkraftwerke hingewiesen und die Börsenkurse stürzen nach 2008 abermals in großer Geschwindigkeit in den Keller. Schöne neue Welt...