Symphonie in Rost

Elends-Tourismus Die belgische Stadt Charleroi gilt als hässlicher und deprimierender Ort. Genau damit lockt ein Künstler nun Besucher an und nimmt sie auf eine "Urban Safari" mit

Haben Sie schon einmal auf einer Kohlehalde gepicknickt? Es ist nicht so übel, wie man vielleicht denkt. Man schlägt sich durch kniehohen Wildwuchs, geht an Beeren und Apfelbäumen vorbei, es wirkt fast pittoresk. Dann kommt der Aufstieg, steil und auch für geübte Wanderer gar nicht so anspruchslos. Man muss genau aufs Gelände achten. Also sieht man auch die Blumen, lila, gelb, weiß – schwarzes Geröll schimmert unter dem Gras durch.

Und wie Wanderer so gern zu sagen pflegen: Der Ausblick entschädigt für alle Mühe. Linkerhand sieht man von der Anhöhe den Fluss Sambre sich träge in seinem künstlichen Bett dahinwälzend. Dahinter eine Fabrikruine nach der anderen, nicht gerade wie die Perlen einer Kette, aber für Perlenketten ist hier ja auch niemand hergekommen. Auf der anderen Seite erkennt man kleine Siedlungen, Backsteinhäuser in Grau und Braun, den Farben, die hier immer Saison haben. Unterbrochen werden sie von weiteren Halden, wild bewachsen, das pays noir, das schwarze Land, ist längst grün.

In einem afrikanischen Nationalpark würde der Guide jetzt ein blütenweißes Tuch über den aufgestellten Tisch legen und ihn mit exquisiten Speisen bedecken. Eine Safari soll dies hier auch sein, aber eine Urban Safari, denn da unten liegt nur Charleroi, die alte belgische Brachlandschaft. Also tut es eine dunkle Decke auf der Halde. Während sich die Kameras der Tour-Gäste den Förderbändern, Transportbrücken und Schornsteinen ringsum widmen, schneidet Nicolas Buissart, der Guide, Baguettes auf. Er drapiert Käse, Schinken, Dips und Bananen um das Brot herum. Wasserflaschen, Coladosen, Bier. "Lunchtime!", ruft Buissart die neun Teilnehmer an diesem Sonntag zusammen. Sein Assistent Fabrice kredenzt eine Schale eingelegter Oliven. Zufriedene Gesichter ringsum. Picknick auf der Halde und man hat eine Lektion gelernt – es kommt immer drauf an, was man aus seiner Umgebung macht.

Dass jemand etwas macht mit dieser Kulisse ist neu. Und in gewisser Weise anti­zyklisch, denn die Kohleminen und Stahlfabriken Charlerois, die seit den fünfziger Jahren eine nach der anderen die Tore schlossen, rosten seit Langem still vor sich hin. Bis Buissart, 31, mit seinen Safaris begann. "Charleroi Adventures" heißt das Konzept – ein gewagter Anspruch: Abenteuer gibt es im einstigen Zentrum der wallonischen Schwerindustrie eigentlich schon lange nicht mehr zu erleben. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Region ein Ziel für Arbeitssuchende. Flamen, Italiener, Polen, Matrosen aus Übersee, die in Antwerpen an Land gingen, alle fanden hier ein Auskommen. Dann aber wurde die Stadt zum Synonym für Verfall, Tristesse und Arbeitslosigkeit. Wer in Belgien heute Charleroi hört, denkt an Elend.

Spiel mit dem Morbiden

Nicolas Buissart studierte in Antwerpen Kunst und wurde dort immer belächelt, wenn er erzählte, dass er aus Charleroi kam. Heute nennt er sich selbst einen "Multi-Formen-Künstler". Bei seiner Heimatstadt dachte er nicht an Elend, sondern an Safaris. Und an was für welche! "Machen Sie eine Tour durch die unglaublichste Indus­triestadt Europas", wirbt die Website von Charleroi Adventures. Nur um gleich mit sämtlichen Klischees zu jonglieren, mit denen die 200.000-Einwohner-Stadt, 30 Kilometer von der französischen Grenze gelegen, notorisch in Verbindung gebracht wird: "Entdecken Sie den Ort, wo Magrittes Mutter Selbstmord beging, das Haus des berüchtigten Marc Dutroux, die deprimierendste Straße Belgiens. Klettern Sie auf eine Halde und besuchen Sie eine authentische verlassene Metallfabrik."

Nicht alle goutierten dieses Spiel mit dem Morbiden. Wallonische Zeitungen schrieben von einer "unheimlichen Safari" und der permanenten Bestätigung des schlechten Images. Mit dem Haus des Kinderschänders Dutroux zu werben, sei besonders geschmacklos. "Das ist kein fester Bestandteil der Tour", sagt Buissart. Nur auf ausdrücklichen Wunsch der Gäste fahre man dort vorbei. An diesem Nachmittag hat niemand das Bedürfnis.

Ein Boulevardblatt zürnte auch, Buissart präsentiere die Armut einer Stadt mit 25 Prozent Arbeitslosigkeit. Wenn man ihn auf diese Kritik anspricht, zuckt er mit den Schultern: „Ich zeige nur Landschaften. Postindustrielle Landschaften.“ Und die haben ihre Anhänger. Industrieruinen sind ein Abenteuerspielplatz für Hobby-Fotografen. Etwa für Luc de With und seine drei Freunde aus der Nähe von Antwerpen, die sich vor 30 Jahren an der Fotoakademie kennenlernten. Keiner von ihnen fotografierte je professionell, doch in der Freizeit ziehen sie regelmäßig an Orte, die besondere Motive versprechen, erzählt de With: Bolivien, Island – oder eben Charleroi.

Vor allem Schwarz-Weiß-Bilder verspricht er sich hier. Die Schönheit des Hässlichen zeigen, darum geht es ihm, den ästhetischen Reiz des Verfalls. Mit Kennermine mustert de With die Szenerie entlang des Flusses. Kilometer um Kilometer eine Fabrik hinter der anderen, die meisten liegen still. Eine Symphonie in Rost, der Zahn der Zeit hat riesige Löcher in die Anlagen gefressen, dazwischen liegen Schrotthaufen aus Metall und Stahlteilen – und all das spiegelt sich zusammen mit den Wolken im Fluss.

Der 16-jährige Bram aus der Nähe von Den Haag sagt, er wollte schon länger mal nach Charleroi. Ein TV-Beitrag über die Safaris hatte ihn darauf gebracht. Seine Mutter Petra fotografiert ebenfalls. Und sie sei neugierig, was sich hinter dem schlechten Image verbirgt, sagt sie. "Sich an dem Elend anderer Leute zu weiden, ist ja auch etwas, das Urlaub ausmacht", witzelt sie.

Vor ein paar Jahren rief eine niederländische Zeitung ihre Leser auf, die hässlichste Stadt der Welt zu wählen. Charleroi ist den meisten Niederländern nur von der Durchfahrt auf dem Weg nach Frankreich bekannt, doch auch von der futuristischen Ringstraße, die sich hoch über der Reihe der Schornsteine dahinwindet, bekommt man einen Eindruck. Und der reichte, um Charleroi ganz nach vorn zu wählen.

Lethargie und Aufbruch

Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone, in der großflächig das Pflaster erneuert wird und Plastikrohre aus dem Erdreich ragen, bestätigt das Klischee voll und ganz. Petras Bilanz ist deutlich: "Keine Spur von Geselligkeit." Die vielen leerstehenden Häuser, Ladenlokale, für die sich kein neuer Pächter mehr fand, Menschen, von Armut und Alkohol gezeichnet, die Hände, die auf den Bänken der Innenstadt Dosen halten. Lethargie ist eine Seite des Alltags dieser Stadt. Eine andere ist der Mut zum neuen Aufbruch, der immer wieder durchschimmert. Im "Rockerill" etwa, einem Kulturzentrum in einer der stillgelegten Stahlküchen. Vor sechs Jahren besetzte ein Künstlerkollektiv das Gelände, kaufte es dem Besitzer ab und restaurierte es. Heute finden DJs und Bands den Weg dorthin, es gibt Ausstellungen und Veranstaltungen für Kinder und jeden Donnerstag die lokale Variante des Yuppie-Phänomens After-Work-Party: Les Aperos Indus heißt das hier, industrielle Aperitifs, im Ambiente von düsteren Stahlrohren und mit einem zuversichtlichen Hedonismus, den man nicht unbedingt erwartet.

Genau darum geht es auch Buissart mit seinen Urban Safaris, die mit dem Hässlichen kokettieren, um den Besuchern dann die verborgenen Reize der Stadt zu zeigen. Das Rockerill steht dafür symbolisch: Sein Name ist eine Referenz an den englischen Ingenieur Cockerill, der Charleroi zu einem Zentrum der Industrialisierung machte. Der Laden ist eine Hommage an die Möglichkeiten, die das industrielle Erbe bietet. Für Buissart ging das Konzept auf. Seit zwei Jahren zieht er nun jeden Sonntag mit zehn oder 20, manchmal auch 30 Besuchern durch alte Metroschächte. In den halb zerfallenen Lagerräumen einer Kohlemine erzählt er, dass diese in den achtziger Jahren kurzfristig als Zoo benutzt wurden, und zeigt seinen Gästen die Gittertore der Käfige, die schief zwischen brüchigen Mauern hängen. Gleichzeitig passt er auf, dass niemand sich den Fuß umknickt, an den herumliegenden Glasscherben schneidet oder durch ein Loch im Boden fällt.

Größere Ambitionen als kommerzieller Tourguide hat Buissart allerdings nicht. Er sieht seine Safaris als Kunstperformance. Dass sein Wissen sich vor allem aus Wikipedia und Urban Legends zusammensetzt, gibt er ohne zu zögern zu. In diesem Sinn ist Charleroi Adventures Punkrock mit den Mitteln des Sightseeings. Den ausgebildeten Guides des städtischen Tourismusamts, die die Stadt möglichst vorteilhaft präsentieren wollen, sind die Touren ein Graus. Was Nicolas Buissart kalt lässt: "Wer verschafft der Stadt denn Aufmerksamkeit?"

Tobias Müllerglaubt seit der Teilnahme an der Urban Safari, dass das Lied Dirty Old Town in Charleroi geschrieben wurde.

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13:00 07.08.2011

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