„Syntax, ihm egal“

Klassiker Mit „Tristram Shandy“ hat Laurence Sterne zeitlose Weltliteratur verfasst, seit 1982 ist Michael Walter sein Übersetzer. Literaturkritiker Michael Maar hat ihn interviewt

Der Erfinder des modernen Romans sei ein „Paganini der Abschweifungen“, zog Harry Rowohlt mal vor Laurence Sterne seinen Hut. Zu dessen 250. Geburtstag erscheint erstmals eine Werkausgabe auf Deutsch bei Galiani. Damit ist aber längst nicht alles gesagt!

der Freitag: Michael Walter, Sie haben Laurence Sterne wohl ‚mindestens ein Lebensjahrzehnt gewidmet ...

Michael Walter: Ein Dezennium reicht da nicht. Los ging’s bereits im vorigen Jahrtausend, 1982.

Dieser Laurence Sterne ist ein Autor, den man ausnahmsweise wirklich einmal als singulär bezeichnen darf. So etwas wie den „Tristram Shandy“ gab es davor nicht und konnte es danach auch nicht mehr geben, so stark der Einfluss war, den Sterne auf die Nachwelt und seine Verehrer ausgeübt hat. Verehrer, zu denen Diderot, Lessing, Wieland und Goethe zählten, Nietzsche, Freud, Thomas Mann und Arno Schmidt – wer noch alles?

Also, in der Reihenfolge ihrer Bedeutung und zeitlichen Nähe: der sehr große, alle überstrahlende Jean Paul. Karl Philipp Moritz: Anton Reiser, Johann Carl Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt, Theodor Gottlieb von Hippel: Lebensläufe nach Aufsteigender Linie, Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen Frankreichs, Johann Gottlieb Schummel: Empfindsame Reisen durch Deutschland, et tutti tutti quanti.

Sehen Sie, den Letztgenannten kenne ich nicht mal namentlich, da müsste ich schummeln … Das Unvergleichliche, das „unseen before“-Strukturprinzip des Sterne’schen Romans ist wohl die Kunst der Abschweifung und der Retardierung. Der Held nimmt sich erst einmal drei Kapitel Zeit, um überhaupt auf die Welt zu kommen. Der Plot ist der erste Nicht-Plot der Literaturgeschichte, wenn ich das richtig sehe. Sterne ist Meister in der Kunst der Verzögerung, Sterne balanciert zwischen chinesischer Folter und Tantra-Sex – wobei die Vergleiche dem Humoristen Sterne nicht ganz gerecht werden.

Tristram Shandy war damals „talk of the town“, auch weil das Buch eine bis dahin unbekannte Struktur besaß. Der Autor scherte sich nicht um Syntax und Grammatik, um die Angemessenheit von Formulierungen ebensowenig wie um Sinn, Zusammenhang oder die traditionelle Übereinkunft, wie ein Roman gebaut sein sollte. Die Interpunktion gleicht jener der gesprochenen, nicht der geschriebenen Sprache. Virginia Woolf urteilte einmal, die Bücher Sternes stünden dem Leben näher als der Literatur. Sie müssten auf andere Art gelesen werden, so als würde da jemand zu uns sprechen. Der Autor selber befindet im zweiten Band des Tristram Shandy: „Schriftstellerei, so sie denn recht betrieben, (...) ist nur eine andere Bezeichnung für Konversation“. Sterne huldigt dem Prinzip der Plötzlichkeit, verleiht den Dingen überraschende Wendungen, sei es nun ins Komische, Tragische, rein Metaphorische oder eben auch ins Obszöne. Der Autor hat es in der Hand. Diesem Vorgang beizuwohnen, das macht das spezielle Vergnügen der Lektüre von Sternes Büchern aus.

Zur Person

Michael Walter, 1951 geboren, studierte Philosophie und Anglistik. In diesem Jahr wird Walter mit dem Europäischen Übersetzerpreis ausgezeichnet, für die Sterne-Briefe ist er auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse für den Literaturpreis in der Kategorie Übersetzung nominiert

Was wieder an Jean Paul erinnert, der von seinen Romanen gesagt hat, sie seien nur längere Briefe an Freunde. Michael Walter, Sie haben den „Tristram“ sukzessive übersetzt, ich erinnere mich noch, wie ich als Student immer gierig nach dem jeweils jüngsten gelben Haffmans-Bändchen griff. Wie genau war die Entstehungsgeschichte dieser Riesenübersetzung?

Das alles begann, wie gesagt, 1982 in München. Ich traf Gerd Haffmans, der eben seinen eigenen Verlag gegründet hatte. Er fragte mich, ob es nicht irgendein Buch gäbe, das ich unbedingt übersetzen wolle. Und da war ich so frei und verwegen zu sagen: Tristram Shandy. Ohne noch genau zu wissen, worauf ich mich einließ. Mir muss da wohl Arno Schmidts Hinweis im Ohr geklungen haben, wie schön es wäre, wenn der Tristram Shandy endlich einmal ins Deutsche übersetzt würde! – Gerd Haffmans zögerte keine Sekunde, sagte gut, dann machen wir das. „Learning by doing“, so würde ich heute meine Erfahrungen bei der Arbeit beschreiben. Erst mit Band vier hatte ich dann den Ton gefunden, der mir vorschwebte. Die Übersetzung bleibt weiterhin eher Weg als Ziel, eher Projekt als vollendetes Gebäude. Ein bisschen wie das Ulmer Münster, wo auch ständig ausgebessert wird.

Oder der Kölner Dom … Die Übersetzung hat Sie mit einem Schlag berühmt gemacht und in die erste Reihe der deutschen Übersetzer gehievt. Die Preise hagelten fast so wie die Kanonenkugeln von Onkel Toby ...

Na ja, so ab 1988 gab es etwa alle zehn Jahre einen Einschlag. Im Tristram Shandy hagelt es übrigens neben Kanonenkugeln auch Bischofsmützen. Nein, im Ernst, über mangelnde Anerkennung kann ich wirklich nicht klagen.

Ihre neue Übersetzung der Sterne-Briefe ist jetzt für den Leipziger Literaturpreis nominiert worden – wir gratulieren! Diese Briefe – wie hat man sie sich vorzustellen? Es spielen ja sicher, wie bei jedem großen Autor, Bezüge hin und her zwischen dem literarischen Werk und dem Privaten. Können Sie uns Beispiele geben? Taucht der „Tristram“ auch in der Korrespondenz auf?

Sterne verstand sich als öffentliche Figur – kein zweiter Autor seiner Zeit vermischt so bewusst privates Leben und Werk. Besonders ausgeprägt sind die Bezüge zwischen den Briefen an Eliza, dem Tagebuch für Eliza und der Empfindsamen Reise. Briefe und Tagebuch dienten ihm wohl auch als Labor. Aus den hoch emotionsgeladenen, teils bis zum Liebeswahn überspannten epistolarischen und diaristischen Ergießungen destillierte er das Sentiment für seine Empfindsame Reise. In seinen periodisch erscheinenden Büchern werden ganz offen private Erlebnisse verarbeitet, mehr noch: die Grenzen zwischen Sternes literarischen Figuren Tristram und Yorick und dem realen Laurence Sterne verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Sterne stellt sich auch im realen Leben bisweilen als Yorick oder Tristram vor und unterschreibt so zahlreiche Briefe. In seinem letzten Brief an Eliza kommt Laurence Sterne gar nicht mehr vor; es spricht allein die literarische Figur Yorick. Das Ineinander von Laurence, Tristram und Yorick etabliert sich als Lebensform wie auch als literarisches Prinzip.

Er hat sich also selbst zur humoristischen Figur gemacht. Oder Teile seiner Persönlichkeit in die Fiktion ausgelagert. Liest man diese Briefe gern? Wodurch unterscheiden sie sich von anderen zeitgenössischen Briefwerken?

Sternes Briefe sind nicht nur die bei Weitem wichtigste Quelle biografischer Informationen über ihn, es zeichnen sie auch zwei wesentliche Merkmale aus: Sterne verwendet seine Ideen und Formulierungen gerne oft mehrfach, freilich in Variationen, kaum ein Autor seines Zeitalters kopierte sich so oft selbst.

Seines Zeitalters – vielleicht. Von Thomas Mann kennt man das allerdings auch.

Vor allem aber: Kaum ein Autor seines Zeitalters schreibt so ungehemmt, was ihn gerade umtreibt, was ihm durch den Kopf geht. Anders als die meisten berühmten Briefeschreiber seiner Zeit war er nicht penibel darauf bedacht, sich im bestem Licht stilistisch polierter Briefe zu präsentieren. Sterne durfte nämlich erst nach dem durchschlagenden Erfolg seines Tristram Shandy, also ab 1760, davon ausgehen, dass man sich für seine Briefe interessieren könnte. Aber selbst das war ihm egal: Bevor er sich 1762 zur Frankreichreise aufmachte, hinterließ er seiner Familie eine Auflistung von Dingen, die man im Fall seines Todes zu Geld machen könnte: „Meine Briefe in meinem Schreibtisch in Coxwold & ein Bündel in dem Koffer mit meinen Predigten. Anmerkung: Da kein einziger davon wie die Briefe Popes oder Voitures geschrieben wurde, um gedruckt zu erscheinen, wird man sie wohl um so lieber lesen –.“

Voiture, auch so eine Figur ... Wie hat man sich Sterne als Menschen vorzustellen – in seinem Alltag, in seiner Lebenseinstellung, seiner Literaturpolitik, seiner Erotik? War er so ein herrlicher bigotter Schweineigel wie Samuel Pepys? Wer waren seine literarischen Vorbilder?

Kennzeichnend für die Sterne’sche Biografie ist, dass sich ein Großteil, dessen, was wir über sein Leben sicher zu wissen glauben, bei genauerem Hinsehen als Hörensagen entpuppt. Also cave! Sein Alltag war wohl etliche Jahre der eines gewöhnlichen Landpfarrers: Predigten, Taufen, Beerdigungen, Seelsorge. Daneben gab es handfeste landbauliche Arbeiten zu erledigen: Baumschnitt, Umgraben, Pflügen, Jäten, Aushacken alter Wurzeln oder Abkarren von Schutt. Später dann die längeren Aufenthalte in Frankreich und Italien. Seine Lebenseinstellung: Für mich ist er ein großer Humanist. Literaturpolitik hat ihn nur interessiert, wenn er damit den Erfolg seiner eigenen Bücher befördern konnte.

Genau das meinte ich. Das hat er also dann doch betrieben?

Darin besaß er allergrößtes Geschick. Ein Schweineigel? Das nun eben nicht. Seine Briefe belegen allerdings, dass er seine erotischen Triebe nicht nur in der Fantasie seiner Bücher auslebte, sondern ihnen auch im wirklichen Leben die Zügel schießen ließ. „Mouthspeech allno fingerforce“ (Maulwerk ganz, nix Fingerkraft), so wie es in Finnegans Wake einmal heißt, trifft auf ihn nicht zu.

Werden Sie konkreter!

Also, damit die liebe Seele Ruh’ hat, gebe ich ein einschlägiges Pröbchen aus einem Brief, den Sterne seinem Freund und Intimus Hall-Stevenson schickte: „Ich möchte Dich hiemit wissen lassen, daß man mich nicht tadeln darf, weil ich nach London eile, denn Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht aus Hochmut dorthin eile & um mich aufzuspielen; denn der Teufel, der mich reitet, ist kein hochmütiger Teufel wie sein Vetter Luzifer – sondern eher ein begehrlicher Teufel, der es nicht dulden will, daß ich allein bleibe; denn da ich mit meiner Frau nicht schlafe, bin ich ungemein wollüstig – & ich sterbe vor Verlangen – & ich bin töricht; deshalb wirst Du’s mir nachsehen, mein lieber Antonius, denn auch Dich hat ja die Liebe zugrunde gerichtet & Du bist über Land und Meer gereist & umhergehetzt wie ein Teufel, stets angetrieben von demselben Teufel.“ Genügt Ihnen das?

Danke, das ist in der Tat sehr offen. Und seine Vorbilder also?

Seine literarischen Leit-Sterne? Kurz und knapp: das Dreigestirn Cervantes, Rabelais, Swift.

Sie wurden gelegentlich – wie ich finde ungerecht – kritisiert wegen Ihres bewusst und dezidiert altertümelnden Sprachtons, das heißt: dem Versuch, die Originalsprache in einem historisch vergleichbaren Duktus derselben Epoche nachzubilden. Manche empfanden das als overdone, aber Sie haben sich jedes Wort überlegt. Wie hat man sich diesen Prozess des Sichanschmiegens an eine historische Sprachform vorzustellen? Sie lesen die Zeitgenossen und greifen öfter nach den Lexika, nehme ich an?

Mir schwebte für meine Übersetzung ein Ton vor, in dem auch ein wenig die Sprache des ausgehenden 18. Jahrhunderts anklang. Ich habe ein gutes Dutzend Romane aus dieser Zeit studiert und fleißig exzerpiert, Wortlisten angelegt für Verben, Adjektive, Substantiva, Anredeformen, Flüche, Redensarten. Ich habe überprüft, welche Fremdwörter bereits gebräuchlich waren. Bei der Übersetzung der Briefe lag, als unentbehrliches Hilfsmittel, ein deutscher Briefsteller – kennt man so etwas heute überhaupt noch? – aus dem Jahr 1766 neben mir. Das älteste Lexikon, das ich benutzt habe, stammt aus dem Jahr 1738. Der Griff zum Wörterbuch ist mir zur zweiten Natur geworden. Sterne war ein großer Freund obsolet gewordener Wörter, die er genüsslich über den ganzen Tristram Shandy verstreut hat. Schon die Widmung zu Band eins liefert das erste Beispiel, nämlich wight. Um noch ein paar zu nennen: eke, ’yclept, ween, certes, wot, whilome, trow und yore. Deshalb bietet auch der deutsche Text hie und da obsolete Ausdrücke.

Jetzt müssen Sie uns aber aufklären, was diese Exotika bedeuten!

Wicht; gleichermaßen; einen Lärm aufschlagen; wähnen; fürwahr; einer Sache inne sein; weiland; traun; vor alters. Ich habe natürlich nicht immer eine Eins-zu-eins-Ersetzung vorgenommen, sondern dort, wo sich ein Sonnenplätzchen für ein mir liebes, leider in Pension geschicktes deutsches Wort anbot, eines hingepflanzt.

Wer war schwieriger zu übersetzen: Sterne oder Henry James?

Sie fragen im Ernst? Ich habe mir geschworen, nie wieder einen Roman von Henry James zu übersetzen.

Hätten sie nach den historischen Exerzitien auch einmal Lust auf „hard core sophisticated“ Gegenwartsliteratur – Joshua Cohen? Oder einen gepflegten Julian Barnes oder John Banville?

Dann am liebsten Julian Barnes oder Ian McEwan, von denen ich früher schon einige Werke übersetzt habe. Doch im Augenblick sind sie wohl in festen Händen.

Nicholson Baker? Wenn der endlich mal in gute Hände geriete …

Dann sage ich John Banville.

Auch perfekt! Ich danke für das Gespräch und freue mich auf Ihre nächsten klugen Tollkühnheiten.

Info

Werkausgabe Laurence Sterne, Michael Walter (Übers.), Berlin 2018, 3 Bände, 98 € (Die Bände sind auch einzeln beziehbar)

Die Bilder des Spezials

Zuerst ist da ein leeres weißes Blatt Papier mit unendlichen Möglichkeiten, bald findet sich darauf eine absurde Welt der Abstraktion. Zu sehen sind fiktive Gebäude, unendliche Tunnel, lauernde Treppen. Es gibt rätselhafte Hinweise. Nur: Nie führen diese zur Auflösung des Rätsels.

Die Illustratorin Pia-Mélissa Laroche, Jahrgang 1985, zeichnet surreale Welten. Sie will die Macht der Suggestion hinterfragen. Sie sagt: „Wie die Krypten der christlichen Kirchen oder Nabateans Gräber sind diese architektonischen Strukturen direkt in den Boden gehauen. Sie drängen sich durch Subtraktion auf, um unzerstörbar und mehr als je zuvor zu werden. Mit einer extremen Haltbarkeit trotzen die ,Hyper Residenezen‘ Zeit und Raum.“ Laroche lebt und arbeitet in Paris.

06:00 17.03.2018

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