System der Angst

Entertainment Ob auf dem Buchmarkt oder in der Fernsehunterhaltung: Alles ist mutlos und voraussagbar. Warum? Wir haben zwei Autorinnen besucht, die es wissen müssen

Nass, grau, struppige Bäume stehen in der Landschaft, frieden Felder ein, man sieht wenig oder nichts. An der Straße Zäune, die Pferde zurückhalten können. Ein paar Tage vorher war kurz Unsicherheit in ihrer Telefonstimme. „Für ein romantische Bild über das Autorendasein?“ Kleine Warnung vorab, Nordheide: „Ihre Vorstellung ist vielleicht ein Klischee.“ Dabei hat der Reporter gar keine. Er steht heideunerfahren im nassen Hanstedt, höchstens klitzekleine Überraschung: Die Straße wand sich über Hügel und durch Wäldchen, nirgends Moore. Der Nebel verwischt Kontraste aus Spitzdächern, Klinkerfassaden, Gartenhäuschen; Goch-Lange steht schon an der Eingangstür, hellblauer Strickpullover, blaues Augen-Make-up. Viel später, auf dem Weg zurück nach Hamburg, wird Heidi Goch-Lange sagen, dass die „zarten Farben“, mit denen sie ihr Heim dekoriert hat – Creme, Roségold, Eierschalenweiß – eine Stille produzierten, die sie für ihre Arbeit brauche. „Wenn Sie das jetzt so beschreiben, komme ich mir natürlich wie eine Spießerin vor.“

Das will der Reporter nicht, ist erst einmal angekommen: Heidi Goch-Lange schreibt als Sofie Cramer Unterhaltungsliteratur, ihr bekanntestes Buch SMS für dich wurde in verschiedenen Auflagen etwa 150.000-mal verkauft, fernsehgerecht verfilmt, ein „hidden bestseller“ – also ein viel verkauftes Werk, das allerdings auf keiner der vielen Listen weit oben erscheint.

Kekse, Tee, Wasser, Saft

Im Herbst hat der Rowohlt-Verlag ihren letzten Roman verlegt, Nachtflug, eine Art Kammerspiel, in der eine mittelalte, mittelschlanke, recht nervöse Opern-Garderobiere überraschend Businessklasse neben einem sehr erfolgreichen, sehr adeligen, sehr gut aussehenden Anwalt fliegt. Sie hin zu einem neuen Leben (Achtung: Illusion!), er hin zum wichtigen Meeting (Achtung: busy!). Sie zwingt ihn ins Gespräch, rasche Gemütswandlungen, Merksätze im inneren Monolog („Wenn man wollte, dass etwas schnell vorüberging, tat man einfach, was verlangt wurde“), ausgestellte soziale Differenz („Ich als Vielflieger ...“), essenzialistische Geschlechterbilder („Irgendwie ... typisch Frau“). Drei Akte, strenges Präteritum. Ihre Biografie hat mit der DDR zu tun, mit der Stasi, mit Zurückweisung. Bei ihm ist auch nicht alles geradeaus: Modellkarriere erfüllt nicht, Modellehe sitzt nicht so takko wie der Anzug. Zielsicher geht’s zur Läuterung. Für das Happy End wird sie bei ihm einziehen, nach den Kindern schauen und als Sekretärin beginnen.

Goch-Lange winkt ab, die Schuhe müsse man jetzt nicht ausziehen. Auf dem Esstisch Kekse, Tee, Wasser, Saft. Es gibt mehrere Gründe, um sie zu besuchen – Krisengesänge sind das Grundrauschen aller Treffen der Buchbranche. „Mobiltelefone, Netflix!“, stöhnen Verantwortliche. Da ist Claas Relotius, nicht als Person, sondern als System, das watteweiche Geschichten als Journalismus tarnte. Der allergrößte Teil öffentlich-rechtlicher Fernsehfilme, also von der Anstalt mit dem politischen Bildungsauftrag, hält die Zuschauer für auffassungsgestört. Sogar auf experimentellen Theaterbühnen werden Stücke von Lutz Hübner eingeschoben, den kennen Sie von Frau Müller muss weg.

Goch-Lange dagegen betreibt keinen Etikettenschwindel, sie sitzt inmitten zarter Farben an einem Tischchen, sehr weißes Fell auf dem Hocker, schreibt mit klarer Sprache, die, wiederholt sie häufiger, „auf dem Markt funktionieren“, nie „elitär“ sein will. Überhaupt: Markt – Goch-Lange erzählt, dass sie beobachtet habe, wie der funktioniert. Mit Klischees zum Beispiel, die dann aber doch nicht ganz aufgehen. Wohlfühlen und Überraschung, das ist der „Markenkern“ ihres Pseudonyms. „Über allem stand die Vision, vom Schreiben leben zu können.“ Goch-Lange ist seit 15 Jahren Autorin, stieg mit „blauen Büchern“ ein. Der Einband zeigt häufig Himmel. Damit assoziiere man, schreibt sie auf ihrer Webseite, „tiefsinnige Themen wie Liebe und Tod“, aber doch auch eine „gewisse Leichtigkeit“. Mit Autorennamen würden Stimmungen verbunden, etwas Verlässliches; literarischer Stil, Eigenständigkeit spielten keine Rolle. Gesetz des Formats: „Wer das erste Buch gekauft hat, soll auch das nächste kaufen.“ Goch-Lange erzählt von Massenproduktion, sie schlägt einen Plot vor, hofft, dass Lektorin und Vertrieb ihn nicht verwerfen, die Fallhöhe nicht zu weit absenken, macht sich dann an die Ausarbeitung. Kurzer Blick auf den Verlag: „Eigentlich arbeitet der wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Sehr vorsichtig, selten risikobereit, selten Experimente. Die Verunsicherung ist riesengroß.“

Hängt also wirklich alles zusammen? Ist die Buch-Krise eine erzählerische, dominiert von ängstlichen Redakteuren, Lektoren, Entscheidern? Anruf bei Dorothee Schön, Drehbuchschreiberin und bald seit 35 Jahren im Geschäft, Tatort, große Projekte, etwa für die Serie Charité. Sie sagt Sätze wie: „Ich will populär erzählen, ich will ein großes Publikum.“ Pause. „Und es nicht für dumm verkaufen.“ Schön hat viele Preise gewonnen, sich eine weniger abhängige Position erarbeitet, kann in einer Festrede zum Kleinen Fernsehspiel – dem einst experimentellen Format – das „durchgegängelte System von Programmentscheidungen“ kritisieren, das öffentlich-rechtliche Fernsehen als „angstgesteuertes System“.

Warum, Frau Schön, kommt bei Angst so viel Rosamunde Pilcher heraus? Sie hat miterlebt, wie Drehbuchschreiben zur eigenständigen Disziplin wurde, Ratgeber aus dem Boden sprossen und bei Redakteuren „plötzlich der Blick wegging von der Handwerklichkeit des Erzählens hin zu Schablonen, die an Stoffe gelegt wurden. Es ging immer mehr um Berechenbarkeit.“ Das eigentliche Problem seien die Sender, die kaum noch selbst herstellen, sondern ihr Programm bei externen Gesellschaften einkaufen, damit horrende Gehälter von Jauch und Gottschalk bezahlt und gleichzeitig prekäre Arbeitsbedingungen für viele durchgesetzt werden können. Weil immer noch 25.000 Festangestellte mit Rentenanspruch beschäftigt werden müssen, kürzen die Anstalten jedes Jahr die Programmbudgets. Ergebnis: Mehr Redakteure kümmern sich um weniger Produktionen, mischen mit, verlangen Änderungen.

Demokratischer Brei

Dorothee Schön kann schaurige Episoden vortragen, wie die Redaktion für Charité, sonst mit Ärzte-Soaps betraut, händeringend den Stoff nach Liebesabenteuern abklopfte, komplexe Handlungen verwässerte, hinter ihrem Rücken das Staffelende umdichten wollte. Sie kann von Entscheidern erzählen, die keine „unbekannten ausländischen Gesichter“ in Hauptrollen sehen wollen, sondern erprobte ZDF-Darsteller. Das Wort „Markenkern“ schimmert wie ein Wasserzeichen durch diese Schnurren. Sinn und Ziel seien Quote und Marktanteil. „Und einen Gegenbeweis, dass es mit einem anderen Schauspieler, einem anderen Twist gegangen wäre, können Sie als Autor ja nicht antreten.“ Offensichtlich: Je mehr Menschen etwas mitentscheiden, desto flacher wird die Fallhöhe. Demokratischer Brei.

Das Marktprinzip bedeutet die Preisgabe politischer Ansprüche. Es entsteht Kitsch. „Kitsch könnte weder entstehen noch bestehen, wenn es nicht den Kitsch-Menschen gäbe, der den Kitsch liebt, ihn als Kunstproduzent erzeugen will und als Kunstkonsument bereit ist, ihn zu kaufen und sogar gut zu bezahlen“, schrieb Hermann Broch vor siebzig Jahren.

Wer es bei ARD/ZDF nicht mehr aushält, schaut Netflix. Literatur ist seltener Gesprächsthema und Identifikationsfläche, der Umsatz der deutschsprachigen Branche liegt etwa eine dreiviertel Milliarde niedriger als vor zehn Jahren. Es sind immer noch knapp neun Milliarden Euro im Jahr. Aber die Mischung hat sich verändert. Trotz Krisengesängen werden weiter Druckerzeugnisse in rauen Mengen vertrieben, meist unterhalb der Aufmerksamkeit des Feuilletons.

Heidi Goch-Lange erzählt vom „Kampf an vorderster Front“. Wogegen genau? Helles Lachen. Gegen einen Mechanismus, der im Kleid freundlicher Worte daherkommt, Lektorin und Vertriebsmitarbeiter machen dann ernste Gesichter, sagen, „ich glaube, das wollen deine Leserinnen nicht“. Kürzen, was sie „meine Message“ nennt. Was ist das? Knappe Zusammenfassung: Die materielle Welt ist Tand und Schein. Der Verlag will Wohlfühlthemen, handhabbare Probleme. Die Konstellationen dürfen nicht zu sehr konfrontieren. Beim Nachtflug hatte die Lektorin durchgesetzt, das erste Kapitel aus dem Blick der Frau spielen zu lassen. Als Identifikationseinstieg für die Leserinnen. Schon das Kammerspiel sei ja experimentell. Nächste Überraschung in der Nordheide: die Autorin als Kämpferin gegen das Business, aber mit Markenkern? Wieder ihr Lachen, keine Spur von Genervtheit: „Das wären jetzt nicht meine Worte. Aber gegen den Egoismus, die ausgefahrenen Ellenbogen auf jeden Fall.“

Aber hätte sich der Nachtflug-Anwalt am Ende nicht ein anderes Familienmodell ausdenken können? Ehe zu dritt mit Kindern zwischen Deutschland und den USA? Goch-Lange wirkt kurz unsicher, „es geht schon um Werte“, Pause, „für die man auch selbst steht“. Mal ohne Verlagsrichtlinien, Stilvorgaben, Blick auf den Verkauf zu schreiben? Goch-Lange schaut durchs helle Wohnzimmer, „und wer bezahlt das?“.

Dorothee Schön redet sich in Rage: In den Fernsehredaktionen sei man erzählerisch hinter der gesellschaftlichen Realität zurück. Es gebe längst Chefärztinnen, bei ARD/ZDF heißt es aber immer „Herr Doktor“. Rollen mit Migrationshintergrund seien vorrangig Dicke-Hose-Jungs – oder Kriminelle. Lebensbilder für Senioren. „Sie glauben nicht, wie wenig politisches Bewusstsein dahintersteckt.“ Schön erzählt von internen Vorgaben der ARD-Tochterfirma Degeto, es soll jetzt um „einfache Menschen“ gehen, Pflegerinnen, Kassiererinnen. So seien Marktanteile ausgebaut worden, am Freitagabend von 13,8 auf 14,2 Prozent. Also keine Akademiker, nicht Probleme des schwulen Paars mit der Kinderadoption. „Sagt niemand, aber dahinter steht die unreflektierte Anbiederung an eine Gesellschaft, von der man glaubt, dass sie nichts zu tun haben will mit Migration, mit Homosexualität, mit komplexen Problemen.“ Ärger in ihrer Stimme: „Ich sitze in solchen Sitzungen und möchte mit dem Kopf auf die Tischplatte schlagen.“

Heidi Goch-Lange schlägt eher nicht mit dem Kopf auf. Wie geht sie damit um, wenn an ihrem Anspruch geschraubt, ihre „Message“ beschnitten wird? Rasche Handbewegung. „Ich versuche mich dagegen zu wehren. Natürlich, an guter Zusammenarbeit ist mir gelegen, ich will ja beim nächstes Buch wieder mit meiner Lektorin zusammenarbeiten.“

06:00 03.04.2019

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