Szenen der Wahrheit

USA Der Film von der Kapitol-Erstürmung zeigt brutale Szenen. Genau deswegen muss man ihn angucken
Szenen der Wahrheit
Szene von der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar. Viele Bilder, die man an diesem Tag sah, zeigten nicht das ganze Ausmaß der Gewalt

Foto: Tasos Katopodis/Getty Images

Als am ersten Tag von Donald Trumps zweitem Impeachment-Prozess dem Senat ein Film mit Bildern vom Aufstand im Kapitol am 6. Januar gezeigt wurde, blendete der TV-Sender, den ich angeschaltet hatte, rechts oben in der Ecke ein Warnung ein: „Explicit Video“. Nach einigen Minuten begann ich zu denken, dass „anstößig“ eine Untertreibung war; dass wir gewarnt hätten werden sollen, welche Brutalität wir zu sehen bekommen.

Wie wohl viele US-Amerikaner*innen sah ich nach dem Aufstand vom 6. Januar viele Filmbilder von dem Aufstand. Sie waren offensichtlich erschreckend, aber auch rätselhaft: Es fiel mir schwer zu verstehen, was über Donald Trumps falsche Behauptungen von einer gestohlenen Wahl hinaus solch mörderische Wut in so vielen Menschen ausgelöst hatte. Doch der beim Amtsenthebungsverfahren gezeigte Film machte deutlich, dass ich – und viele andere Amerikaner*innen – nur eine beschränkte Version der Wahrheit gesehen hatten, einen abgeschwächten Bericht darüber, was an diesem Tag geschah.

Es zeigte sich, dass die Situation, in der ein Polizist, in einer Tür eingequetscht wurde, sehr lang andauerte und von schrecklichen Schreien des Opfers und Geschrei seiner Angreifer begleitet wurde. Auch zeigte sich: Als jemand am Boden liegt und jemand ihn mit einem Hockeyschläger schlägt, ist zu sehen, wie der Hockeyschläger hochgehoben und runtergeschlagen wird, hoch und runter, hoch und runter. Zwar war die Gewalt chaotisch, aber nicht unentzifferbar; sie erinnerte mich an eine Szene in dem brillanten Dokumentarfilm der Maysles-Brüder, Gimme Shelter, über einen Vorfall bei einem Rolling Stones-Konzert 1969 in Altamont in Kalifornien. Mitglieder der Rockergruppe Hells Angels schlugen damals einen schwarzen Konzertbesucher tot.

Ein Teil des Unterschieds zwischen dem, das wir schon gewohnt waren, und dem, was in dem Prozess-Film enthüllt wurde, war schlicht eine Frage der Länge. Das bei der Anhörung gezeigte Video dauerte 13 Minuten. Zwischen Aufnahmen von den Unruhen waren Szenen von Trump-Äußerungen und dem Zusammenkommen des Senats zur Bestätigung der Wahl 2020 geschnitten. Aber der Hauptteil des Films zeigte die Meute, die die Kapitol-Treppen hinaufströmte, Fenster und Türen einschlug, sich durch die Räume und bis zum Plenarsaal des Kongresses drängte, während sie wiederholt drohend rief: „Wo sind sie?“ Mir wurde klar, dass das, was ich bisher gesehen hatte, nur Bruchteile gewesen waren – eine Minute hier, ein paar Sekunden da –, ohne die anhaltende, zunehmende Kraft, die der Film in seinem vollen Verlauf entwickelt.

Wir sind keine Kinder, die man von der Wahrheit abschirmen muss

Man hatte uns die plastischsten Momente erspart: die Hockeyschläger, den in der Tür eingeklemmten Polizeibeamten. Ich war nicht nur von dem überrascht, was ich gerade sah, sondern auch darüber, dass ich es noch nie gesehen hatte, zumindest nicht alles. Mir ist klar, dass ein Film dieser Länge die meiste Zeit einer abendlichen Nachrichtensendung einnehmen würde. Vielleicht noch bedeutsamer ist, dass ein schreiender Mann, der in eine Tür gequetscht wird, das genaue Gegenteil eines Klick-Köders ist, zumindest für die meisten von uns. Hätte dieses Material den Produzenten des Mainstream-Fernsehens zur Verfügung gestanden, ist leicht vorzustellen, wie sie sich blitzartig ausgerechnet hätten, wie schnell und wie viele Zuschauer nach der Fernbedienung greifen würden. Als ich die neuen Schrecken dann sah, überkam mich das Gefühl, dass wir betrogen worden waren; so als habe jemand nur die halbe Wahrheit erzählt.

Dabei mag ich es nicht, mir Bilder von Tod und Zerstörung anzugucken. Ich ertrage es nicht, mir anzuschauen, wie staubige Körper unter Erdbebentrümmern hervorgezogen werden. Aber die Capitol-Filmaufnahmen waren anders, weil sie etwas sind, das wir, die US-Nation, uns ansehen müssen. Wir sind keine Kinder, die man von der Wahrheit abschirmen muss, insbesondere, wenn sie uns hilft, politische Entscheidungen zu treffen. Viele der republikanischen Wähler*innen, die in letzter Zeit ihre Wählerregistrierung geändert und scharenweise die Partei verlassen haben, reagieren auf das, was passiert ist, auf das, was sie gesehen haben. Dabei hatten sie noch gar nicht alles gesehen.

Merkwürdig dagegen war die Reaktion einer Reihe Senatoren – darunter Rand Paul, Rick Scott, Tom Cotton und Marco Rubio –, die das Video demonstrativ ignorierten. Sie blätterten in Papieren, während im Hintergrund ein Mann vor Schmerz schrie. Die Weigerung, aufzuschauen und herauszufinden, was los war, sollte offensichtlich ein Signal aussenden. Ebenso scheinbar unbeteiligt kritzelten sie etwas auf Papier, während die Meute Vize-Präsident Mike Pence jagte. Mitch McConnell, der im Film vorkommt, zeigte scheinbar keinerlei Reaktion.

Instinktiv und surreal erinnert das an einen der heimtückischsten Aspekte von Donald Trumps Präsidentschaft, der einen bleibenden Fleck hinterlässt: das Phänomen, dass eine mächtige Person die Wahrheit ignoriert und leugnet, wenn ihre persönlichen Interessen durch sie bedroht sind. Die Senatoren – ob Republikaner oder Demokraten – waren an diesem Tag im Kapitol. Sie wissen, was passiert ist. Sie wissen, dass der Film nicht inszeniert ist und die Randalierer keine verkleideten Antifa-Mitglieder waren. Sie wissen, dass Donald Trump den Aufruhr angestachelt hat. Aber hätten sie den Film gesehen und die Öffentlichkeit gewusst, dass sie ihn gesehen haben, wäre es deutlich schwieriger, darauf zu bestehen, dass der Ex-Präsident nicht verurteilt werden soll.

Diese Szenen werden wir nicht los

Glücklicherweise sind die meisten Amerikaner*innen nicht enorm davon besessen, wiedergewählt zu werden. Mit Ausnahme von extremen Verschwörungstheoretikern verstehen wir, was wir sehen. Die meisten von uns, die sich den Film anschauen, erkennen bewusst oder unbewusst, was passiert ist, und was an diesem Tag hätte geschehen können. Mir war es unangenehm, die besonders plastischen Ausschnitte noch einmal zu sehen. Die Nachrichtensprecher benutzten dieses Wort: plastisch. Aber ich war froh, dass das Filmmaterial in den Abendnachrichten gezeigt wurde und, wie ich annehme, die Zuschauer schockierte. Es war klug von den Demokraten, den Film zu veröffentlichen und die Medien durch Sendeerlaubnis zu ermutigen, ihn zu zeigen.

Denn, ob man es mag oder nicht: Diese Szenen werden wir nicht wieder los, selbst wenn gewisse Senatoren sich weigern, die Beweise zu prüfen, für deren Prüfung sie gewählt worden sind. Ich hoffe: Die verstörenden Szenen, die wir sahen, während Senatoren sie zu ignorieren vorgaben, werden sich wie ein Splitter oder schrecklicher Ohrwurm in der Erinnerung der US-Amerikaner*innen festsetzen, die bei der nächsten Wahl ihre Stimme abgeben.

Francine Prose ist eine US-amerikanische Schriftstellerin. Ihr neuer Roman The Vixen erscheint im Juni 2021

Übersetzung: Carola Torti

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18:04 12.02.2021

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