Szenen einer üblen Nacht

Chemnitz Ein Reporter schildert den Gang der Dinge, als sich am Montag Tausende Rechte in der Stadt versammeln, nachdem die Nachricht von einem Tötungsdelikt publik geworden war
Szenen einer üblen Nacht
Vor seinen Augen spielte sich Schändliches ab

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty

An zwei Tagen hintereinander hatten Hooligans und rechte Gruppen für Ausschreitungen in Chemnitz gesorgt. Zu den Aufmärschen mit bis zu 10.000 Teilnehmern kamen viele Chemnitzer Bürger, sie störten sich offensichtlich nicht am gewalttätigen Verlauf. Grund für die rechte Breitenmobilisierung: ein junger Syrer und ein Iraker sind tatverdächtig, einen Deutsch-Kubaner getötet zu haben. Bis heute halten sich unterschiedlichste Gerüchte hartnäckig, sie stiften Verunsicherung und Angst. In offen einsehbaren Kommentarspalten überlegen Neonazis, welche Waffen man nach Chemnitz mitnehmen sollte, um sich an Ausländern zu rächen, sie fluten das Netz mit Mordfantasien.

Die Rechtspopulisten von Pro Chemnitz versuchten den mehr als 200.000 Einwohnerinnen und Einwohnern der sächsischen Stadt weiszumachen, sie würden zu einer Gedenkveranstaltung für den Getöteten aufrufen. Das verfing – den angekündigten Protest gegen das vermeintliche Gedenken konnten viele Chemnitzer nicht verstehen – und gingen zu den Rechten.

Gegen die rechte Mobilmachung regte sich innerhalb kurzer Zeit Widerstand. In Leipzig, Dresden und Berlin wurden Aufrufe gestartet, in die sächsische Stadt zu fahren. Mehr als 400 Teilnehmer mit Zügen aus Leipzig und Dresden an. Am frühen Freitagnachmittag glich sich das Kräfteverhältnis zunächst aus: tausend Demonstranten auf beiden Seiten der Chemnitzer Brückenstraße, die Rechten vor der riesigen Büste von Karl Marx, der Gegenprotest im Park gegenüber. Schon da waren die rund 600 Polizisten sichtlich überlastet. In unmittelbarer Nähe zum Gegenprotest bewegten sich immer wieder rechte Kleingruppen.

So etwa drei Jugendliche, höchstens Zehntklässler, "Deutschland – Wir haben Stolz, Ehre & Werte" steht auf der Collegejacke des einen, in deren Mitte ein vermummter Totenkopf in schwarz-weiß-rot. Als sie auf eine Gruppe Polizisten zuläuft, schicken diese die Gruppe zurück. Unzählige solcher Kleingruppen sind in der Stadt unterwegs, es sind hauptsächlich Männer – die meisten um die dreißig Jahre alt, stämmig, schwarz gekleidet.

Die Organisierten übernehmen

Mit der Zeit ändert sich das Gesamtbild der Teilnehmenden der rechten Zusammenkunft: Die bürgerlich aussehenden Alten im Karohemd, von denen einige augenscheinlich wirklich zum Trauern gekommen sind, weichen zur Seite, immer mehr organisierte Neonazis und Hooligans prägen das Bild und stellen sich in die vorderen Reihen. Die neonazistische Kleinstpartei III. Weg kommt mit rund 40 uniformierten Anhängern, Dortmunder Neonazis sind zugegen, ebenso die germanisch-völkische Sekte „Soldiers of Odin“ aus Bayern. Auch die NPD und der erzgebirgische Verein "Freigeist", dessen Teilnehmer mit Galgen für Politiker bei Pegida aufmarschieren und eigentlich NPD-Kader sind, stehen jetzt auf dem großen betonierten Platz. Es ist jetzt 18 Uhr. Den Internet-Aufrufen sind mittlerweile schätzungweise bis zu 8.000 Teilnehmer gefolgt.

Nur 55 Ordner mussten die Anmelder von der Rechtspopulistischen Partei Pro Chemnitz stellen, das entspricht etwa einem Ordner auf 150 Teilnehmende. Mehr als zwei Stunden dauert es, bis sich genug Freiwillige gefunden haben. Ihre Ausweise werden eingesammelt und vom Anmelder an die Polizei übergeben.

Auf der vierspurigen Brückenstraße, die die Rechten vom Gegenprotest trennt, stehen derweil in Sternformation kleinere Gruppen von Polizisten, beobachten in alle Richtungen, was passiert. Vor den Gegenprotest wurden mittlerweile Polizeifahrzeuge gestellt, es ist nun 19 Uhr. Lange Zeit gab es überhaupt keine erkennbare Trennung zwischen beiden Versammlungsorten. Die rund 300 Beamten auf der Straße sollen im Ernstfall als menschliche Schutzschilde herhalten, so mutet das Einsatzkonzept an.

Zwischen den Polizisten laufen Fernsehteams – mit eigenen Sicherheitsleuten – und freie Journalisten mit Schutzhelmen. Sie filmen die ersten Reihen des rechten Aufmarschs, einige sind vermummt, pöbeln gegen die Reporter. Dahinter zeigen einige den Hitlergruß, neben dem Kopf von Karl Marx ist der Kühnengruß zu sehen – in Deutschland ebenfalls verboten. Die Arme gehen immer wieder nach oben, "Frei, Sozial, National", "Das ist unsre Stadt" und "Lügenpresse" wird skandiert. Die Teilnehmer stehen im hinteren Teil gemischt – bürgerliche Chemnitzer, Hooligans und Neonazis Seit' an Seit'.

Im braunen Briefumschlag

Nach einer Stunde bekommen die Ordner ihre Ausweise zurück, gesammelt in einem braunen Briefumschlag. Kurz darauf fliegt eine Flasche aus der Versammlung der Rechten in Richtung Gegenprotest. Die dort Stehenden werfen zurück – und die Hooligans drängen auf die Straße, wollen die dünne Polizeiabsperrung durchbrechen. Die Rechten ziehen ihre Waffen, werfen mit starken Knallkörpern und Bengalischen Feuern auf die Polizei. Neben Quarzsandhandschuhen hat einer einen Fahrradlenker dabei, andere tragen Pfefferspray. Erst da werden Wasserwerfer vorgefahren, die Polizei droht den Hooligans: "Unterlassen Sie die Angriffe, oder wir setzen Wasser ein" – auch der Gegenprotest wird aufgefordert, keine Gegenstände mehr zu werfen. Widerwillig lassen sich die Rechten zurückdrängen – aber nur von ihren eigenen Ordnern.

Eine Minute später setzten sich Rechte in Bewegung – wollen auf die Brückenstraße, Richtung Stadtzentrum durchmarschieren. Da ist es fünf Minuten nach 20 Uhr. Ein Mann mit rundem Gesicht und Brille zeigt Journalisten den Hitlergruß, lässt sich fotografieren, grinst in die Kameras der zehn Reporter, die noch vor Ort sind und den Ausbruch begleiten. Den Hooligans folgt der ganze Zug mit den etwa 8.000 Teilnehmern – sie haben sich durchgeprügelt. Manche ziehen sich in den Seitenstraßen schnell einen mitgebrachten Pullover und Sturmhauben über – noch vor einer Stunde hielten sie ihre Gesichter in die Kameras. Einige von ihnen hatten einige Stunden zuvor noch Plastikflaschen-Bier in der Hand.

Aus den "Lügenpresse"-Rufen des Chemnitzer Aufmarschs wird etwas, das die Rechten in ihren Reihen seit Jahren unterdrückt hatten – die Parole „"Lügenpresse auf die Fresse" ist wieder zu hören. Auch „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ wird skandiert, viele kennen die Parolen nur noch von Videoaufnahmen – die Pogrome der 1990er Jahre wurden von genau diesen Rufen begleitet.

Ungehemmte Drohungen schlagen sich augenblicklich im Internet nieder, und auch die vermeintlich Neue Rechte reagiert darauf. Auf ihrer Facebook-Seite bedroht die hessische AfD-Fraktion Hochtaunuskreis Journalisten, kurz nach den Krawallen schreibt sie: "Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten! Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt ist es zu spät!"

Wie ein Lauffeuer

Am nächsten Tag finden die Rechten dann offenbar, dass dies zu weit ging. Sie ändern den Text – jetzt werden die Medien als "Hofberichterstatter eines sich an die Macht klammernden Systems" bezeichnet, die Revolution wird zwischen die Zeilen verbannt. Es ist nicht nur die eine AfD-Fraktion, die sich öffentlich einen Putsch erhofft. Auch ein Teil der berüchtigten Saarland-AfD hat den Beitrag übernommen.

Für kommenden Sonnabend hat die AfD in Chemnitz eine eigene Demonstration angemeldet. Schon am Donnerstag will Pro Chemnitz wieder mit bis zu 10.000 Teilnehmern auf die Straßen der Stadt. Mittlerweile wurden die Haftbefehle gegen die beiden im Falle des am Wochenende Getöteten Tatverdächtigen an Pro Chemnitz durchgestochen, verbreiteten sich über Messenger-Dienste wie ein Lauffeuer unter den Rechten.

12:18 29.08.2018

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