T-Shirts und Handfeuerwaffen

Irak Ahmed Al Sheik, Chefredakteur von "Al Jazeera", über jüngste Drohungen der US-Regierung, den arabischen Sender wegen seiner Berichterstattung aus dem Irak zu verbannen

"Falsche und anheizende Berichte" warf US-Außenminister Powell dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera jüngst bei einem Kurzbesuch in Katar vor. Es war nicht sein erster Versuch, einer unerwünschten Berichterstattung aus dem Irak Einhalt zu gebieten. Schon kurz nach Beginn des Krieges in Afghanistan war Powell in das Emirat gereist, um mit der dortigen Regierung über die Redaktionspolitik des 1996 gegründeten Kanals zu sprechen.

FREITAG: Wie begegnen Sie dem Vorwurf der US-Regierung, Ihre Nachrichten aus dem Irak würden die Situation "anheizen"?
AHMED AL SHEIK: Ich halte das für unfair und nicht gerechtfertigt. Unsere Mitarbeiter vor Ort haben in keinem Fall gegen Prinzipien verstoßen, auf die sich ein freier Journalismus und das Recht auf freie Rede stützen. Sie vermitteln, was die Iraker derzeit als Realität erleben. Wenn sie verwundete oder getötete Menschen filmen, dann zeigen wir diese Bilder oder greifen auf die Berichte von Augenzeugen zurück. Was wir tun, unterscheidet sich nicht sonderlich von der Berichterstattung eines US-Kanals wie CBS News, der unlängst Bilder von Folteropfern ausgestrahlt hat.

Worin aber besteht dann der Unterschied zwischen Al Jazeera und CBS?
In der Tatsache, dass wir direkt vor Ort sind. Wir haben derzeit 85 Mitarbeiter im Irak, darunter 30 Korrespondenten. Dank dieses Netzwerkes können wir aus Teilen des Landes berichten, zu denen andere Stationen keinen Zugang haben. Wir bekommen die Bilder, bevor die anderen sie haben - und wir stehen außerhalb der politischen Kontrolle durch die US-Regierung. Zudem beschäftigen wir hauptsächlich Iraker. Das ist ein entscheidender Vorteil, denn die einzigen Personen, die sich im Irak frei bewegen können, sind Einheimische, weil die Menschen ihnen vertrauen.

Die Reporter von CNN oder der BBC bleiben in ihren Hotelzimmern oder drehen auf der Straße vor dem Hotel, um so den Anschein zu erwecken, sie seien in der Nähe des Geschehens.

Sprechen Sie bei Ihren Berichten über Anschläge im Irak von "Widerstandsakten" oder "Attentaten"?
In der Tat benutzen wir die Vokabeln Widerstand und Widerstandskämpfer oder Freiheitskämpfer.

Nach dem Besuch von Außenminister Powell in Katar Ende April hat Außenminister Scheich Hamad bin Jassim angekündigt, Ihnen die Kritik der US-Administration übermitteln zu wollen. Ist das geschehen?
Es ist nicht unsere Aufgabe, Gespräche mit dem Außenminister von Katar zu führen. Al Jazeera ist ein unabhängiger Kanal ...

... es gab also keine Gespräche?
Bislang nicht. Wenn solche Kontakte stattfinden sollten, dann hat unser Unternehmen wie jedes andere einen geschäftsführenden Direktor als Ansprechpartner. Wir unterstehen nicht der Regierung von Katar.

Gehen Sie davon aus, dass die Regierung des Emirats Ihre Interessen trotz des Drucks aus Washington verteidigt?
Ja, absolut. Die Kritik an unserer Berichterstattung seitens der US-Regierung ist ja nicht neu. Wir versuchen, in dieser Lage so professionell wie möglich zu arbeiten. So lange wir Fakten und Hintergründe beleuchten, wird uns niemand zwingen können, unsere Redaktionspolitik zu ändern. Wie wollte man das auch begründen, wenn wir unsere Analysen mit Originalaufnahmen belegen können.

Nun gehen Ihre Berichte und die Statements von US-Militärsprechern in Bagdad beim Thema Falludscha zum Beispiel weit auseinander. Bei der Agentur AP wurden die US-Militärs mit der These zitiert, bei den zivilen Opfern handele es sich "zu 95 Prozent um Männer im wehrfähigen Alter". Ihr Korrespondent sprach von Frauen und Kindern.
Das belegt doch am besten den Unterschied zwischen Al Jazeera und den westlichen Medien. Ein US-Militärsprecher kann sich bei einer Pressekonferenz hinstellen und eine solche Behauptung aufstellen, ohne dass sie hinterfragt wird.

Westliche Redaktionen sind aber doch nicht a priori unkritisch.
Das sage ich auch nicht. In den meisten Fällen aber können deren Korrespondenten bestimmte Fakten oder Aussagen gar nicht verifizieren, weil sie in die alliierten Truppen eingebettet sind. Dieser embedded journalism ist zentraler Bestandteil der US-Medienstrategie in laufenden Krieg und ein Grund für die zahlreichen Übergriffe der Truppen vor Ort. Es wäre doch kaum möglich, zivile Wohnviertel zu bombardieren oder Kriegsgefangene zu foltern, würden unabhängige Korrespondenten darüber berichten können.

Die Stellungnahme des von Ihnen erwähnten Militärsprechers ist umso zynischer, als er mit seiner Formulierung einen militärischen Widerstand suggeriert. Tatsache aber ist, dass es im Irak gar kein Militär mehr gibt, denn die Armee wurde zerschlagen. Es gibt nach internationalem Recht also nur noch Zivilisten. Wenn es zu bewaffneten Konfrontationen kommt, dann stehen auf irakischer Seite Zivilisten, die ihre Städte und Häuser verteidigen.

Jetzt verzerren Sie aber das Bild, wenn Sie angesichts eines offenkundig organisierten Widerstandes von Zivilisten sprechen.
Im Gegenteil, wir gehen vom Krieg einer martialisch ausgerüsteten US-Armee gegen die Bevölkerung aus. Wenn unsere Teams in Hospitälern filmen, zeigen sie unter den Opfern viele Kinder, Frauen und ältere Menschen mit Schuss- oder Splitterverletzungen. Ich frage mich, ob das die Männer im wehrfähigen Alter sind, von denen die AP-Meldung spricht.

In einem Streitgespräch hielt Ihnen die CNN-Moderatorin Daryn Kagan unlängst entgegen, es wäre angebrachter, die Methoden des irakischen Widerstandes und nicht ständig Bilder der zivilen Opfer zu zeigen.
Das Beunruhigende daran ist, dass es im Westen nach solchen unglaublichen Äußerungen keinen Aufschrei gibt. Die Menschen dort sollten sich fragen, ob sie das, was im Irak geschieht, in ihrem jeweiligen Heimatland akzeptieren würden.

Wir haben jedoch nichts dagegen, wenn unsere Berichterstattung kritisch befragt wird. Nur, wer stellt die Fragen, wenn die Bewohner von Falludscha, die ihre Häuser und Familien verteidigen, von CNN als Terroristen bezeichnet werden? Wenn diese Iraker Terroristen sind, dann müssen wir wohl eine neue Definition für Terrorismus finden. Ebenso wahnwitzig ist es, sie für die zivilen Opfer verantwortlich zu machen. In den irakischen Städten haben sich Männer organisiert, die in T-Shirts und mit Handfeuerwaffen gegen eine moderne Armee antreten. Diese Leute verfügen weder über Kampfhubschrauber noch lasergesteuerte Raketen, wie sie von den Amerikanern in Moscheen oder Wohnviertel gelenkt werden.

Denken Sie, dass Ihre Berichterstattung in Gefahr ist?
Wenn die Amerikaner uns zwingen, den Irak zu verlassen, werden wir dem nachkommen müssen, aber versuchen, die Berichterstattung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Andererseits können wir nicht ignorieren, dass die USA als Besatzungsmacht die Autorität im Irak innehaben.

Das Gespräch führte Harald Neuber


00:00 14.05.2004

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