Tabula

Linksbündig Blasen die Schlossfreunde zum letzten Gefecht?

Na klar, das war doch abzusehen. Den Riesenerfolg des "Volkspalastes", jene fröhliche Inbesitznahme des bis aufs Rohbaugerüst "sanierten" Palastes der Republik durch die junge kreative Szene, konnten die Befürworter einer Schlossrekonstruktion nicht tatenlos hinnehmen. Mussten sie doch befürchten, dass angesichts wachsender Begeisterung für die Zwischennutzer und ihre respektlosen Umtriebe der Bundestagsbeschluss zum Abriss des DDR-Baus, an einem späten Novemberabend 2003 als Dringlichkeitsvorlage durchgepaukt, an Autorität und Bindungskraft verlieren könnte. Dabei verführt provinzieller Biedersinn wieder mal zur Verkennung der Lage: Längst richtet sich nämlich internationale Neugier auf diesen prominenten Ort inmitten der neudeutschen Hauptstadt, an dem - wer hätte das gedacht! - republikanische Tugenden offenbar noch was gelten: Ein Hoch auf die Insubordination! Kunst- und Architekturexperten von Weltrang hatten auf einer extra einberufenen Konferenz befunden, dass es sich bei dem imposanten Stahlgerüst nicht mehr um ein Gebäude im eigentlichen Sinn handele, sondern "um einen Raum für Möglichkeiten und Aktivitäten, die wir heute noch gar nicht definieren können, die aber einen dritten Weg eröffnen zur Weiterentwicklung des Berliner Zentrums und darüber hinaus. Dieses Potenzial", so der abschließende Rat der Gäste aus Wien, Paris, New York und Shanghai, "gilt es zu bewahren: das Gebäude als zu erforschende Landschaft und öffentliche Domäne ..."

Öffentlichkeit! Da ist sie, die Bastion, zu deren Schleifung jetzt angesetzt wird. Jüngst bekannt gewordene Pläne aus dem Bundesbauministerium versuchen ohne Umschweife, einen Wiederaufbau des Schlosses durch private Investoren zu lancieren. Das ist ein grober Affront gegen alle, die eine unkündbar öffentliche Widmung und Nutzung des historisch unvergleichlichen Ortes fordern. In Gestalt eines "Humboldt-Forums", also als Stätte öffentlich-kultureller Institutionen wie Museum oder Bibliothek, ließe sich eine Schlossreplik als rein private Investition allerdings niemals refinanzieren. Solche Modelle machen wirtschaftlich nur Sinn als Büroburg, Entertainment-Center oder Shopping-Mall.

In einem beispiellosen Akt stadtbürgerlichen Engagements hat im vergangenen Herbst eine ganze Generation neuer urbaner Akteure sich in die Debatte geworfen. Doch der in lustvoller Selbstausbeutung errungene Erfolg scheint ein Pyrrhussieg: Aus allen Sphären von Legislative wie Exekutive tönt ihnen nichts als ein autoritäres "Schluss jetzt!" entgegen. Noch so eine Saison mit von Mal zu Mal steigenden Besucherrekorden für die quicklebendige "Schreckensruine" wollen deren Verächter sich nicht bieten lassen. Während in den Feuilletons noch die Gerüchteküche brodelt, wird aus den Kulissen der Verwaltung bereits heftige Betriebsamkeit vermeldet. Mit alsbaldigem Vollzug ist zu rechnen.

So steht es in Berlin um die Zukunftsfähigkeit: Nicht einmal nach dem faktischen Ende jeder öffentlichen Zahlungsfähigkeit bekommt produktive Phantasie eine Chance. Lieber werden für Abrisse neue Schulden gemacht. Doch welche Optionen verbleiben eigentlich in der gegenwärtigen Konfusion? Zum einen dauerhaft leere Brachen beiderseits der Spree, für die man eine Aufforstung à la Central Park nachgerade herbeisehnen muss. Anderenfalls die endgültige Privatisierung der Mitte durch eine leichenblasse Historienkulisse für banalsten Kommerz, dazu die Vertröstung der "leider diesmal nicht zum Zuge gekommenen" Kulturträger - Museum und Bibliothek - auf ein nebulöses "Irgendwann" am anderen Ufer, wo man auch nur mit der Beseitigung des wenig geliebten Denkmalforums für Marx und Engels rechnen darf, alles andere ist eher ungewiss. Aber halt - war da nicht noch die heimliche Hoffnung von Senatsbaudirektor Stimmann, die vorsorglich planierte Tabula rasa getreu seinem Planwerk Innenstadt mit so genannten Townhouses neu aufzusiedeln, für angeblich Schlange stehende Millionäre ein neues "Poststraßen-Viertel" bis hinüber zu Marienkirche und Fernsehturm?

Die verbissene Abräumwut, mit der in Berlins Zentrum Fakten geschaffen werden sollen, wirkt gespenstisch. Solche Symbolhandlungen jenseits aller Bedürftigkeit haben mit rationaler Planung, mit ökonomischen oder gar ökologischen Überlegungen zur Stadtentwicklung nichts zu tun. Hauptsache, erst mal weg - nach dem Motto werden Entscheidungen durchgedrückt, ohne nach den Folgen zu fragen. Was sich hier austobt, ist blanke Ideologie.


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00:00 11.02.2005

Ausgabe 38/2020

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