Tabus

Eine Frage der Definition Wer ist eigentlich ein Antisemit?

Man muss die Debatten schüren, wo sie sich zeigen. Das ist besser, als sie zu erfinden. Dass Thomas Rothschild mit seinem Aufsatz "Es gibt kein richtiges Argument im falschen" in ein Diskurs-Wespennest gegriffen hat, zeigen die vielen Leserbriefe, die den Freitag dazu erreicht haben. Die Frage nach dem Antisemitismus rumort stärker im Untergrund als man annehmen sollte. Wir dokumentieren deshalb - leicht gekürzt - weitere Wortmeldungen.

Ist Kritik an Israel in Deutschland ein Tabu? Die einen sagen ja, die anderen sagen nein. Und das nun seit Wochen. Sie können sich nicht einigen. Klar: weil sie von Verschiedenem reden. Keiner macht sich die Mühe, zu definieren, wovon er spricht.
Wenn mit Tabu ein Gegenstand gemeint ist, dessen Erwähnung geahndet wird, dann ist die Kritik an Israel ein Tabu, wie es noch vor kurzem die kindliche Sexualität war. Wer in Deutschland Israel kritisiert, wird gerügt. Wer zum Beispiel zu Recht empört ist über Vergleiche Israels mit Nazideutschland, ergänzt deren Zurückweisung nicht etwa durch einen Vergleich mit anderen aggressiven Kolonialmächten, sondern verbietet sich und anderen in einem Aufwaschen jegliche Kritik an Israel. Ihm kommt gar nicht erst die Frage in den Sinn, welchen Anlass Palästinenser haben sollten, Teilungsbeschlüsse der ehemaligen Kolonialherren zugunsten neuer Kolonialherren, die nicht von ihnen, sondern von Deutschen und zuvor schon von Russen und Polen vertrieben worden waren, zu akzeptieren.
Wenn mit Tabu ein Gegenstand gemeint ist, der nicht erwähnt wird, dann ist die Kritik an Israel kein Tabu, wie es auch die kindliche Sexualität nicht war. Israel wird tatsächlich kritisiert, wenngleich - siehe oben - um den Preis einer voraussehbaren Rüge.
Gibt es also ein Tabu? Das ist eine Frage der Definition. Warum, wenn es kein Tabu gäbe, würde einem Juden, der Israel oder andere Juden kritisiert, von jungen Deutschen, die mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatten, immer wieder erklärt: "Ja du kannst so etwas sagen..." Wenn es denn dieses Tabu objektiv - also im Sinne von Sanktionen bei seiner Missachtung - nicht gibt, so wird es immerhin offenbar von vielen respektiert. Und das kommt aufs Gleiche raus. Tabus werden in der Regel nicht dekretiert. Sie beruhen auf einem gesellschaftlichen Konsens. Man erkennt sie als Tabus, wenn sie gebrochen werden.
Gibt es in Deutschland Antisemitismus? Die einen sagen ja, die anderen sagen nein. Und das nun seit Wochen. Sie können sich nicht einigen. Klar: weil sie von Verschiedenem reden. Keiner macht sich die Mühe, zu definieren, wovon er spricht.
Wenn mit Antisemitismus gemeint ist, dass Juden anders betrachtet und behandelt werden als andere, dann gibt es Antisemitismus in Deutschland. Wenn als Antisemitismus gewertet werden kann, dass es Verwunderung und Diskussionen auslöst, wenn ein Jude für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert, dann gibt es Antisemitismus. Wenn Väter, die ihre Töchter lieber nicht mit einem Juden verheiratet sähen, antisemitisch sind, dann gibt es Antisemitismus.
Wenn Antisemitismus bedeutet, dass die Tötung oder auch nur die Ausweisung von Juden befürwortet, gebilligt, geduldet wird, dann gibt es in Deutschland keinen nennenswerten Antisemitismus. Das ist kein konstruiertes Denkspiel. Immerhin hat es genau diesen Antisemitismus vor sechzig Jahren in Deutschland gegeben, immerhin gab es ihn seit hundert Jahren immer wieder in Russland, immerhin gibt es eine nicht unbeträchtliche Zahl von Deutschen, die die Ausweisung von Türken befürwortet und die mörderischen Angriffe auf deren Wohnungen hingenommen hat.
Walter Mossmann hat kürzlich in der Badischen Zeitung auf jene von Benjamin Geissler entdeckten Fresken von Bruno Schulz im ukrainischen Drohobycz hingewiesen, von denen ein Mitarbeiter des Dokumentationszentrums Yad Vashem einen Teil unter Umgehung der geltenden Gesetze aus der Ukraine nach Israel geschmuggelt hat - ein Umstand übrigens, der auch von Juden innerhalb und außerhalb der Ukraine kritisiert wurde. Ist nun ein Antisemit, wer den Mitarbeiter von Yad Vashem als das bezeichnet, was er ist, nämlich ein Dieb? Oder ist ein Antisemit, wer behauptet, Israel sei der legitime Erbe der ermordeten europäischen Juden und deren Nachfahren in der Ukraine hätten keinen Anspruch auf eine eigene Geschichte, die sich unter anderem in den Fresken des Bruno Schulz dokumentiert? Sind die verwahrlosten jüdischen Friedhöfe in Europa, sind die niemals bestraften Kollaborateure der Nazimörder in der Ukraine und anderswo ein hinreichender Grund, um mit ihnen zugleich die ukrainischen Juden - ein weiteres Mal - zu enteignen? Wäre antieuropäisch, wer die Entführung aller von den Nachfahren von Einwanderern in die USA produzierten Kunstwerke nach Europa kritisierte?
Man sollte endlich anfangen, zu definieren, wovon man redet, ehe man pauschale und apodiktische Urteile abgibt. Das gilt auch bei der Berufung auf Umfragen. Gewiss wäre es schön, wenn es einen wie immer definierten Antisemitismus nicht gäbe. Aber so ist die Welt nun mal nicht beschaffen. Bis sie es ist, macht es schon einen gewaltigen Unterschied, ob jemand Juden nicht mag, ob er ein unangenehmes Gefühl hat, wenn er ihnen die Hand gibt, oder ob er bedauert, dass es mit der Endlösung nicht ganz geklappt hat. Je nachdem, wie man Antisemitismus definiert, ist er - so bedauerlich und moralisch verwerflich er in jedem Falle sein mag - erträglich oder kriminell und daher mit allen Mitteln zu verfolgen. Undifferenziertes Dahergerede nützt niemandem, außer vielleicht den Medien, die damit ihre Seiten und Sendungen füllen.

Antworten auf Thomas Rothschild



Positionen

Ich finde es richtig, zu sagen, dass die Vertreter des Zentralrates sich nicht zur Politik Israels äußern müssen...Allerdings bin ich nicht damit einverstanden, sich dazu nicht zu äußern, wenn die Mehrheit der deutschen aber auch europäischen Presse eine anti-israelische Haltung einnimmt. Oft genug steckt dahinter nicht die "linke" Sympathie für die "Kleinen" und "Schwachen", sondern in der Verpackung einer humanen Haltung eine versteckte antisemitische Position. Es geht schon lange nicht um Fakten, es geht nicht um ein klareres Bild der Situation im Nahen Osten. Es geht um Fronten und Positionen...Wenn hier allzu schnell heutige Konfliktsituationen mit "Nazis" und "KZs" verglichen werden, ist das eine Art psychische Entlastung für ein Volk, dem man die Verbrechen des zweiten Weltkrieges niemals verzeihen wird. Der Versuch, vor allem die Israelis auf die gleiche Stufe zu stellen, hat in meinen Augen diese Funktion....
Ich finde es ebenfalls richtig, sich zu fragen, wie ein Premierminister Scharon, der vor dem israelischen Hohen Gericht stand und von einer Regierungskommission nach dem Libanonkrieg mit einem "Verbot" belegt wurde, jemals Außenminister werden zu können, dieses Land an der Spitze regieren darf. Was mich jedoch unermesslich ärgert an Thomas Rotschilds Artikel ist die fehlende Beschreibung der arabischen Seite und ihrer Rolle im Konflikt. Was fehlt, sind Fakten und Argumente, die die Gründung des Staates Israel nicht nur auf Terrorakte zurückführt, sondern auf Verteidigung und Kampf gegen den arabischen Terror von Anfang an. Verkauf des Bodens durch Palästinenser an Zionisten für gutes Geld und kein Gedanke an friedliche Koexistenz mit den Einwanderern aus Europa nach Gründung des Staates Israel: Ein 50 Jahre am Brodeln gehaltener Konflikt, Menschenelend in Flüchtlingslagern, Kriege, die nicht nur auf den Konflikt Israel-Palästinenser zurückgehen, sondern auf die Arabische Liga und arabische Nachbarn, die nichts mit den Problemen ihrer Brüder und Schwestern zu tun haben wollten... Auch im Kalten Krieg gab es genau aufgeteilte Positionen: Amerika und ihre Solidarpartner, Sowjetunion und die ihren. Terrorcamps, Waffen und Menschenmaterial wurden mobilisiert, um die Palästinenser in ihrem Unabhängigkeitskampf zu unterstützen. Fazit: die israelische Olympiamannschaft wird mitten in München im Camp überfallen und ermordet. Flugzeugentführungen folgen, die seit den 70er Jahren die Welt in Atem halten...Es ist viel zu einfach dargestellt und ideologisch gefärbt, was ich da lese.
Lidia Drozdzynski

Falle


Seit den zwölf Jahren, in denen wir Deutsche durch Mitwirkung bei den Judenprogromen und an industrieller Menschenvernichtung, durch Wegschauen, Bagatellisieren, Nichtrechtzeitigeingreifen unsere humane Würde eingebüßt und sie nur sehr mühsam, nicht immer ehrlich, auf jeden Fall nur partiell zurückgewonnen haben, haben wir die größte Mühe, den Juden ehrliche Wiedergutmachung zu leisten. Materiell ist das bis zu einem gewissen Grade geschehen, aber das ist nur als Ausdruck von Hilflosigkeit verzeihlich. Vermutlich aber liegt die höchste Hürde in dem verführerisch commoden Weg des Philosemitismus.
Warum ist es unvermeidlich, den Philosemitismus unter Verdacht zu stellen? Philo-Semitismus unterstellt - dem Anti-Semitismus kongruent - einen Ismus des Semitentums, das heißt den generalisierbaren Charakter eines ausgewählten Segments der Menschheit.. Philo- ebenso wie Anti-Semitismus setzen also das typisch Jüdische voraus, mit dem Effekt, jeden einzelnen Juden individuell darin einzusperren. Dieses fingierte Kollektiv wird in der Variante des Philosemitismus als prinzipiell liebenswert erklärt. Trotzdem existiert hier der Philosemitismus allein als Gegenbegriff zum Antisemitismus und hat schon deshalb mit Menschenliebe gar nichts zu tun ...
Wenn ich alles, was jüdisch ist oder als solches bezeichnet wird, ohne Umstände lobe, rechtfertige, bewundere, dann beteuere ich auf verräterische Weise meine insgeheime Abneigung gegen diese herausgestellte Mentalität und ihr Charakterpotential, das ich allerdings nicht verabscheuen darf, weil es mir Nachteile einbringt, Nachteile auch vor dem Spiegel meines Gewissens, freudianisch: meines Über-Ich. Jüdisches zu kritisieren, Israelisches, Zionistisches wird zum Tabu. Ein verinnerlichtes Tabu, das sich nicht aufsprengen lässt, befreit sich aber oft in einem Hassausbruch.
Die Israelis, aber auch die Juden in Deutschland werden in eine Illusion verstrickt. Sie nähren nur, wie der Zentralrat es gegenwärtig tut, ihre latenten Ängste, wenn sie philosemitische Heuchelei, die sie leider als solche nicht durchschauen, einfordern, und gefährden das Tabu, auf das sie ein gutes Recht haben, besonders dann, wenn sie es auf die gegenwärtige Politik Sharons ausdehnen....Was wir brauchen, wozu aber offenbar auf allen Seiten der Mut fehlt, ist ein rückhaltlos offenes Gespräch. Nur so können seit je Menschen sich im anderen erkennen. Dazu gehört dann auch eine Kritik, die die Möglichkeit des eigenen Irrtums mit einbezieht.
Peter Gronau
00:00 21.06.2002

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