Tag des Propheten

1963 Vor 50 Jahren kamen 250.000 Menschen in Washington zusammen. Dabei forderte die Sängerin Mahalia Jackson den Redner auf: „Erzähle ihnen von deinem Traum, Martin“
Konrad Ege | Ausgabe 34/2013 3
Tag des Propheten

Foto: AFP

Progressive in den USA haben oft Schwierigkeiten mit dem Patriotismus, dem Fahnenschwenken und dem Mythos vom vermeintlich einzigartigen amerikanischen Traum. Der afroamerikanische Prediger, Bürgerrechtsführer und spätere Friedensnobelpreisträger Martin Luther King hatte Anfang der sechziger Jahre keine solchen Berührungsängste. Er berief sich auf einen solchen Traum. Vor 50 Jahren an einem heißen Sommertag hielt King in Washington seine ikonische „I have a Dream“-Rede vor mehr als 250.000 Menschen beim „March on Washington“, einer Kundgebung für Jobs und Freiheit. Er habe einen Traum, sagte King, einen Traum von einem Amerika der Gleichberechtigung für alle. Er träume, so die wohl am häufigsten zitierte Sequenz, seine vier Kinder würden einmal „in einer Nation leben, in der man sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt“.

Sein Traum sei tief verwurzelt im amerikanischen Traum, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“. Es sei an der Zeit, „die Versprechen der Demokratie zu verwirklichen“, so King an diesem 28. August 1963. Die Kundgebung wollte den Schuldschein der Gründerväter einlösen, „dass allen Menschen ... die unveräußerlichen Rechte von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück garantiert sind“. Eine radikale Forderung, erhoben von einem schwarzen Mann. Im Süden der Nation herrschte damals brutale Apartheid, die im Wesentlichen toleriert oder zumindest hingenommen wurde vom weißen Amerika. Die Machtstruktur im Süden, überwiegend Produkt der Demokratischen Partei, wehrte sich mit allen Mitteln gegen eine wachsende schwarze Bürgerrechtsbewegung, die das Wahlrecht und eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben verlangte. Im Juni 1963 war in Jackson (Mississippi) der Bürgerrechtsaktivist Medgar Evers erschossen worden (aber erst 1994 sprach man den lange bekannten weißen Mörder schuldig). In Alabama hetzte die Polizei Hunde auf schwarze Demonstranten. Präsident John F. Kennedy war unruhig: Diese Bilder passten nicht zum Image der USA, das er in einer Welt des Kalten Krieges verbreiten wollte. Das Land stecke in einer „moralischen Krise“, warnte Kennedy bei einer Fernsehansprache und war auch deshalb beunruhigt, weil er die junge Graswurzelbewegung nicht kontrollieren konnte. Das störte besonders FBI-Direktor Edgar Hoover, ein Mann mit vielen Akten über Politiker in seinen Geheimschränken. Hoover warnte vor kommunistischem Einfluss.

Unter Verdacht

Ganz falsch lag der langlebige Direktor mit dem langen Gedächtnis nicht: Schon in den dreißiger Jahren – Hoover führte bereits das FBI – waren in der Kommunistischen Partei Schwarze und Weiße aktiv. Bei der Präsidentenwahl 1932 kandidierte der Afroamerikaner James Ford auf dem KP-Ticket für die Vizepräsidentschaft. Auf Anweisung Moskaus sollten die Schwarzen verführt werden, schrieb Hoover in seinem Bestseller Masters of Deceit (Meister der Täuschung). Allerdings waren nach 1960 KP-Mitglieder in der Bürgerrechtsbewegung eher rar. Nach den McCarthy-Bespitzelungen und Festnahmen ein gutes Jahrzehnt zuvor, erst recht nach der vermeintliche Gewissheiten erschütternden Geheimrede Nikita Chruschtschows von 1956 gegen Stalin waren nicht viele Kommunisten übrig geblieben in den USA. Doch zu Propagandazwecken reichte die Warnung vor dem Kommunismus allemal; sie reichte auch für Kennedys Okay zu FBI-Lauschangriffen. Wenige Wochen vor der Kundgebung in Washington ließ der Präsident Telefone von Bürgerrechtsaktivisten anzapfen. Ab Oktober 1963, so der Historiker David Garrow, wurde auf Kennedys Order hin auch Martin Luther King abgehört.

Der Marsch auf Washington kam zustande, weil rivalisierende Bürgerrechtsverbände kooperierten: der Congress of Racial Equality (CORE), Martin Luther Kings Southern Christian Leadership Conference (SCLC), das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), die Gewerkschaft Brotherhood of Sleeping Car Porters, die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) und die National Urban League. Die beiden letzten Verbände gingen sonst auf Distanz zu militanten Sit-ins und Meetings. An die 2.000 Busse und mehr als 20 Sonderzüge rollten in Richtung US-Kapitale. Das weiße Washington war aufgeregt. In der Fernsehtalkshow Meet the Press wurde gewarnt, es sei doch wohl schwierig, „mehr als 100.000 militante Schwarze ohne Vorfälle und Unruhen“ nach Washington zu bringen. Tausende Soldaten waren in Alarmbereitschaft. Martin Luther Kings Rede wurde im Fernsehen übertragen. Das erste Mal, dass viele Weiße einem schwarzen Aktivisten zuhörten. Er sprach 17 Minuten lang.

Die „I have a Dream“-Passage war so gar nicht geplant, schrieb Kings Biograf Taylor Branch. Der Prediger habe sich von seinem Manuskript gelöst und sich an den Emotionen der Zuhörer orientiert. Die Gospelsängerin Mahalia Jackson habe ihm zugerufen, „erzähle ihnen von deinem Traum, Martin“. Und King sprach vom Traum eines gerechten Amerika, wie er das schon in manchen Predigten getan hatte. John F. Kennedy sei beeindruckt gewesen. Er empfing die Veranstaltungsredner nach der Kundgebung. Es sei eine „demagogische Ansprache“ gewesen, urteilte hingegen ein FBI-Memorandum. Cartha DeLoach, die Nummer drei in der FBI-Hierarchie, vermerkt in seinen Memoiren: Von da an sei King „kein regionaler Schwarzen-Führer mehr gewesen“. Er habe „eine beträchtliche Anzahl von Amerikanern begeistert, weiße und schwarze“. Heutige Erinnerungen an den „March on Washington“ klingen oft verharmlosend. In den Hintergrund gedrängt werden die ökonomischen Forderungen der Demonstranten. Sie wollten ein massives Konjunkturprogramm für die Arbeitslosen, schwarz und weiß, einen garantierten Mindestlohn von zwei Dollar pro Stunde. Auch das war Teil von Kings Traum: Schwarze würden nicht mehr „auf einer einsamen Insel der Armut in der Mitte eines weiten, weiten Ozeans des materiellen Wohlstandes“ existieren.

Prophet der Demokratie

Inzwischen gibt es einen King-Nationalfeiertag und ein Martin-Luther-King-Denkmal auf der Museumsmeile in Washington, finanziert durch Privatspenden und von Goldman Sachs, Bank of America, Exxon-Mobil, BP, General Motors und anderen Konzernen. Dabei hat Martin Luther King nach 1963 seine Kritik an der wirtschaftlichen Ungleichheit verschärft. 1967 sprach er vom „dreifachen Übel“: Rassismus, wirtschaftliche Ausbeutung und Krieg. Man müsse den Kapitalismus hinterfragen. Vom Kommunismus hat King sich allerdings ausdrücklich distanziert. Der Kommunismus vergesse die Bedeutung des Individuums und der Gemeinschaft.

Taylor Branch vertrat jüngst in einem Fernsehinterview die Auffassung, die Kundgebung und die „I have a Dream“-Rede würden sträflich unterschätzt. King sei ein „Prophet der Demokratie“ gewesen, der Bürger zum gewaltlosen Kampf für ihre Rechte führte. Die Bürgerrechtsbewegung habe allen Amerikanern „das Tor zur Freiheit“ geöffnet. Afroamerikaner hätten gezeigt, wie rechtlose Menschen eine Bewegung auf die Beine stellen und die nationale Führung zum Handeln zwingen konnten. Das habe nachfolgende Bewegungen inspiriert, von der Frauen- bis zur Schwulen-Bewegung.

Martin Luther King war bei seinem Auftritt Ende August 1963 34 Jahre alt. Ein Jahr danach unterzeichnete Präsident Lyndon B. Johnson ein weitreichendes Bürgerrechtsgesetz (Kennedy war im November 1963 einem Attentat zum Opfer gefallen). 1968 wurde Martin Luther King in Memphis von dem weißen Rassisten James Earl Ray erschossen. Auch um daran zu erinnern, will Barack Obama Ende August an einer Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Rede Martin Luther Kings teilnehmen. Man kann sich vorstellen, was der zum Drohnen-Krieg seines Nobelpreiskollegen sagen würde.

Konrad Ege schrieb hier zuletzt über den Prozess gegen Ethel und Julius Rosenberg

06:00 28.08.2013

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