Tage des Vollbarts

Räterepublik Traum oder Märchen? Zwei Bücher über die Münchner Revolution 1918/1919

Man stelle sich vor, Kaiserin Merkel hätte abdanken müssen und es übernähmen neben Sahra Wagenknecht, Claudia Roth und Andrea „Fresse“ Nahles, um einem Putsch der AfD zuvorzukommen, selbsterwiesenermaßen engagierte Autoren Macht und Ministerien – sagen wir Eva Menasse und Juli Zeh, Dietmar Dath, Rainer Merkel und Ulrich Peltzer etwa. Wie auch immer, die Bartquote wäre wesentlich geringer, dafür die Frauenquote entschieden höher als vor 99 Jahren bei der Münchner Räterepublik. Nun muss man gar nicht blödeln, sondern könnte auch an 1989 denken. Was der dann doch friedlichen Umstände wegen halbwegs gut ausging, hatte vor bald hundert Jahren in der aufgeheizten Atmosphäre von feindseligsten Polarisierungen keine Chance. So nimmt nicht Wunder, dass im Unterstrom der allgemeinen Wahrnehmung das gescheiterte Experiment der Räterepublik fortan als Werk von gefährlichen Spinnern, verantwortungslosen Revoluzzern und bösartigen Juden galt. Dazu bedurfte es nicht erst der Nazis, ein „Hanswurst“ wurde etwa Erich Mühsam in der Hugenberg-Presse genannt.

Thomas Mann ist entzückt

„Proletarier! Haltet Frieden miteinander! Es gibt nur einen gemeinsamen Feind: die Reaktion, den Kapitalismus, die Ausbeutung und Bevorrechtung! Gegen diesen Feind müssen alle Kämpfer für Freiheit und Sozialismus geschlossen zusammenstehen. An die Arbeit! Jeder auf seinen Posten! Es lebe das freie bayerische Volk! Es lebe die Räterepublik!“ – So hat Mühsam selbst einen seiner Aufrufe 1929 in seinen Erinnerungen an die bayerische Räterepublik wiedergegeben. Durchaus selbstkritisch: „Genossen! Nehmt diese Aufklärung in dem Geist auf, in dem sie Euch vorgelegt wird. Es spricht ein Mann zu Euch, der sich schuldig weiß, taktische Fehler gemacht zu haben, dem aber sein reines Gewissen erlaubt, seine eigene Teilnahme an der Geschichte der bayerischen Räterepublik in voller Offenheit vor Euch auszubreiten.“

Wie es damals war, als Dichter und Pamphletisten die Macht übernahmen, wenngleich nur für 175 Tage, bekommen wir in zwei Büchern erzählt, die – wie inzwischen üblich – dem Centenarjubiläum um ein Jahr vorauseilen. Für Ralf Höller ein Wintermärchen, für Volker Weidermann das Werk einiger Träumer.

Freilich begnügen beide sich nicht damit, nur die Akteure wiederzubeleben – Kurt Eisner, Gustav Landauer, Max Levien, Eugen Leviné, Ret Marut, Erich Mühsam oder Ernst Toller – , sie interessieren sich auch für die Zeugnisse von Randfiguren oder begeisterten, schwankenden, ablehnenden Zeitgenossen: Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Victor Klemperer, Annette Kolb, Rilke, Thomas Mann ...

Versuchen wir, ein wenig zu raffen – im Duktus der beiden Bücher: Ausgerechnet im bodenständigen Bayern, im selbstgefälligen München, spielt die „Fremdenlegion“ der Boheme Revolution, einstweilen noch zur Belustigung der Bürger. Oder bei deren Desinteresse: „Wally, an Schweinshaxn!“, notiert Oskar Maria Graf in einer Kneipe kaum hundert Meter vom Ort des Umsturzes. Zudem sind die anarchistischen und pazifistischen Universaldilettanten gleich anfangs untereinander verkracht. Rilke möchte eine Revolution, aber harmonisch und ausgewogen, nicht das Gezänk zwischen Max Weber und Erich Mühsam. Ernst Toller ruft: „Wacht auf! Wacht auf!“ Schriftstellerkollege Gustav Regler hält ihn für einen „Orakelpriester“. Thomas Mann ist über Tollers Erscheinung entzückt. Doch erst einmal wird weiter aufgerufen, diskutiert, etwa über die Sozialisierung. Leider lässt sich in der Realität die Kriegs- nicht gleich auf Friedenswirtschaft umstellen. Graf wird von der Bühne gepfiffen, weil er arg unkonzentriert gegen Gewalt redet, die bis dato in Bayern noch nicht so recht stattgefunden hat. Alle fürchten sie den Bürgerkrieg. Mühsam bringt den einen Schritt voran, indem er eine radikale Splittergruppe bildet und Landtagswahlen verhindern will, indem er einige Zeitungsredaktionen besetzen lässt. Rilke sieht „politischen Dilettantismus“ und zieht sich gänzlich zurück. Arbeiter demonstrieren gegen die Regierung Eisner. Die Berliner Morde an Liebknecht und Luxemburg polarisieren auch München. Putschversuch, erste Tote. Eisner wird ermordet. Die Situation eskaliert. Die Räte werden kaltgestellt. Die Revoluzzer fühlen sich von den Mehrheitssozis düpiert. Landauer erklärt die Partei zum „ekelhaftesten Lebewesen“ der ganzen Naturgeschichte. Statt Mühsam wird Franz Lipp Volksbeauftragter fürs Außen, auch er ein Vollbartler, aber recht dubios. Silvio Gesell, „Erfinder“ des Schwundgeldes, wird ebenfalls einer. Keiner der neuen Volksbeauftragten gehört der SPD an. Rilke sieht ein böses Ende voraus. Mühsam wird vom Militär festgenommen. Toller nicht. Bayern hat drei Regierungen, eine in Bamberg, zwei in München. Das ist nicht förderlich. Nun ist es Ostern, weiß von Schnee. Weiße Gewalt, rote Gewalt. Toller, der Pazifist, soll die Rote Armee führen. „Oana muß sein Kohlrabi herhalten, sonst gibt’s an Saustall.“ Der Bürgerkrieg ist da. Militär und Reaktion obsiegen. Es beginnt die gnadenlose Abrechnung mit den Träumern …

Hübsch im Regal

In beiden Büchern wirkt ganz offenkundig das Verfahren, mit dem Florian Illies sein 1913 zum Welterfolg machte. Welches nun der beiden ist mehr zu empfehlen? Höller ist nüchterner, neutraler, geht entlang der politischen Linien und Ereignisse, die er gut konturiert, hat zudem ein Personeninventar. Weidermann ist bei den Literaten „breiter aufgestellt“, bietet mehr Personal und dafür weniger Politik, ist eleganter, süffiger. Damit es einem nicht ergehe wie Buridans Esel, lese man einfach beide, Kapitel für Kapitel abwechselnd. So bekommt man eine schöne Melange aus Variation und Wiederholung. Oder man entscheide materialistisch: Höllers Buch ist eher auf Verbrauch angelegt, hat dafür einen Fototeil und kostet 20 Euro, Weidermanns macht sich gut für Teatable oder Regal und kostet dafür zwei Euro mehr.

Info

Das Wintermärchen. Schriftsteller erzählen die bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik 1918/1919 Ralf Höller Edition Tiamat 2017, 320 S., 20 €

Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen Volker Weidermann Kiepenheuer & Witsch 2017, 228 S., 20 €

06:00 27.01.2018

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