Tage und Nächte einer Chirurgin

Porträt Der Versuch, eine Klinikärztin zu verstehen

Im Treppenhaus sitzt auf den unteren Stufen ein kleines Mädchen neben einer Reisetasche. Helle Haare, helle Augen, das Kind guckt hoch und erklärt: Mich holt gleich mein Pappi ab. Da kommt die Mutter dazu, auch hell, beweglich wie eine Turnerin ist sie die Treppen runtergesprungen, grüßt eilig, greift die Tasche, nimmt die Kinderhand, entschwindet. Vier Jahre alt ist die Kleine, rekonstruiere ich später. Denn unsere Begegnungen bleiben noch lange Zeit so flüchtig wie diese erste. Das Mädchen wächst, es bekommt ein eigenes Fahrrad, das steht manchmal im Hof neben meinem. Es gibt kurze, zutrauliche Wortwechsel, begleitet von ihren prüfenden Blicken.

Solveig heiße sie, den Namen wiederholt sie fünf Mal, bis ich ihn richtig ausspreche: Solvej. Die eilige Mutter sei Ärztin, das hat jemand im Haus aufgeschnappt und erzählt es ohne Gewissheit. Sie wohnt mit der Tochter in der Wohnung unter mir. Das Haus ist hellhörig. Manchmal tönen von unten Lachen, Rumoren und Rennen herauf. Die beiden hören durch die Zimmerdecke meine Schritte.

Selbst die Knochen haben ihre Dynamik

Einmal klingelt es, vor der Tür steht Solveig: "Wenn du heute zu Hause bleibst, habe ich keine Angst, unten allein zu sein. Mammi hat Rufbereitschaft und muss gleich weg. Ich weiß ja, dass du da bist."

Das inzwischen siebenjährige Mädchen hat an diesem Abend keine große Lust, bei einer Freundin zu übernachten, wie sie es in diesen Situationen sonst gern tut. Kaum ist die Mutter aufgebrochen, kommt sie und hat eine CD mit der Zauberflöte dabei, wir stehen mitten im Zimmer, und sie erklärt mir: Das ist Papageno, der gibt immer an, ist aber ganz ängstlich. Das ist die Königin der Nacht, sie ist eifersüchtig. Irgendwann schläft Solveig auf der Couch ein.

Von diesem Tag an sehen wir uns oft und allmählich entsteht die Geschichte von Dorothee L., die als Chirurgin in der Rettungsstation eines der kleineren kommunalen Krankenhäuser in Berlin arbeitet und als allein erziehende Mutter ihren Alltag kunstvoll managt.

Sie stammt aus der Gegend von Aachen und hat sich nach dem Medizinstudium bei der fachärztlichen Ausbildung für Chirurgie entschieden. Im Grunde aus Eigensinn, weil es immer hieß, das sei nichts für Frauen. Dann gerade, fand sie, und betrat die Männerdomäne. Es gab einen zweiten, sicher wichtigeren Grund: Sie plante, nach Afrika zu gehen. Als Chirurgin war sie, verglichen mit anderen Helfern, von Sprache ziemlich unabhängig.

Ende der achtziger Jahre ist es so weit, mit ihrem Partner arbeitet sie in einer Klinik in Simbabwe. Damals, ein Jahrzehnt nach der Unabhängigkeit, wird die medizinische Versorgung der Bevölkerung mit großem Einsatz organisiert, ein viel versprechender Anfang, und sie kann sich beteiligen. Diese Zeit gehört zu ihren schönsten Erfahrungen.

Die Sympathie für Afrika hat sie auch auf Solveig übertragen. Das Kind ist von satt bedruckten Vorhängen, farbigen Körben, Steinen, Fotobüchern umgeben. Mutter und Tochter veranstalten oft Lesestunden, Dorothee liest vor, das kann einen ganzen Sonntag dauern. Sie bewegen sich dann mit roten Backen und glasigen Augen in fremden Welten und haben auch den schwarzen Kontinent schon durchstreift. Darf in der Schule ein Projekt frei gewählt werden, fällt Solveig gleich ein afrikanisches Thema ein.

Seit die Tochter da ist, hat Dorothee auf einen erneuten Einsatz in Afrika verzichtet. In ihrer Klinik arbeitet sie mit reduzierter Stundenzahl in der Rettungsstation. Irgendwann beginnt sie eine Zusatzausbildung in Akupunktur, die jahrelang viele Wochenenden in Anspruch nimmt. Danach stößt sie auf eine Obdachlosensprechstunde, an der sich mehrere Ärzte unentgeltlich beteiligen, und macht dort Ohr-Akupunkturen.

Die chinesische Medizin hat auch Einfluss auf ihre Arbeit in der Klinik, weil sich dadurch ihre Sicht auf Menschen verändert. Es gibt für sie nichts Statisches mehr, selbst die Knochen haben ihre Dynamik. Wenn die Patienten - verletzt oder mit Schmerzen unbekannter Ursache - zu ihr kommen, gelingt es ihr immer besser, rasch einen Kontakt herzustellen. "Wenn du zuhören kannst, sagen dir die Leute eigentlich alles, was du wissen musst." Sie fand es stets wichtig, ihren Patienten eine gewisse Perspektive zu bieten, ihre Eigenkräfte zu wecken, sie nicht nur zu reparieren, sondern ihnen von Anfang an zu zeigen, wo sie nach der OP selbst weiter arbeiten müssen und können. "Ich gebe viele kostenlose Ratschläge", sagt sie lachend.

Überhaupt mag sie ihre Station, sie kommt da mit den unterschiedlichsten Menschen in Berührung. Und in manchen Nächten, wenn die Zeit dafür reicht, erfährt sie die erstaunlichsten Geschichten. Dennoch sind ihr Nachtschichten ein Gräuel, immer geht sie mit der Hoffnung hin: nur heute kein Drama. Der Schlafmangel sei anstrengend, alle seien weniger leistungsfähig, sagt sie. Übrigens ist die Zulage für Nachtarbeit ganz gering.

Von den Bädern bis zu den Kliniken

So viel ich auch über ihren Alltag und ihre Geschichte im Lauf der Zeit gehört oder gesehen habe, so dunkel blieb mir doch die Situation der Ärzte. Dorothee muss sich abmühen, sie mir zu erklären. Erst jetzt begreife ich, was es mit den viel besprochenen Bereitschaftsdiensten auf sich hat: Sie fallen nicht unter das Arbeitszeitgesetz, gehören nicht zur gesetzlichen Regelarbeitszeit von 38,5 Stunden. Ärzte dürfen sie zusätzlich leisten und damit auch zusätzlich verdienen. Die meisten Klinikärzte haben diese Verdienste zu ihrem Gehalt hinzu gezählt und wenig darauf geachtet, dass ihr Grundeinkommen relativ niedrig ist. Vor rund sechs Jahren erklärte jedoch der Europäische Gerichtshof diese Ausnahme für unzulässig: Bereitschaftsdienste haben als Arbeitszeit zu zählen. Die Umsetzung dieses Votums wird seither in Deutschland laufend verschoben.

Sicher würden die Kliniken mit den 38,5 Stunden Regelarbeitszeit der Ärzte (im Osten sind es 40) nicht auskommen, das meint auch Dorothee. Darum fordern die Ärzte "arztspezifische" Ausnahmeregelungen vom Arbeitszeitgesetz. Eine 48-Stunden-Woche ist schon im Gespräch. Oder es wird doch ein "Korridor" für eine bestimmte Zahl an zusätzlichen Stunden für Bereitschaftsdienste von 18 bis 24 Stunden eröffnet.

Aber war die Abkoppelung von Verdi nötig? Eine Schwächung der Gewerkschaften halte ich erst einmal für einen Verlust. Sie weiß, dass ich so denke und holt Luft, um auch das zu erklären: Der jüngste Tarifvertrag Öffentlicher Dienst (TVÖD) bringe den Ärzten so viele Nachteile, dass sie sich abwandten. Da erst habe der Marburger Bund, den es als Organisation der angestellten Assistenzärzte seit einem Streik in den fünfziger Jahren gibt, die Verbindung aufgekündigt. Zur Zeit laufen diverse Tarife aus oder werden neu verhandelt, versucht sie mir zu erklären, und diese Zuspitzung sowie der Konflikt um die Bereitschaftsdienste haben die Ärzte fordern lassen, dass auf ihre arztspezifischen Umstände Rücksicht genommen wird. Bei Verdi sind alle Berufe, bei denen es Schichtdienst gibt, in einem Topf - der ausgehandelte Flächentarifvertrag gilt für das gesamte Bundesgebiet vom Gartenbauamt über die Müllabfuhr und die Bäderbetriebe bis zu den Kliniken. Die Ärzte bilden nur ein Prozent aller Belegschaften.

"Wenn wir unsere Interessen nicht vertreten, geht die inhaltliche Arbeit im Krankenhaus den Bach runter. Vielleicht kann man es Verdi nicht vorwerfen, die große Mehrheit zu bedienen. Das ist zwar kurzsichtig, aber wir sind praktisch eine Minderheit, die unter den Tisch fällt. Und in den Augen von Verdi wohl immer noch eine privilegierte Minderheit, die man ruhig ein bisschen zurückstupsen kann."

Der größte Teil der Ärzte in den Krankenhäusern ist keineswegs privilegiert. Über 50 Prozent sind inzwischen Frauen. Früher waren Assistenzärzte für eine Übergangszeit von einigen Jahren in der Klinik. Ihre Perspektive war es, sich irgendwann mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Dieser Weg ist heute den meisten versperrt.

"Ein ganzes Berufsleben lang schaffst du den Klinikbetrieb nicht", meint Dorothee und zeigt erstmals eine gewisse Wut: "Ärzte sollen sich aufopfern, am besten für das reine Ethos. Heute hangeln sich die Ärzte alle sechs Monate von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Unbefristete Verträge werden gar nicht mehr geboten. Die Ärzte erkennen, dass sie inzwischen in knallharten wirtschaftlichen Strukturen stecken, und das führt zu einem Umdenken. Sie sehen nicht mehr ein, dass ihr karitatives Potenzial ausgenutzt wird. Sie wollen angemessen honoriert werden - das ist doch legitim", findet Dorothee. "Dennoch geben sie immer mehr, als sie müssten. Anders geht es nicht im Krankenhaus."

Man wirft den Ärzten vor, eine Gehaltserhöhung würde zu Lasten anderer Berufsgruppen in den Klinken gehen, weil das Budget "gedeckelt" ist, wie es heißt. Ein Graben wird zwischen den Ärzten und "der Pflege" gezogen. Die Ärzte erheben sehr wohl die Forderung, dass mehr Geld ins System gesteckt wird. Seit der Gesundheitsreform unter Seehofer erhalten die Krankenhäuser einen Pauschalbetrag, mit dem sie auskommen müssen. Wer zahlreiche schwerstkranke Patienten aufnimmt, hat Pech, denn Defizite bedeuten Personalreduzierung, eventuell Schließung. Da gibt´s wenig Pardon. Gesundheit als gewinnbringende Branche zu betreiben, das war der Paradigmenwechsel der neunziger Jahre.

Die Hauptforderung aber sei: Genügend Zeit für die Patienten. In einem medizinischen Betrieb, der für große emotionale Belastungen sorgt, ist Austausch nötig und braucht Freiräume. Sonst hakt das System, gehen wichtige Informationen verloren. Kraft- und Zeitreserven sind für Notphasen nötig; wenn alle Energie im Routinebetrieb verbraucht wird, ist nichts mehr da für besonders schwierige Situationen.

Solveig träumt von einem Leben im Zirkus

Dorothee ist in der Rettungsstation an einer Schnittstelle, wo die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Disziplinen unerlässlich ist - eine Art Basis der Vernetzung in der Klinik. Diese Kontakte ergeben sich, sie sind auch ihr persönliches Faible. Wenn man die Zeiten alle reduziert, wird am Ende nicht einmal in der eigenen Abteilung der Austausch funktionieren, schon gar nicht zwischen Ärzten und Pflege. "Man muss mal eine Tasse Kaffee zusammen trinken, sich kennen lernen, einschätzen, wer dir welche Infos gibt. Das Pflegepersonal wird hart am Limit kalkuliert, und wenn jemand ausfällt, werden Leasingkräfte geholt - das sind auch qualifizierte Schwestern, aber ich kenne sie nicht, sie kennen die Abläufe nicht, nicht die Patienten, nicht die Krankenverläufe. Und als Arzt weiß ich nicht, wie gut kann ich mich auf sie verlassen."

"Ärzte sind ja weiter der beliebteste Berufsstand", bemerke ich. Sie unterbricht mich skeptisch: "Immer noch?" Im Krankenhaus glaubt sie zu merken, dass weniger Respekt da ist. Die Leute würden enorm viel verlangen und seien zugleich wenig bereit, Verantwortung für die eigene Gesundheit, zu übernehmen. "Wenn sie in Not sind" - wende ich ein - "dann sind sie doch absolut erwartungsvoll und gläubig." Und Dorothee bestätigt: "Wenn ich die Kraft habe, auf die Leute zuzugehen, merke ich schon, dass sie dankbar sind und es annehmen. Aber - dafür muss ich eben überschüssige Kraft haben."

Wieder einmal klingelt Solveig, ihr ist ein Eis versprochen, sie sitzt schon unten im Getümmel des Eiscafés Isabell. Sehr müde sitzt sie da, denn sie kommt von einem Auftritt beim Gauklerfest: Sie und ihre Freundin Antonia haben eine Clownnummer vorgeführt. Es flossen auch Tränen, anfangs wurden sie völlig übertönt von den anderen Bühnen rundum, aber dann trat glücklich eine Geräuschpause ein, die Pointen waren zu verstehen, die Kinder lachten und applaudierten. Akrobatik und Clownerie ist Solveigs große Leidenschaft, drei Nachmittage in der Woche sind damit gefüllt. Manchmal bringt Dorothee sie hin, sie fahren mit dem Rad über die Spreebrücke, immer im letzten Moment. Dann wartet sie im Café auf die Tochter, liest und ist glücklich mit dieser Stunde, in der niemand etwas von ihr will. Solveig ist jetzt zehn und träumt von einem Leben im Zirkus, und wenn ihr jemand sagt, das sei kein vernünftiger Beruf, streitet sie nicht, lässt nur die Augenlider herunter, als wüsste sie es besser.


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00:00 16.06.2006

Ausgabe 37/2021

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