Take the dog

Berliner Abende Es gibt vier Sorten Hundemänner. Ich nenne sie Hundemänner, weil sie immer nur dann in mein Blickfeld geraten und somit in mein Leben treten, wenn ...

Es gibt vier Sorten Hundemänner. Ich nenne sie Hundemänner, weil sie immer nur dann in mein Blickfeld geraten und somit in mein Leben treten, wenn sie ihren Hund ausführen. Am Tage kann ich sie nicht wahrnehmen, aber abends, wenn den Vierbeinern der letzte Ausgang gewährt wird, sehe ich sie von meinem Balkon aus. Die Hundemänner.

Typ eins nutzt den Freigang ohne elektronische Fußfessel, um gemächlich und heimlich und genussvoll zu rauchen. Der Hund ist einfach nur Vorwand und interessiert die Herren recht wenig. Wenn sie die letzte Kippe ausgetreten haben, pfeifen oder rufen sie nach dem Tier, das dann irgendwo aus dem Gebüsch gesprungen kommt, und gehen wieder nach Hause in die nikotinfreie Zone. Ob der Hund inzwischen ein Kind gefressen, eine alte Dame gebissen, eine tote Maus gefunden oder mit einer Bierbüchse Fußball gespielt hat, interessiert diese Männer wenig. Das sind die Junkies.

Typ zwei nutzt den Hund und die Gunst der Stunde, um sich körperlich zu ertüchtigen. Es sind keine Jogger oder so, sondern ganz normaltaugliche Männer, teilweise in Bundfaltenhosen, die aber im Laufe ihres Lebens zu dem Schluss gekommen sind, dass sie möglicherweise mehrere Risikofaktoren in sich vereinen und mit sich rumschleppen: Zu wenig Bewegung, zu viel Stress, zu häufig Junkfood, zu wenig Sex. Sie befürchten, irgendwann mit Arthrose, Diabetes, Tachiakardie, Herzrhythmusstörungen oder leichten Infarkten geschlagen zu sein.

Deshalb rennen sie neben dem Hund her, wenn sie ihn abends ausführen und glauben, damit die Gefahren zu bannen. Wenn sie loslaufen, vermischt sich das Hecheln des Hundes mit ihrem lauten Schnaufen. Manchmal verschwinden sie auf den schmalen Pfaden zwischen den Bäumen und Sträuchern. Dann kann ich sie nur hören - den hechelnden Hund und den schnaufenden Mann. Und manchmal klingt es so, als käme am Ende nur einer von beiden zurück. Diese Hundemänner haben mein ganzes Mitgefühl. Vor allem dann, wenn sie zu den Bundfaltenhosen auch noch eierschalenfarbene Blousonjacken tragen und ich von meinem Balkon aus einen gnadenlosen Blick auf die lichten Stellen ihrer Häupter werfen kann.

Natürlich gibt es beim Typ zwei auch Hundemänner, die sich extra für diese abendlichen Sportveranstaltungen ein anderes Outfit zugelegt haben - eine bequeme Jogginghose, mit einem Schnürband im Bund, dessen Länge beim Bauchumfang mindestens vier Konfektionsgrößen abdeckt. Dazu ein Kapuzenshirt oder eine regenfeste Jacke mit kleiner Brusttasche, die einen Reißverschluss hat. Weiße oder hellgraue Socken und Turnschuhe komplettieren das Ganze.

Das sind die Schluffis.

Typ drei pflegt eine innige und ernsthafte Beziehung zum Hund. Ich erkenne diese Männer daran, dass sie mit dem Tier reden, wenn sie vorbeilaufen, ihm Vorhaltungen machen oder etwas beibringen wollen. Sie lassen apportieren und rufen halblaut irgendwelche Befehle. Sie schimpfen mit dem Hund, wenn er irgendetwas falsch gemacht hat und bleiben ab und zu auf einen Plausch mit anderen Hundebesitzern stehen. Der Kontakt lässt sich leicht herstellen, das Wetter ist kein Thema und vielleicht kennt man sich auch schon von anderen abendlichen Hundegängen. Diese Hundemänner lesen wahrscheinlich eine Menge Bücher über ihr Haustier und arbeiten mit ihm nach einem ganz individuell aufgestellten Lernprogramm. Der Zusammenhang zwischen Zyniker und Kynologe ist ihnen bekannt.

Das sind die Erzieher.

Typ vier geht abends mit Hund und Handy raus in die Prärie. Auch bei ihnen dient das Tier eher als Vorwand, denn als Anlass, eigentlich wollen sie einfach nur in Ruhe mit der Geliebten telefonieren. Versuchten sie das in der Wohnung, was sie manchmal tun, wenn die Sehnsucht zu groß ist, müssen sie sich im Bad einschließen und den Rasierapparat oder das Badewasser laufen lassen, um von der auch geliebten, aber Ehefrau nicht gehört zu werden. Die Verständigung ist schwierig und die Angst größer als die Lust in solchen Situationen, also gehen sie lieber mit dem Hund raus. Sie suchen sich einen schönen Baum, an den sie sich lehnen können, der Hund macht sich selbständig, und dann telefonieren sie mit der heimlichen Geliebten. Sie reden leise und alles, was sich nach oben auf die Balkone mitteilt, ist eine Ahnung von Traurigkeit oder Verzweiflung, oder Feigheit oder Resignation. Irgendwann wird die Ehefrau die Telefonabrechnung mit Einzelgesprächsnachweis finden oder die Geliebte einen unverheirateten Mann oder der Hund ein Ende aus Altersgründen. Dann sieht man sie nicht mehr, die Hundemänner vom Typ vier.

Ich finde - man möge mir verzeihen - das sind die armen Schweine.

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00:00 29.06.2001

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