Takecarebefree

Alltag Einige Bemerkungen zum Kapitalismus und seinen Folgen

Wir müssen jetzt mal über ein gewisses Accessoire für die Dame reden. Tut ja sonst niemand. Dass mittlerweile jedwede Perversion talkshowfähig zu sein scheint, heißt ja nicht, dass es keine Grauzonen gäbe, neinnein, das Tabu lebt, und es haust genau in der blitzblanken Nähe jener Hygieneprodukte, deren Verpackungen um so sauberer aussehen, je schmutziger wir uns den Inhalt vorstellen. Gut, das schrappt hier hart am Intimbereich, aber da müssen wir jetzt durch.

Die Geschichte ist die: Ich bin mit Freundin U. verabredet, hab noch knappe zehn Minütchen und springe, weil ich wieder diese Dings brauche, bei denen es sich überdies nicht um Tampons handelt, kurz bei Rossmann rein. Segele schnellen Schritts und unbeirrt von Shampoos, Haarfestigern, Spülungen, Duschgels, Deostiften und dem Ständer mit der CD-Serie Babymix. Klassik-Hits für Kids geradeaus und einmal um die Ecke rum direkt auf die Ecke zu, in der ich das von mir gesuchte Produkt vermute. Komme vor einem Regal zum Stehen. In dem türmen sich auf sieben - in Ziffern 7 - Etagen eben jene Dings. Zugegeben, wir wollen das beschriebene Produkt nicht missen und zugegeben, der Kapitalismus befriedigt durchaus auch Bedürfnisse, die uns schon immer ein Bedürfnis waren, wenn wir´s nur gewusst hätten. Aber was sich hier auf sieben - in Ziffern 7 - Regaletagen ausbreitet, ist nicht mal mittels Linnéscher Taxonomie einigermaßen logisch zu erfassen. Die Gattung der Binde oder Bindenartiges aus der Familie der zellwollwattehaltigen Hygieneartikel gibt es im Rossmann-Regal jeweils von den Marken Carefree, Allways, Record, Tena und Camelia. No-Name Erzeugnisse von Rossmann in der genannten Produktsparte heißen Facelle. Die füllen natürlich auch einige Regalmeter.

Nun gliedert sich die Binde auf in die Untergattungen Nachtbinde, Classic-Binde und Mini-Binde, die sich wiederum unterteilt in Diskret-Binde (für Blasenschwäche) und Ultra-Binde samt zugehöriger Untergruppen. Dies multipliziert mit den einzelnen Markenprodukten macht pi mal Daumen sechs mal drei: 18 verschiedenartige Packungen allein für die Untergattung Nacht, Classic, Mini.

Ich frage mich, ob die Slip-Einlage, jetzt ist´s heraus, das ist das Ding, das ich suche, eine Untergattung der Gattung Binde ist, also nur eine Variation der Mini-Binde, oder doch eine eigene Gattung? Wie dem auch sei, über Sinn und Zweck jener Spezies "Wäscheschutz" müssen wir hier nicht diskutieren: 4,5 Milliarden - in Ziffern 4,524,892,200 - Stück Slip-Einlagen wurden 2003 an die deutsche Frau verkauft Die Zahl weiß ich auswendig! 40 Prozent der deutschen Frauen tragen Slipeinlagen, das macht bei vermutlich 16 Millionen deutscher slipeinlagentragender Frauen im Schnitt 280 Slipeinlagen pro Frau im Jahr. Nur bei uns.

Ich suche Carefree, die normalen oder so, die es immer gab, die nicht knubbeln, nicht fusseln, gut sitzen und nicht reißen. Aber die sehe ich nicht. Ich sehe Carefree "FlexiForm", ich sehe Carefree "Maxi mit microfresh pearls" ich sehe Carefree "Frischeduft". Ganz ruhig, es bleiben noch sechs Minuten. Wozu hast du Philosophie studiert, versuch´s mit Aristoteles. Nimmt man an, die Slipeinlage wäre die Substanz, dann ließe sie sich weiter kategorial bestimmen nach:

- Quantität: kurz oder lang (long)
- Qualität: weiß oder schwarz (black)
- Haben: ohne Seitenflügelchen zum Umklappen oder mit (plus)
- Wirken: ohne Parfüm oder mit (fresh)
- Leiden: lässt keine Luft durch oder doch (atmungsaktiv)
- Relation: größer als ein Tanga oder nicht (string-tanga)

Nicht einordnen lässt sich Flexi-Form. Passt sowohl für den Alltagsslip wie für Tanga. So weit war Aristoteles noch nicht. Wenn ich das jetzt richtig sehe, ergibt das mindestens 62 Kombinationen, also 36 verschiedene mögliche Varianten. Mindestens. Es gibt aber nur 17 verschiedene Slipeinlagen- und Binden-Produkte der Marke Facelle und 20 der Firma Allways. Aha, man betrügt uns, und das soll jetzt Kapitalismus sein! Das Warenangebot umfasst zwar - zum Beispiel - Facelle für String-Tanga black nicht atmungsaktiv und String Tanga weiß atmungsaktiv. Es gibt aber auf diesem ganzen scheiß Planeten nicht eine Slipeinlage, die weiß Tanga und nicht atmungsaktiv wäre. Ist das fair?

Erschwerend für eine logische Erfassung der Seinsart Slipeinlage kommt hinzu, dass die verantwortlichen Menschen in den Abteilungen für Produktentwicklung völlig undiszipliniert neue Kategorien erfinden wie "super dünn", "new optimal hold", "Baumwollgefühl" oder "black and white". Wobei natürlich jede Firma andere Merkmale kreiert und für das, was sie erfindet, ein eigenes Sprachsystem benutzt, das aber in sich selbst kategorial nicht schlüssig ist. Ich hatte gerade zu begreifen geglaubt, dass "ultra", zumindest bei der Marke Allways, als Zeichen dafür zu verstehen sei, dass es sich bei dem Produkt um eine Binde handelt. Dann aber stehe ich vor den Slipeinlagen "Alldays ultra light", was überdies nicht dasselbe ist wie "Alldays ultra small". Vielleicht steht aber auch die Bezeichnung "Allways" für Binde und "Alldays" für Slipeinlange. Was aber heißt dann ultra? Und was um Himmels Willen ist "ultra normal plus"? Ich möchte anmerken, dass der Begriff "normal" im Zusammenhang mit der Warenproduktion unter spätkapitalistischen Bedingungen als völlig bedeutungslos angesehen werden muss. Das hat - so betrachtet - auch wieder was Befreiendes.

Hilft aber auch nicht, denn Gipfelpunkt der begrifflichen Schlamperei im Rossmann-Regal ist, dass die Wertigkeit der jeweiligen Klassifikationsmerkmale nicht durchsichtig ist, weshalb ich immer noch petrifiziert und völlig handlungsunfähig auf die bunten Boxen starre. Sie gleichen kleinen Litfaßsäulen, und es ist nicht zu erkennen, welches der aufgedruckten Qualitätsmerkmale nun das Wesentliche ausdrückt zur Erfassung dessen, was ich will. "Allways Alldays Normal. Atmungsaktiv mit dem geruchsbindenden Kern. So fühlen Sie sich einfach gut" steht da oder "Facelle körpergerecht geformt. Zuverlässiger Wäscheschutz. Hautsympathisch für jeden Tag. Comfort Wäscheschutz". Vermutlich soll der kleine gebogene Schriftzug "Comfort Wäscheschutz" den zur Taxonomie notwendigen Oberbegriff bezeichnen, was immer er bedeuten soll. Ich fürchte, auf die Dauer ist das auch für den Kapitalismus nicht gut, wenn Dutzende von gut verdienenden Marketingstrategen besoffen vor Kreativität den ganzen Tag nichts anderes tun, als beliebige Eigenschaften zu leitenden Begriffen für die Einordnung von Slippeinlagen in Sinnsysteme zu küren.

Ich bin hoffnungslos zu spät, U. wartet schon seit sieben Minuten. Carefree undurchlässig ohne Duft und ohne Tanga hab ich nicht gefunden, greife blind zu Camelia "normal ultra dünn", stürze zur Kasse, wo eine sehrsehrsehr lange Schlange von Damen darauf wartet, die in ihren Körbchen arrangierten Produkte aus den Sparten Haartönung, ultrabiosplusfacile Scheuermilch oder Nagelläcker aller Art käuflich erstehen zu dürfen. Glücklich sehen die nicht aus. Ich dränge mich an der Schlange vorbei, lasse den Karton auf das leere Laufband der Nebenkasse fallen, rufe "ich komm dann später noch mal wieder" und haste zum verabredeten Ort. Dort sitzt U. Ruhig, gelassen, glücklich. Ich sei an der Produktvielfalt des Rossmannschen Slipeinlagenregals hoffnungslos zerschellt, entschuldige ich ... U. grinst nachsichtig weise. Sie ist, verrät sie, zur Methode realsozialistischen Hamsterns zurückgekehrt. Wenn einmal eine Haartönung, ein Lippenstift oder ein Irgendwas von überzeugender Qualität ergattert sei, kaufe sie von dem Teil dann gleich Massen auf Vorrat. Man weiß ja nie, obs das in einem halben Jahr noch gibt. Ach! Und wie sie mir so gegenüber sitzt, meine Freundin, sehe ich zu ihrer Rechten und zur Linken Türme von Carefree-Boxen förmlich in die Höhe kriechen. U. sitzt mittendrin, ruhig, gelassen, glücklich.


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00:00 19.11.2004

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